Wiehern
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Definition & Überblick
Als Wiehern wird eine charakteristische Vokalisation des Hauspferdes (Equus caballus) bezeichnet, die zu den lautesten und auffälligsten akustischen Signalen innerhalb der Gattung Equus zählt. Der Laut besteht aus einer komplexen Folge von Frequenzmodulationen, die typischerweise mit einem hochfrequenten Einsatz beginnen und in eine tiefere, pulsierende Phase übergehen. Die Gesamtdauer beträgt in der Regel zwischen einer und drei Sekunden. In der Ethologie wird das Wiehern als Fernkommunikationssignal klassifiziert – es dient primär der Kontaktaufnahme über größere Distanzen und unterscheidet sich damit funktional von anderen equinen Lautäußerungen wie dem Schnauben, Quietschen oder Brummen.
Das Wiehern ist kein einheitliches Signal, sondern variiert in Tonhöhe, Lautstärke und Dauer je nach emotionalem Zustand, Kontext und Individualität des Tieres. Moderne akustische Analysen haben gezeigt, dass sich im Wiehern Informationen über Identität, Geschlecht, Körpergröße und affektive Valenz des Senders kodieren lassen. Es handelt sich damit um ein kommunikativ vielschichtiges Verhalten, das weit über eine einfache Reflexhandlung hinausgeht.
Biologischer Hintergrund
Die Lauterzeugung beim Wiehern erfolgt im Kehlkopf (Larynx) durch die Vibration der Stimmlippen. Die eingeatmete Luft wird durch die Kontraktion der Atemmuskulatur mit Druck durch die Glottis gepresst, wobei die Spannung der Stimmlippen die Grundfrequenz bestimmt. Beim Pferd liegt diese je nach Individuum zwischen 200 und 2.000 Hz. Die charakteristische Zweiphasenstruktur des Wieherns – ein initialer tonaler Abschnitt, gefolgt von einer rauen, pulsierenden Komponente – entsteht durch den Wechsel zwischen regulärer und irregulärer Stimmlippenvibration.
Forschungsarbeiten der Universität Rennes und der ETH Zürich haben 2014 nachgewiesen, dass die beiden Phasen des Wieherns unabhängig voneinander emotionale Informationen transportieren. Die erste, hochfrequente Phase kodiert die Valenz (positiv oder negativ), während die zweite Phase Aufschluss über die Erregungsintensität (Arousal) des Tieres gibt. Damit verfügt das Pferd über ein akustisches Kommunikationssystem, das differenzierter ist als lange angenommen.
Neurophysiologisch wird das Wiehern durch das limbische System moduliert, insbesondere durch Amygdala und Hypothalamus, die emotionale Bewertungen in motorische Signale umsetzen. Gleichzeitig unterliegt die Lautgebung einer gewissen kortikalen Kontrolle, was die situationsabhängige Anpassung des Wieherns ermöglicht.
Bei welchen Tieren tritt es auf?
Im engeren Sinne ist das Wiehern eine artspezifische Vokalisation der Equiden. Es tritt auf bei:
- Hauspferd (Equus caballus) – häufigstes und am besten dokumentiertes Wiehern
- Przewalski-Pferd (Equus ferus przewalskii) – strukturell ähnliche Lautäußerungen, die auf eine gemeinsame stammesgeschichtliche Wurzel hindeuten
- Esel (Equus asinus) – das sogenannte „Iahen" wird gelegentlich umgangssprachlich als Wiehern bezeichnet, unterscheidet sich akustisch jedoch erheblich durch seine biphasische Ein- und Ausatmungsstruktur
- Zebras – je nach Art (Steppenzebra, Grevyzebra, Bergzebra) existieren arttypische Rufe, die funktionale Parallelen zum Wiehern aufweisen, akustisch aber als Bellen oder Kläffen beschrieben werden
- Maultiere und Maulesel – zeigen Lautäußerungen, die Merkmale beider Elternarten kombinieren
Außerhalb der Equiden wird der Begriff Wiehern in der wissenschaftlichen Literatur nicht verwendet. Umgangssprachliche Übertragungen auf andere Tierarten sind fachlich nicht korrekt.
Auslöser & Funktion
Das Wiehern wird durch verschiedene Schlüsselreize und soziale Situationen ausgelöst. Die wichtigsten Kontexte sind:
- Soziale Trennung: Der häufigste Auslöser ist die Separation von Artgenossen, insbesondere von Herdenmitgliedern oder dem Muttertier. Das Wiehern fungiert hier als Kontaktruf, der auf Wiedervereinigung abzielt. In der Ethologie spricht man von einem affiliativen Signal.
- Begrüßung und Wiedererkennung: Pferde wiehern häufig, wenn sie vertraute Artgenossen oder bekannte Menschen wahrnehmen. Studien belegen, dass Pferde individuelle Stimmen erkennen und ihr Antwortverhalten entsprechend anpassen – ein Hinweis auf ausgeprägte soziale Kognition.
- Erwartung und Antizipation: Fütterungszeiten oder bevorstehende Aktivitäten können Wiehern auslösen. Hier überlagern sich Konditionierung (erlernte Reiz-Reaktions-Verknüpfungen) und motivationale Zustände.
- Frustration und Stress: Wiederholtes, intensives Wiehern kann ein Indikator für psychische Belastung sein, etwa bei Isolation, Stallwechsel oder dem Verlust eines Sozialpartners.
- Sexuelle Kommunikation: Hengste wiehern in Anwesenheit rossiger Stuten. Dieser Ruf unterscheidet sich akustisch von anderen Kontexten durch eine höhere Intensität und dient der Signalisierung von Paarungsbereitschaft.
Funktional lässt sich das Wiehern somit nicht auf einen einzelnen Instinkt reduzieren. Es ist ein kontextabhängiges, multimodales Signal, das sowohl angeborene als auch erlernte Komponenten enthält.
Bedeutung für die Haltung
Für Pferdehalter und Stallbetreiber liefert das Wiehern wichtige diagnostische Hinweise auf das Wohlbefinden der Tiere. Häufiges, langgezogenes Wiehern – insbesondere in Kombination mit Unruhe, Schwitzen oder stereotyp