Invasive Art
IBiologie & Ökologie > Ökologie & Lebensraum
Definition und Abgrenzung
Eine invasive Art (auch: invasive Spezies) ist eine Tier-, Pflanzen- oder Pilzart, die durch menschliches Zutun in ein Gebiet gelangt, in dem sie ursprünglich nicht heimisch war, und die dort erhebliche Schäden an Ökosystemen, Biodiversität oder wirtschaftlichen Gütern verursacht. Der Begriff wird häufig synonym mit Neobiota verwendet, obwohl eine wichtige Unterscheidung besteht: Nicht jede gebietsfremde Art ist automatisch invasiv. Viele eingeschleppte Arten – sogenannte Neozoen (Tiere) oder Neophyten (Pflanzen) – fügen sich unauffällig in bestehende Lebensgemeinschaften ein. Erst wenn eine eingeführte Art sich unkontrolliert ausbreitet, einheimische Arten verdrängt oder Ökosystemfunktionen stört, gilt sie als invasiv.
Die Internationale Union zur Erhaltung der Natur (IUCN) definiert invasive gebietsfremde Arten als eine der fünf größten Bedrohungen für die globale Artenvielfalt – gleichrangig mit Lebensraumverlust, Übernutzung, Umweltverschmutzung und Klimawandel.
Ursachen und Ausbreitungswege
Die Verschleppung gebietsfremder Arten hängt eng mit der Globalisierung zusammen. Durch internationalen Handel, Schifffahrt, Luftverkehr und Tourismus überwinden Organismen natürliche Ausbreitungsbarrieren wie Ozeane, Gebirgsketten oder Wüsten, die sie aus eigener Kraft nie hätten überqueren können. Die wichtigsten Einschleppungswege sind:
- Ballastwasser von Schiffen: Millionen Tonnen Wasser werden mitsamt Plankton, Larven und Kleinstlebewesen zwischen Häfen weltweit transportiert. So gelangte etwa die Rippenqualle (Mnemiopsis leidyi) ins Schwarze Meer.
- Blinde Passagiere in Fracht und Verpackungsmaterial: Insekten, Spinnen und Schnecken reisen unbemerkt in Containern, Holzpaletten oder Obstlieferungen mit.
- Absichtliche Aussetzung: Tiere werden gezielt zur Schädlingsbekämpfung, für die Jagd, die Pelzgewinnung oder als Ziertiere eingeführt. Die Aga-Kröte (Rhinella marina) wurde 1935 in Australien zur Bekämpfung von Zuckerrohrkäfern ausgesetzt – mit katastrophalen Folgen für die einheimische Fauna.
- Aquarien- und Terrarienhandel: Ausgesetzte oder entkommene Heimtiere etablieren Populationen in freier Wildbahn. In Florida haben sich so Dunkle Tigerpythons (Python bivittatus) in den Everglades ausgebreitet und die Bestände einheimischer Säugetiere drastisch reduziert.
- Kanalbau und Verbindung getrennter Wassersysteme: Der Suezkanal ermöglicht seit seiner Eröffnung die Einwanderung von Arten aus dem Roten Meer ins Mittelmeer – ein Phänomen, das als Lesseps'sche Migration bekannt ist.
Ökologische Auswirkungen
Invasive Arten greifen auf vielfältige Weise in bestehende Ökosysteme ein. Sie stehen in Konkurrenz zu einheimischen Arten um Nahrung, Brutplätze und Lebensraum. Oft sind sie den heimischen Arten überlegen, weil natürliche Fressfeinde, Parasiten und Krankheitserreger im neuen Lebensraum fehlen – ein Phänomen, das als Enemy Release Hypothesis (Feindfreisetzungshypothese) bezeichnet wird.
Die Auswirkungen lassen sich in mehrere Kategorien einteilen:
- Prädation: Eingeführte Raubtiere dezimieren Beutetierarten, die kein angepasstes Fluchtverhalten besitzen. Verwilderte Hauskatzen gelten weltweit als eine der schlimmsten invasiven Arten und sind für das Aussterben Dutzender Vogel-, Reptilien- und Säugetierarten auf Inseln verantwortlich.
- Nahrungskonkurrenz: Das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) verdrängt in Großbritannien und Italien das heimische Europäische Eichhörnchen (Sciurus vulgaris), da es Nahrungsressourcen effizienter nutzt.
- Übertragung von Krankheiten: Invasive Arten bringen Pathogene mit, gegen die einheimische Arten keine Immunität besitzen. Das Grauhörnchen überträgt das sogenannte Squirrelpox-Virus, das für Eichhörnchen tödlich verläuft.
- Hybridisierung: Kreuzungen zwischen invasiven und heimischen Arten verwässern den Genpool. Die eingeführte Schwarzkopf-Ruderente (Oxyura jamaicensis) hybridisiert mit der vom Aussterben bedrohten Weißkopf-Ruderente (Oxyura leucocephala) im Mittelmeerraum.
- Veränderung von Lebensräumen: Manche invasive Arten transformieren ganze Ökosysteme. Der Bisam (Ondatra zibethicus) untergräbt Deiche und Uferbefestigungen. Der Waschbär (Procyon lotor) plündert als Allesfresser Nester bedrohter Vogelarten und gefährdet Amphibienbestände.
Invasive Tierarten in Mitteleuropa
In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind zahlreiche invasive Tierarten etabliert. Die Europäische Union führt eine sogenannte Unionsliste (gemäß EU-Verordnung Nr. 1143/2014), auf der invasive Arten gelistet sind, für die besondere Maßnahmen gelten. Zu den bekanntesten invasiven Tierarten in Mitteleuropa zählen:
- Waschbär (Procyon lotor): Ursprünglich aus Nordamerika, seit den 1930er-Jahren in Deutschland freilebend. Die Population wird auf über eine Million Tiere geschätzt.
- Marderhund (Nyctereutes procyonoides): Aus