T Tierlexikon.net
← Lexikon

Drohverhalten

D

Verhalten > Sozialverhalten

Definition & Überblick

Als Drohverhalten (auch: Drohgebärde, Imponierdrohung) bezeichnet die Ethologie sämtliche Verhaltensweisen, mit denen ein Tier einem Artgenossen oder einem artfremden Gegner signalisiert, dass es zu einem Angriff bereit ist – ohne diesen Angriff tatsächlich auszuführen. Es handelt sich um eine ritualisierte Form der agonistischen Kommunikation, die innerhalb des Sozialverhaltens eine zentrale Rolle einnimmt. Drohverhalten steht funktional zwischen Imponierverhalten und offenem Kampf und dient in erster Linie dazu, Konflikte ohne körperliche Auseinandersetzung zu lösen.

In der klassischen Verhaltensforschung nach Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen wird Drohverhalten als Ausdruck eines Motivationskonflikts zwischen Angriffs- und Fluchtbereitschaft gedeutet. Das Tier befindet sich in einem Zustand ambivalenter Erregung, aus dem heraus spezifische Ausdrucksbewegungen entstehen. Diese Bewegungen sind evolutionär zu festen Signalen – sogenannten Ritualisierungen – geformt worden und bilden einen wesentlichen Bestandteil des arttypischen Instinktinventars.

Biologischer Hintergrund

Drohverhalten ist das Produkt eines langen Selektionsdrucks. Offene Kämpfe sind für beide Kontrahenten mit erheblichen Kosten verbunden: Verletzungen, Energieverlust und erhöhte Prädationsanfälligkeit während des Kampfes. Die Evolution hat daher Mechanismen begünstigt, die eine Eskalation vermeiden. Drohgebärden ermöglichen es Tieren, ihre Kampfkraft und Motivation einzuschätzen, bevor es zu einer physischen Konfrontation kommt. Die spieltheoretischen Modelle von John Maynard Smith (insbesondere das Falke-Taube-Spiel) belegen mathematisch, dass Populationen mit einem gewissen Anteil an Drohstrategen evolutionär stabiler sind als rein aggressive Populationen.

Physiologisch wird Drohverhalten durch das sympathische Nervensystem und die Ausschüttung von Stresshormonen wie Adrenalin und Kortisol gesteuert. Gleichzeitig spielen Androgene – insbesondere Testosteron – eine modulierende Rolle, da sie die Reizschwelle für aggressives Verhalten senken. Die neuronalen Schaltkreise im Hypothalamus und in der Amygdala integrieren sensorische Reize und lösen die motorischen Muster der Drohgebärden aus.

Typische körperliche Veränderungen beim Drohen umfassen das Aufstellen von Haaren, Federn oder Schuppen (Piloerektion), das Zeigen von Waffen wie Zähnen, Hörnern oder Krallen, die optische Vergrößerung der Körpersilhouette sowie akustische Signale wie Knurren, Fauchen oder Brüllen. Viele dieser Elemente sind Intentionsbewegungen – unvollständige Anfangsbewegungen des eigentlichen Angriffs, die im Laufe der Stammesgeschichte zu eigenständigen Signalen ritualisiert wurden.

Bei welchen Tieren tritt es auf?

Drohverhalten ist im Tierreich außerordentlich weit verbreitet und findet sich bei nahezu allen Tiergruppen, die in irgendeiner Form soziale Interaktionen eingehen:

  • Säugetiere: Wölfe zeigen das sogenannte Drohgesicht mit gerunzelter Nase, gefletschten Zähnen und nach vorn gerichteten Ohren. Gorillas trommeln auf ihre Brust und führen Scheinangriffe durch. Katzen bilden einen Katzenbuckel, plustern ihr Fell auf und fauchen. Hirsche präsentieren ihr Geweih in Parallelgängen.
  • Vögel: Schwäne heben ihre Flügel und senken den Hals in S-Form auf die Wasseroberfläche. Hähne sträuben Hals- und Schwanzfedern. Eulen klappen ihre Flügel auf und klappern mit dem Schnabel.
  • Reptilien: Die Kragenechse entfaltet ihren Hautkragen und reißt das Maul auf. Kobras richten den Vorderkörper auf und spreizen die Halsrippen zur charakteristischen Kapuze. Leguane nicken rhythmisch mit dem Kopf und präsentieren ihre laterale Körperfläche.
  • Fische: Buntbarsche spreizen Kiemendeckel und Flossen, um größer zu wirken. Kampffische (Betta splendens) entfalten ihre Flossen vollständig und intensivieren ihre Körperfärbung.
  • Wirbellose: Krebse heben ihre Scheren in die Höhe. Spinnen strecken ihre Vorderbeine empor. Hummeln und Wespen nehmen eine erhobene Körperhaltung ein und präsentieren ihren Stachel.

Auslöser & Funktion

Drohverhalten wird durch spezifische Schlüsselreize ausgelöst. Dazu gehören das Eindringen eines Rivalen in das Territorium, die Annäherung an verteidigte Ressourcen wie Nahrung, Nistplätze oder Paarungspartner sowie direkte Konfrontationen innerhalb einer sozialen Rangordnung. Auch die Verteidigung von Jungtieren kann intensives Drohverhalten hervorrufen, etwa bei Muttertieren, die eine erhöhte Aggressionsbereitschaft zeigen.

Die Funktionen des Drohverhaltens lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Konfliktvermeidung: Durch die ritualisierte Darstellung der eigenen Kampfstärke kann der Gegner ohne physische Auseinandersetzung zum Rückzug bewegt werden.
  • Ressourcensicherung: Territorien, Nahrungsquellen und Fortpflanzungspartner werden durch Drohgebärden verteidigt, ohne dass Verletzungsrisiken entstehen.
  • Stabilisierung der Hierarchie: In sozialen Gruppen dient regelmäßiges Drohen der Bestätigung und Aufrechterhaltung der Dominanzhierarchie, ohne dass die Rangordnung ständig durch Kämpfe neu ausgehandelt werden muss.
  • Feindabwehr: Gegenüber Prädatoren kann Drohverhalten – etwa die Mimikry giftiger Arten oder das plötzliche Zeigen von Augenflecken – abschreckend wirken und das Überleben sichern.