T Tierlexikon.net
← Lexikon

Fliegenmade

F

Tiermedizin & Gesundheit > Parasiten

Definition & Überblick

Als Fliegenmaden bezeichnet man die Larven verschiedener Fliegenarten, die lebendes oder nekrotisches Gewebe von Tieren besiedeln. Der medizinische Fachbegriff für einen solchen Befall lautet Myiasis (auch: Fliegenmadenkrankheit oder Fliegenmadenbefall). Dabei legen bestimmte Fliegenspezies ihre Eier auf der Haut, in Wunden oder in feuchten Körperregionen eines Wirtstieres ab. Die daraus schlüpfenden Larven ernähren sich je nach Art von abgestorbenem Gewebe, Wundsekret oder auch von lebendem Gewebe und können erhebliche Gewebeschäden verursachen.

In Mitteleuropa sind vor allem die Schmeißfliegen (Calliphoridae), insbesondere Lucilia sericata (Goldfliege) und Lucilia caesar, sowie verschiedene Arten der Fleischfliegen (Sarcophagidae) als Verursacher einer Myiasis relevant. Betroffen sind häufig Schafe, Kaninchen und Meerschweinchen, aber auch Hunde, Katzen, Pferde und Geflügel können befallen werden. In tropischen und subtropischen Regionen kommen zusätzlich obligat parasitäre Arten wie die Schraubenwurmfliege (Cochliomyia hominivorax) oder die Tumbu-Fliege (Cordylobia anthropophaga) vor.

Man unterscheidet grundsätzlich zwischen fakultativer Myiasis, bei der die Fliegen normalerweise totes organisches Material besiedeln, aber gelegentlich auch lebendes Gewebe befallen, und obligater Myiasis, bei der die Larven zwingend auf einen lebenden Wirt angewiesen sind. In Europa überwiegt die fakultative Form deutlich.

Ursachen & Risikofaktoren

Die Hauptursache einer Myiasis ist das Ablegen von Fliegeneiern auf der Körperoberfläche eines Tieres. Fliegen werden dabei durch bestimmte Geruchsstoffe angelockt, die von Wunden, Fäkalien, Urin oder zersetzendem Gewebe ausgehen. Eine einzelne Schmeißfliege kann mehrere hundert Eier in einer Gelege ablegen. Bei warmen Temperaturen schlüpfen die Maden bereits nach wenigen Stunden und beginnen sofort mit der Nahrungsaufnahme.

Folgende Risikofaktoren begünstigen einen Madenbefall erheblich:

  • Offene Wunden: Selbst kleine Hautverletzungen, Bisswunden oder chirurgische Wunden können Fliegen anlocken.
  • Verschmutztes Fell: Kotverschmierungen im Analbereich (besonders bei Durchfall) oder uringetränktes Fell schaffen ideale Bedingungen.
  • Feuchtwarmes Klima: Sommerliche Temperaturen oberhalb von 20 °C und hohe Luftfeuchtigkeit fördern die Fliegenaktivität und verkürzen die Entwicklungszeit der Larven drastisch.
  • Eingeschränkte Mobilität: Alte, kranke, adipöse oder gelähmte Tiere, die sich nicht ausreichend putzen oder bewegen können, sind besonders gefährdet.
  • Langes, dichtes Fell: Verfilztes oder verschmutztes Fell, insbesondere im Perinealbereich, bietet ideale Nischen für die Eiablage.
  • Haltungshygiene: Unzureichend gereinigte Ställe, Käfige oder Ausläufe mit Kot- und Urinansammlungen erhöhen das Risiko massiv.
  • Grunderkrankungen: Tiere mit Diabetes mellitus, Harninkontinenz, chronischer Diarrhö oder Hauterkrankungen sind prädisponiert.

Besonders häufig betroffen sind Kaninchen in Außenhaltung während der warmen Monate sowie Schafe, bei denen das Phänomen als „Flystrike" (Myiasis ovium) bekannt und gefürchtet ist.

Symptome & Erkennung

Die Symptomatik einer Myiasis entwickelt sich oft erschreckend schnell – innerhalb von Stunden kann aus einer scheinbar harmlosen Situation ein lebensbedrohlicher Zustand entstehen. Die Larven setzen proteolytische Enzyme frei, die das umliegende Gewebe zersetzen, und bohren sich zunehmend tiefer in die Haut und Unterhaut ein.

Typische Anzeichen eines Fliegenmadenbefalls sind:

  • Sichtbare Maden im Fell, auf der Haut oder in Wunden – oft als weiße bis gelbliche, wenige Millimeter bis über einen Zentimeter große Larven erkennbar
  • Übler, süßlich-fauliger Geruch im betroffenen Bereich
  • Feuchte, gerötete oder offene Hautstellen mit Gewebezerfall (Nekrose)
  • Unruhe, vermehrtes Lecken oder Beißen an der betroffenen Stelle
  • Apathie, Fressunlust und zunehmende Teilnahmslosigkeit
  • Fieber oder Untertemperatur bei fortgeschrittenem Befall
  • Anzeichen eines Schocks: blasse Schleimhäute, beschleunigte Atmung, schwacher Puls

Bei einem massiven Befall können die Larven großflächige Gewebedefekte verursachen und über die Freisetzung von Toxinen eine systemische Vergiftung (Toxämie) auslösen. Dieser Zustand ist ohne Behandlung häufig tödlich.

Diagnose

Die Diagnose einer Myiasis erfolgt in der Regel durch die klinische Untersuchung und ist in den meisten Fällen eine Blickdiagnose. Das Auffinden lebender Maden auf oder in der Haut eines Tieres ist pathognomonisch – also beweisend für die Erkrankung. Dennoch erfordert die Diagnostik Sorgfalt, da sich Larven häufig in tieferen Gewebeschichten, unter Krusten oder in Hauttaschen verbergen.

Der Tierarzt wird das Fell großzügig scheren, um das gesamte Ausmaß des Befalls beurteilen zu können. Ergänzend werden Blutuntersuchungen durchgeführt, um den Allgemeinzustand des Tieres einzuschätzen. Relevante Parameter umfassen das Blutbild, Nieren- und Leberwerte sowie Entzündungsmarker. Bei tiefgreifendem Befall können bildgebende Verfahren wie Röntgen oder