Flaschenaufzucht
FFutter & Ernährung > Fütterung & Praxis
Definition & Überblick
Unter Flaschenaufzucht versteht man die Handaufzucht junger Säugetiere mithilfe einer Flasche und eines speziellen Milchaustauschers (Milchersatz), wenn die Muttermilch nicht oder nicht ausreichend zur Verfügung steht. Die Gründe dafür sind vielfältig: Verstoßung durch das Muttertier, Tod der Mutter, Milchmangel (Agalaktie), Mehrlingsgeburten, bei denen nicht alle Jungtiere ausreichend versorgt werden können, oder Erkrankungen, die das Säugen unmöglich machen.
Die Flaschenaufzucht ist eine anspruchsvolle Aufgabe, die fundiertes Wissen über die artspezifischen Nährstoffbedürfnisse, korrekte Fütterungsintervalle und strenge Hygiene erfordert. Sie kommt bei Haustieren, Nutztieren und in der Wildtierpflege gleichermaßen zum Einsatz. Obwohl sie kein vollwertiger Ersatz für die natürliche Aufzucht am Muttertier ist, kann sie bei korrekter Durchführung eine hohe Überlebensrate und gesunde Entwicklung der Jungtiere sicherstellen.
Zusammensetzung & Inhaltsstoffe
Der Erfolg der Flaschenaufzucht hängt maßgeblich vom eingesetzten Milchaustauscher ab. Dieser muss in seiner Zusammensetzung der arttypischen Muttermilch möglichst nahekommen. Je nach Tierart unterscheiden sich die Anteile der Hauptnährstoffe erheblich:
- Protein: Essenziell für Wachstum und Muskelaufbau. Katzenmilch enthält beispielsweise deutlich mehr Eiweiß als Kuhmilch, weshalb handelsübliche Kuhmilch als Ersatz ungeeignet ist. Hochwertige Milchaustauscher liefern leicht verdauliches Protein, häufig auf Basis von Kasein und Molkenprotein.
- Fett: Der wichtigste Energielieferant für Neugeborene. Der Fettgehalt variiert stark – Hundemilch enthält rund 9–10 % Fett, Katzenmilch etwa 5–8 %, während Kaninchenmilch mit bis zu 15 % Fett extrem gehaltvoll ist.
- Kohlenhydrate: Laktose ist der Hauptzucker der meisten Säugetiermilchen. Einige Tierarten vertragen Laktose jedoch nur in begrenztem Maß, was bei der Auswahl des Milchaustauschers berücksichtigt werden muss.
- Vitamine und Mineralstoffe: Vitamin A, D, E und B-Komplex sowie Calcium, Phosphor und Spurenelemente sind für die Skelettentwicklung, das Immunsystem und den Stoffwechsel unverzichtbar. Gute Milchaustauscher enthalten diese in abgestimmter Dosierung.
- Rohfaser: In der Milchphase spielt Rohfaser keine Rolle, wird aber beim späteren Übergang zur Beifütterung zunehmend wichtig.
Milchaustauscher sind in der Regel als Alleinfuttermittel für die jeweilige Lebensphase konzipiert und decken den gesamten Nährstoffbedarf des Jungtieres ab. Ergänzende Präparate sind normalerweise nicht nötig, sofern ein artgerechtes Produkt verwendet wird.
Für welche Tiere geeignet?
Die Flaschenaufzucht wird bei einer Vielzahl von Tierarten praktiziert:
- Hunde und Katzen: Am häufigsten bei verwaisten Welpen und Kitten. Spezialisierte Welpenmilch und Kittenmilch sind im Fachhandel erhältlich.
- Kaninchen: Besonders anspruchsvoll, da Kaninchenmilch extrem fett- und proteinreich ist. Die Überlebensrate bei Handaufzucht ist niedriger als bei anderen Arten.
- Lämmer und Ziegenlämmer: In der Nutztierhaltung ist die Flaschenaufzucht bei Flaschenlämmern weit verbreitet, besonders bei Mehrlingsgeburten.
- Kälber und Fohlen: Kälber erhalten häufig Milchaustauscher in der Tränkeeimerfütterung, bei Fohlen erfolgt die Aufzucht teilweise über Flaschen mit großem Sauger.
- Wildtiere: In Auffangstationen werden verwaiste Eichhörnchen, Igel, Rehkitze und andere Wildtiere per Flasche oder Spritze aufgezogen. Hier ist besondere Fachkenntnis gefragt.
Fütterungsempfehlung
Die korrekte Futtermenge und das passende Fütterungsintervall richten sich nach Tierart, Alter und Körpergewicht. Grundsätzlich gelten folgende Prinzipien:
- Erste Lebenstage: Fütterung alle 2–3 Stunden, auch nachts. Die einzelne Futterration ist klein, da der Magen des Neugeborenen nur wenig Volumen fasst. Als Richtwert bei Kitten und Welpen gelten etwa 2–5 ml pro Mahlzeit am ersten Lebenstag.
- Ab der zweiten Woche: Die Intervalle können auf 3–4 Stunden ausgedehnt werden, die Einzelmenge steigt entsprechend der Gewichtszunahme.
- Ab der dritten bis vierten Woche: Fütterung alle 4–6 Stunden. Beginn der Beifütterung mit artgerechtem Welpenfutter, Kittenfutter oder entsprechender Festnahrung.
- Temperatur: Die Milch wird auf etwa 37–39 °C erwärmt – entsprechend der Körpertemperatur des Muttertieres. Zu heiße Milch verursacht Verbrühungen, zu kalte Milch führt zu Verdauungsstörungen.
- Körperhaltung: Jungtiere werden beim Trinken stets in Bauchlage gehalten, niemals auf dem Rücken. Eine falsche Haltung kann zu Aspiration (Einatmen von Milch) und tödlicher Lungenentzündung führen.
Das tägliche Wiegen der Jungtiere ist unverzichtbar, um die Gewichtsentwicklung zu kontrollieren und die Futtermenge anzupassen. Eine stetige Gewichtszunahme von 5–10 % des Körpergewichts pro Tag gilt bei Kitten