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Pica

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Verhalten > Auffälligkeiten & Problemverhalten

Definition & Überblick

Als Pica (auch Allotriophagie) bezeichnet die Ethologie das wiederholte Aufnehmen und Verschlucken von Substanzen, die keinen Nährwert besitzen und nicht zur artgemäßen Nahrung gehören. Der Begriff leitet sich vom lateinischen Namen der Elster (Pica pica) ab, die dafür bekannt ist, wahllos verschiedenste Objekte aufzusammeln. Im Kontext der Verhaltensforschung wird Pica als Verhaltensstörung eingestuft, die sowohl bei Wild- als auch bei Haustieren auftritt und in ihrer Ausprägung von gelegentlichem Lecken an ungewöhnlichen Oberflächen bis zum habituellen Verschlingen von Fremdkörpern reichen kann.

Typische Materialien, die bei Pica aufgenommen werden, umfassen Wolle, Stoff, Plastik, Steine, Holz, Erde, Kot (Koprophagie), Haare (Trichophagie) und Papier. Die Abgrenzung zu normalem Erkundungsverhalten, bei dem viele Tierarten Objekte mit dem Maul untersuchen, liegt im tatsächlichen Verschlucken der Substanzen sowie in der Persistenz und Zwanghaftigkeit des Verhaltens.

Biologischer Hintergrund

Die Entstehung von Pica ist multifaktoriell und lässt sich selten auf eine einzelne Ursache zurückführen. Aus physiologischer Sicht spielen Nährstoffdefizite eine zentrale Rolle: Ein Mangel an Mineralien wie Eisen, Zink, Phosphor oder Spurenelementen kann das Verlangen nach ungewöhnlichen Substanzen auslösen. Der Organismus versucht in solchen Fällen, das Defizit durch gezielte oder ungezielte Aufnahme von Materialien auszugleichen – ein Mechanismus, der als appetitives Verhalten gegenüber fehlenden Nährstoffen interpretiert wird.

Neurobiologisch steht Pica in Zusammenhang mit Veränderungen im dopaminergen System. Chronischer Stress, Unterforderung oder fehlende Umweltreize führen zu einer verminderten Ausschüttung von Dopamin, woraufhin das Tier durch stereotype Handlungen – darunter das Kauen und Schlucken von Fremdkörpern – eine Selbststimulation erzeugt. Dieser Mechanismus ähnelt der Entstehung anderer Stereotypien wie dem Weben bei Pferden oder dem Stangenbeißen bei Schweinen.

Aus lerntheoretischer Perspektive kann Pica durch Konditionierung aufrechterhalten werden. Erhält ein Tier durch das Verhalten Aufmerksamkeit vom Halter – sei es in Form von Zuwendung oder Bestrafung –, wirkt dies als Verstärker. Ebenso kann die orale Stimulation selbst belohnend wirken und das Verhalten über operante Konditionierung festigen.

Bei welchen Tieren tritt es auf?

Pica ist bei einer Vielzahl von Tierarten dokumentiert:

  • Katzen – Besonders orientalische Rassen wie Siamesen und Burmakatzen zeigen eine genetische Prädisposition für Wollfressen (Wool Sucking), das sich zu echtem Pica-Verhalten weiterentwickeln kann. Betroffene Tiere kauen und verschlucken Textilien, Plastiktüten oder Gummibänder.
  • Hunde – Häufig betroffen sind Junghunde sowie Rassen mit starkem Kautrieb wie Labrador Retriever. Typische Substrate sind Steine, Socken, Holzstücke und Kunststoff. Die Koprophagie stellt beim Hund eine Sonderform dar, die teils instinktgesteuert, teils pathologisch bedingt ist.
  • Pferde – Holzkauen (Lignophagie) und Sandaufnahme treten vor allem bei Tieren in reizarmer Haltung oder bei Raufuttermangel auf. Auch das Fressen von Erde (Geophagie) wird bei Pferden regelmäßig beobachtet.
  • Rinder und Schafe – Phosphormangel und Spurenelementdefizite lösen bei Wiederkäuern Pica aus, die sich im Kauen von Knochen, Steinen, Lumpen oder Plastikteilen äußert.
  • Vögel – Papageien und Sittiche in Einzelhaltung entwickeln Pica häufig als Ausdruck von Langeweile und fehlendem Sozialverhalten. Federfressen und die Aufnahme von Metallteilen sind typische Erscheinungsformen.
  • Zootiere und Primaten – In Gefangenschaft gehaltene Affen, Bären und Großkatzen zeigen Pica als Teil eines umfassenderen Komplexes von Verhaltensstörungen, die aus Deprivation resultieren.

Auslöser & Funktion

Die Auslöser von Pica lassen sich in vier Kategorien unterteilen:

  • Nutritive Faktoren – Mineralstoffmangel, einseitige Fütterung, unzureichende Rohfaserversorgung bei Herbivoren, Malabsorption durch Darmerkrankungen.
  • Umweltbedingte Faktoren – Reizarme Haltung, mangelnde Beschäftigungsmöglichkeiten, beengter Lebensraum ohne Rückzugsmöglichkeiten oder Strukturen zur Exploration. Das Fehlen eines adäquaten Territorialverhaltens und eingeschränkte Kommunikation mit Artgenossen verstärken die Problematik.
  • Psychogene Faktoren – Angst, Trennungsstress, soziale Isolation, frühzeitiges Absetzen von der Mutter. Bei Katzen wird das Wollsaugen als Übersprungshandlung gedeutet, die auf unvollständiger Entwöhnung basiert und einen Ersatz für das Saugverhalten am Muttertier darstellt.
  • Medizinische Faktoren – Gastrointestinale Erkrankungen, Pankreasinsuffizienz, endokrine Störungen und neurologische Grunderkrankungen können Pica auslösen oder begünstigen.

Eine adaptive Funktion besitzt Pica in der Regel nicht. Die Geophagie stellt allerdings eine Ausnahme dar: Bei zahlreichen Wildtierarten, darunter Primaten, Elefanten und Papageien, dient die gezielte Erdaufnahme der Entgiftung