Leerlaufhandlung
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Definition & Überblick
Als Leerlaufhandlung (auch Leerlaufreaktion oder englisch vacuum activity) bezeichnet die Ethologie eine Instinkthandlung, die ohne den normalerweise erforderlichen auslösenden Reiz ausgeführt wird. Das Tier zeigt ein vollständiges oder nahezu vollständiges Verhaltensmuster, obwohl das passende Objekt oder die passende Reizsituation fehlt. Ein klassisches Beispiel ist ein Hund, der ohne vorhandene Beute eine komplette Fangbewegung mit anschließendem Schütteltöten in der Luft vollführt, oder ein Star, der im leeren Käfig den gesamten Ablauf einer Insektenjagd durchspielt – einschließlich Fixieren, Zuschnappen und Schlucken.
Der Begriff wurde maßgeblich von Konrad Lorenz geprägt und in die klassische Instinkttheorie eingebettet. Lorenz beschrieb Leerlaufhandlungen als besonders aufschlussreiche Phänomene, weil sie die Eigengesetzlichkeit angeborener Verhaltensweisen offenlegen: Verhalten ist demnach nicht nur eine passive Reaktion auf Umweltreize, sondern wird durch innere Bereitschaften – die sogenannte aktionsspezifische Erregung – aktiv angetrieben.
Biologischer Hintergrund
Nach dem psychohydraulischen Modell von Lorenz sammelt sich die aktionsspezifische Erregung für eine bestimmte Instinkthandlung kontinuierlich an, vergleichbar mit Wasser in einem Reservoir. Im Normalfall wird diese Erregung durch einen Schlüsselreiz abgerufen, der über den angeborenen Auslösemechanismus (AAM) das entsprechende Verhalten freigibt. Bleibt der adäquate Reiz jedoch über längere Zeit aus, steigt die innere Handlungsbereitschaft so weit an, dass die Reizschwelle drastisch absinkt – bis schließlich gar kein äußerer Reiz mehr nötig ist, um das Verhalten auszulösen.
Neurophysiologisch lässt sich dies durch eine zunehmende Erregbarkeit zentralnervöser Schaltkreise erklären. Motorische Programme, die in Stammhirn und Rückenmark organisiert sind, werden bei chronischem Reizentzug enthemmt. Die hemmende Kontrolle höherer Hirnzentren reicht dann nicht mehr aus, um die Erbkoordination zu unterdrücken. Das Ergebnis ist eine scheinbar grundlose, im Ablauf aber hochstereotype Verhaltenssequenz, die sich kaum von der normalen, reizgesteuerten Handlung unterscheidet.
Leerlaufhandlungen stehen in enger Beziehung zu verwandten ethologischen Phänomenen. Von Übersprunghandlungen unterscheiden sie sich dadurch, dass sie zum selben Funktionskreis gehören wie die aufgestaute Motivation – das Tier putzt sich nicht ersatzweise, sondern führt genau jene Handlung aus, für die der Reiz fehlt. Von Intentionsbewegungen grenzen sie sich durch ihre Vollständigkeit ab: Während Intentionsbewegungen nur den Anfang eines Verhaltensablaufs andeuten, durchläuft die Leerlaufhandlung das gesamte motorische Programm.
Bei welchen Tieren tritt es auf?
Leerlaufhandlungen wurden bei einer Vielzahl von Tierarten dokumentiert, vor allem bei Wirbeltieren mit komplexem Instinktrepertoire:
- Vögel: Stare und andere Singvögel zeigen Leerlauf-Insektenfang in reizarmen Käfigen. Hühner und Truthähne führen Staubbadebewegungen auf Drahtgitterböden aus, obwohl kein Substrat vorhanden ist. Kanarienvögel vollziehen Nestbaubewegungen ohne Nistmaterial.
- Hunde und andere Caniden: Jagdsequenzen wie Fixieren, Hetzen und Zupacken treten gelegentlich ohne erkennbares Zielobjekt auf, besonders bei Rassen mit stark selektierten Jagdinstinkten.
- Katzen: Das sogenannte „Mäuseln" – ein imaginäres Beutefangspiel ohne vorhandene Beute – kann als Leerlaufhandlung gedeutet werden, besonders bei reiner Wohnungshaltung ohne ausreichende Jagdmöglichkeiten.
- Fische: Bereits Lorenz beschrieb Leerlaufhandlungen bei Buntbarschen, die Brutpflegebewegungen ohne vorhandene Eier oder Jungfische ausführten.
- Nagetiere und Schweine: Wühlbewegungen und Grabbewegungen in reizarmen Haltungsumgebungen ohne geeignetes Substrat.
Grundsätzlich gilt: Je stärker ein Verhaltensmuster genetisch fixiert ist und je weniger die Haltungsbedingungen dem natürlichen Lebensraum entsprechen, desto wahrscheinlicher treten Leerlaufhandlungen auf.
Auslöser & Funktion
Der entscheidende Auslöser für Leerlaufhandlungen ist paradoxerweise das Fehlen eines Auslösers. Die innere Motivation baut sich auf, ohne dass sie durch normales Verhalten abgebaut werden kann. Faktoren, die diesen Prozess begünstigen, sind:
- Reizarme Umgebung: Monotone Haltungssysteme, in denen natürliche Schlüsselreize fehlen
- Soziale Isolation: Fehlende Sozialpartner bei Tieren mit ausgeprägtem Sozialverhalten
- Bewegungsmangel: Einschränkung des natürlichen Aktionsradius und des Territorialverhaltens
- Zeitliche Deprivation: Langfristiges Vorenthalten von Möglichkeiten zur Ausübung arttypischer Verhaltensweisen
Über die biologische Funktion wird kontrovers diskutiert. Manche Forscher sehen Leerlaufhandlungen als funktionsloses Nebenprodukt der neuronalen Organisation von Instinkten. Andere interpretieren sie als Mechanismus zur Aufrechterhaltung motorischer Koordination: Durch gelegentliches Durchspielen der Bewegungsabläufe bleiben neuronale Verschaltungen aktiv und funktionsfähig, selbst wenn sie aktuell nicht gebraucht werden. Diese Sichtweise rückt Leerlaufhandlungen in die Nähe des Spielverhaltens, das ebenfalls eine Übungsfunktion erfüllen kann.
Bedeutung für die Haltung
Für die artgerechte Tierhaltung sind Leerlaufhandl