Dösen
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Definition & Überblick
Als Dösen wird in der Ethologie ein Ruhezustand bezeichnet, der sich zwischen aktivem Wachsein und tiefem Schlaf einordnet. Das Tier befindet sich dabei in einer Phase herabgesetzter Aufmerksamkeit, behält jedoch eine gewisse Reaktionsbereitschaft gegenüber Umweltreizen bei. Die Augen sind häufig halb geschlossen oder werden in unregelmäßigen Abständen kurz geöffnet. Die Muskelspannung ist im Vergleich zum Tiefschlaf erhöht, sodass viele Tiere im Dösen ihre Körperhaltung aufrechterhalten können – etwa im Stehen, Sitzen oder in einer locker zusammengerollten Liegeposition.
Vom echten Schlaf unterscheidet sich das Dösen durch das Fehlen der für den Tiefschlaf typischen EEG-Muster. Es dominieren langsame Wellen niedriger Amplitude, die dem leichten Schlaf (Non-REM-Stadium 1) ähneln, jedoch durch wiederkehrende kurze Wachphasen unterbrochen werden. In der tiermedizinischen und verhaltensbiologischen Literatur wird das Dösen auch als Halbschlaf, Somnolenz oder im Englischen als drowsing bezeichnet. Es ist ein normaler Bestandteil des Ruhe-Aktivitäts-Rhythmus nahezu aller Wirbeltiere und dient sowohl der Energieeinsparung als auch der Aufrechterhaltung einer basalen Wachsamkeit gegenüber Prädatoren.
Biologischer Hintergrund
Neurophysiologisch gesteuert wird das Dösen durch ein komplexes Zusammenspiel von Hirnarealen, die sowohl schlaffördernde als auch wachheitssteuernde Funktionen übernehmen. Der Hypothalamus, insbesondere der ventrolaterale präoptische Bereich, spielt bei der Einleitung von Ruhephasen eine zentrale Rolle, während das retikuläre Aktivierungssystem im Hirnstamm die Grundwachheit moduliert. Beim Dösen befinden sich diese Systeme in einem labilen Gleichgewicht: Das Tier gleitet zwischen Wachheit und Schlaf hin und her, ohne vollständig in einen der beiden Zustände einzutreten.
Hormonell wird der Übergang ins Dösen durch einen Anstieg von Melatonin und eine Reduktion von Cortisol begünstigt. Die Körpertemperatur sinkt leicht, der Herzschlag verlangsamt sich, und die Atemfrequenz wird regelmäßiger. Im Unterschied zum REM-Schlaf bleibt die Skelettmuskulatur aktiv, was erklärt, warum etwa Pferde im Stehen dösen können, ohne umzufallen. Dieser Zustand stellt eine evolutionär bedeutsame Anpassung dar, da er Erholung ermöglicht, ohne die Fluchtfähigkeit vollständig aufzugeben.
Aus Sicht der Chronobiologie ist das Dösen häufig an bestimmte Tageszeiten gekoppelt. Tagaktive Tiere dösen vermehrt in den frühen Nachmittagsstunden oder kurz vor der Dämmerung, während nachtaktive Spezies bevorzugt in den Vormittagsstunden in diesen Halbschlaf gleiten.
Bei welchen Tieren tritt es auf?
Dösen ist bei Wirbeltieren außerordentlich weit verbreitet und kommt in unterschiedlich ausgeprägter Form vor:
- Pferde verbringen einen erheblichen Teil ihrer täglichen Ruhezeit im Dösen – bis zu sechs Stunden pro Tag. Dank eines speziellen passiven Stehapparats (Stay-Apparatus) können sie dabei aufrecht stehen und bei Gefahr sofort fliehen. Dieses Verhalten ist ein klassisches Beispiel für die Verbindung von Ruheverhalten und Prädationsvermeidung.
- Wiederkäuer wie Rinder und Schafe dösen häufig während der Wiederkauphase. Der ruhige, rhythmische Kauvorgang geht dabei in einen halbwachen Zustand über, bei dem die Tiere dennoch auf akustische Störreize reagieren.
- Katzen sind für ihre ausgedehnten Dösperioden bekannt. Bis zu zwei Drittel ihrer Gesamtschlafzeit entfallen auf leichten Schlaf und Dösen, in dem die Ohren aktiv auf Geräuschquellen ausgerichtet bleiben.
- Vögel zeigen eine besondere Form des Dösens, bei der nur eine Gehirnhälfte in den Schlafmodus übergeht (unihemisphärischer Schlaf). Ein Auge bleibt geöffnet und überwacht die Umgebung – ein Phänomen, das vor allem bei Enten, Möwen und Zugvögeln dokumentiert ist.
- Reptilien wie Leguane und Bartagamen zeigen ebenfalls dösartige Ruhezustände, bei denen sie zwar die Augen schließen, aber auf Erschütterungen oder Schatten schnell reagieren.
- Meeressäuger wie Delfine und Robben nutzen das Dösen in Kombination mit unihemisphärischem Schlaf, um gleichzeitig an der Wasseroberfläche atmen und vor Raubtieren wachsam bleiben zu können.
Auslöser & Funktion
Die Auslöser für das Dösen sind vielfältig und umfassen sowohl interne als auch externe Faktoren. Zu den endogenen Auslösern zählen ein gesteigertes Schlafbedürfnis nach physischer Aktivität, ein gefüllter Magen nach der Nahrungsaufnahme sowie hormonelle Zyklen. Exogene Auslöser sind Wärme, gedämpftes Licht, Windstille und die Abwesenheit von Störreizen. In einer Sozialgruppe kann das Dösverhalten eines Individuums durch soziale Fazilitation auch bei Artgenossen ausgelöst werden – beginnt ein Herdenmitglied zu dösen, folgen oft weitere.
Funktionell erfüllt das Dösen mehrere Aufgaben:
- Energieeinsparung: Der herabgesetzte Stoffwechsel reduziert den Kalorienverbrauch, ohne dass das Tier vollständig in einen tiefen Schlaf fallen muss.
- Wachsamkeit: Die verbleibende Reaktionsbereitschaft ermöglicht eine schnelle Fluchtreaktion bei Annäherung von Prädatoren oder Störungen im Territorium.
- Schlafvorbereitung: Das Dösen dient häufig als Übergangsphase zum Tiefschlaf und erleichtert das Einschlafen durch schrittweise Reduktion der neuronalen Aktiv