Drohen
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Definition & Überblick
Unter Drohen (auch Drohverhalten oder Drohgebärde) versteht die Ethologie sämtliche Verhaltensweisen, mit denen ein Tier einem Artgenossen oder einem artfremden Gegenüber signalisiert, dass es bereit ist, bei weiterer Annäherung oder Eskalation zu einem tatsächlichen Angriff überzugehen. Es handelt sich um eine Form der ritualisierten Kommunikation, die in den allermeisten Fällen darauf abzielt, eine physische Auseinandersetzung gerade nicht stattfinden zu lassen. Drohen steht damit funktionell zwischen Imponierverhalten und offenem Kampfverhalten und gehört zum Repertoire des agonistischen Verhaltens – jenem Komplex aus Angriff, Flucht, Drohen und Beschwichtigen, der Konflikte innerhalb und zwischen Arten regelt.
Typische Elemente des Drohverhaltens sind das Zeigen von Waffen (Zähne, Krallen, Hörner), das optische Vergrößern der Körpersilhouette, starre Blickkontakte, spezifische Lautäußerungen sowie markante Körperhaltungen. Die Intensität des Drohens kann dabei graduell variieren – von leichtem Fixieren bis hin zu sogenannten Intentionsbewegungen, also unvollständig ausgeführten Angriffshandlungen.
Biologischer Hintergrund
Drohverhalten entsteht evolutionsbiologisch dort, wo offene Kämpfe mit hohen Kosten verbunden sind: Verletzungsgefahr, Energieverlust und erhöhte Prädationsanfälligkeit während des Kampfes üben starken Selektionsdruck zugunsten ritualisierter Konfliktlösung aus. Die Verhaltensforschung spricht in diesem Zusammenhang von Ritualisierung – einem Prozess, bei dem ursprünglich funktionale Bewegungsmuster (etwa ein tatsächlicher Biss) im Lauf der Stammesgeschichte zu einem reinen Signalverhalten umgewandelt wurden.
Auf neurophysiologischer Ebene wird Drohverhalten vor allem durch Strukturen des limbischen Systems gesteuert, insbesondere durch die Amygdala und den Hypothalamus. Die Ausschüttung von Katecholaminen (Adrenalin, Noradrenalin) versetzt das Tier in einen Zustand erhöhter Handlungsbereitschaft. Gleichzeitig besteht beim Drohen häufig ein Motivationskonflikt zwischen Angriffs- und Fluchttendenzen. Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen haben diesen Ambivalenzcharakter als zentral für das Verständnis von Drohgebärden beschrieben: Viele Drohhaltungen lassen sich als Überlagerung von Angriffs- und Fluchtintention deuten.
Neben der genetisch verankerten, instinktiven Grundlage spielt auch Erfahrung eine Rolle. Durch Konditionierung und soziales Lernen verfeinern viele Tierarten ihr Drohrepertoire. Ein junger Wolf etwa lernt durch Interaktionen mit Rudelmitgliedern, wann eine Drohgebärde angemessen ist und welche Intensitätsstufe in welchem Kontext zum Erfolg führt.
Bei welchen Tieren tritt es auf?
Drohverhalten ist im Tierreich außerordentlich weit verbreitet und keineswegs auf Wirbeltiere beschränkt:
- Säugetiere: Hunde, Wölfe und andere Caniden zeigen Zähnefletschen, Nackenhaar-Aufstellen (Piloerektion) und tiefes Knurren. Katzen buckeln den Rücken, plustern das Fell auf und fauchen. Primaten wie Schimpansen setzen auf Imponierläufe, lautes Schreien und direkten Blickkontakt. Huftiere senken die Hörner oder Geweihe und scharren mit den Hufen.
- Vögel: Schwäne heben die Flügel und senken den Hals in eine S-Kurve. Eulen spreizen ihre Federn zu einer imposanten Fläche. Hähne stellen Kamm und Kehllappen auf und treten seitlich auf den Rivalen zu.
- Reptilien: Die Bartagame präsentiert ihren geschwärzten Kehlbart, Kobras spreizen die Nackenhaube, und viele Eidechsenarten führen rhythmische Kopfnickbewegungen aus.
- Fische: Buntbarsche spreizen die Kiemendeckel (Kiemendeckelabspreizen) und stellen die Flossen auf, um ihre Körperfläche zu maximieren. Das Drohverhalten des Siamesischen Kampffisches zählt zu den bekanntesten Beispielen in der Verhaltensforschung.
- Wirbellose: Selbst Krebse, Spinnen und zahlreiche Insektenarten zeigen Drohgebärden – etwa das Erheben und Öffnen der Scheren bei Flusskrebsen oder die Drohstellung der Gottesanbeterin.
Auslöser & Funktion
Die wichtigsten Auslöser für Drohverhalten sind Situationen, in denen limitierte Ressourcen verteidigt werden müssen: Territorium, Nahrung, Paarungspartner oder Nachwuchs. Ein Eindringling im Revier, ein Konkurrent am Futterplatz oder die Annäherung an ein Nest mit Jungtieren sind klassische Schlüsselreize. Auch Rangordnungskonflikte innerhalb sozialer Gruppen lösen regelmäßig Drohverhalten aus – es ist damit ein zentrales Element des Sozialverhaltens und der Hierarchiebildung.
Die biologische Funktion des Drohens lässt sich in mehrere Aspekte gliedern:
- Konfliktvermeidung: Drohen ersetzt den Kampf. Der Unterlegene kann sich ohne Verletzung zurückziehen, was beiden Kontrahenten nützt.
- Ressourcensicherung: Durch effektives Drohverhalten verteidigen Tiere Territorien, Futter und Fortpflanzungschancen.
- Stabilisierung sozialer Strukturen: In Gruppen lebende Tiere nutzen Drohsignale zur Aufrechterhaltung der Rangordnung, ohne permanente Kämpfe führen zu müssen.
- Feindabwehr: Gegenüber Prädatoren dient Drohen als Abschreckung – etwa das Fauchen einer Katze oder das Aufblähen eines Kugelfisches.