T Tierlexikon.net
← Lexikon

Mimese

M

Biologie & Ökologie > Ökologie & Lebensraum

Definition und Abgrenzung

Mimese bezeichnet eine Form der Tarnung, bei der ein Organismus in Gestalt, Farbe, Haltung oder Oberflächenstruktur einen Bestandteil seiner Umgebung nachahmt. Das Tier wird dadurch für Fressfeinde oder Beutetiere praktisch unsichtbar, weil es mit dem Hintergrund verschmilzt oder für ein unbelebtes Objekt gehalten wird. Im Unterschied zur Mimikry, bei der ein Lebewesen ein anderes – meist wehrhaftes oder ungenießbares – Lebewesen imitiert, zielt die Mimese darauf ab, gar nicht als Organismus wahrgenommen zu werden. Die Grenzen zwischen beiden Phänomenen sind in der Praxis fließend, in der Fachliteratur werden sie jedoch als eigenständige Strategien behandelt.

Eng verwandt mit der Mimese ist die Krypsis, der Oberbegriff für alle Formen der Tarnung. Mimese ist dabei eine spezielle Ausprägung der Krypsis, bei der nicht nur die allgemeine Farbgebung an den Hintergrund angepasst ist (wie bei der schlichten Tarnfärbung), sondern eine gezielte Formimitation eines konkreten Objekts stattfindet – etwa eines Blattes, Zweiges, Steins oder Vogelkots.

Formen der Mimese

Je nach nachgeahmtem Objekt lassen sich mehrere Typen unterscheiden:

  • Phytomimese: Die Nachahmung von Pflanzenteilen. Hierzu gehören Insekten, die Blätter, Rinde, Dornen, Blüten oder Flechten imitieren. Die bekanntesten Beispiele sind Gespenstschrecken und Wandelnde Blätter (Familie Phylliidae), deren Körper bis ins Detail einem Laubblatt gleicht – inklusive Blattadern, Blattstiel und bräunlichen Fraßspuren.
  • Allomimese (Zoomimese): Die Nachahmung eines anderen Tieres oder tierischer Hinterlassenschaften. Manche Raupen ähneln Vogelkot auf einem Blatt, was sie für die meisten Fressfeinde völlig uninteressant macht. Bestimmte Krabbenspinnen imitieren Ameisen, was weniger der Tarnung vor Fressfeinden als dem unentdeckten Zugang zu Beutetieren dient.
  • Gesteins- und Substratmimese: Einige Tiere ahmen mineralische Oberflächen nach. Steinfische (Synanceia) etwa sind in Farbe und Textur kaum von bewachsenen Korallenstücken oder Steinen am Meeresboden zu unterscheiden. Ähnlich verfahren bestimmte Heuschrecken in Wüstengebieten, die in Form und Farbe Kieselsteinen gleichen.

Biologische Mechanismen

Die Täuschung funktioniert über mehrere Sinneskanäle gleichzeitig. Die optische Komponente steht meist im Vordergrund: Körperform, Färbung und Musterung entsprechen dem nachgeahmten Objekt. Bei vielen Gespenstschrecken sind selbst die Beine flächig verbreitert und wirken wie kleine Blättchen. Die Stabschrecke Extatosoma tiaratum trägt lappige Auswüchse am Abdomen, die an vertrocknete Blattränder erinnern.

Ergänzend spielt das Verhalten eine entscheidende Rolle. Wandelnde Blätter wiegen sich bei Luftbewegung sanft hin und her, als würden sie im Wind schwanken. Stabschrecken verharren bei Störung in völliger Regungslosigkeit – oft stundenlang. Diese Akinese (Bewegungslosigkeit) verstärkt den Tarneffekt erheblich, denn Bewegung ist der stärkste Auslöser für die visuelle Erkennung durch Prädatoren.

Bei manchen Arten geht die Anpassung über das Visuelle hinaus. Bestimmte Bockkäfer, die Baumrinde imitieren, haben auch eine raue Oberflächentextur, die sich bei Berührung wie Rinde anfühlt. Damit wird selbst die taktile Prüfung durch einen Fressfeind erschwert.

Evolutionäre Entwicklung

Mimese ist das Ergebnis eines langen Selektionsprozesses. Individuen, deren Erscheinung auch nur geringfügig stärker einem Umgebungsobjekt ähnelte, hatten einen Überlebensvorteil: Sie wurden seltener gefressen und gaben ihre Gene häufiger an die nächste Generation weiter. Über Millionen von Jahren führte dieser Selektionsdruck zu den teils verblüffend detaillierten Nachbildungen, die heute zu beobachten sind.

Fossile Funde belegen, dass Mimese eine evolutionär alte Strategie ist. Bereits aus dem Mesozoikum sind Insekten bekannt, deren Flügeladerung jener von Pflanzenblättern gleicht. Die Strategie hat sich in zahlreichen, nicht näher verwandten Tiergruppen konvergent entwickelt – ein Hinweis darauf, dass sie unter geeigneten ökologischen Bedingungen einen erheblichen Fitnessvorteil bietet.

Ökologische Bedeutung

Mimese beeinflusst die Räuber-Beute-Beziehungen innerhalb eines Ökosystems direkt. Gut getarnte Beutetiere senken die Jagdeffizienz von Prädatoren, was wiederum Selektionsdruck auf die Sinnesleistungen der Jäger ausübt. Dieses Wechselspiel wird als koevolutionäres Wettrüsten bezeichnet: Während die Beutearten ihre Tarnung verfeinern, entwickeln Räuber schärfere Sinne oder neue Suchstrategien.

Nicht nur Beutetiere nutzen Mimese. Auch Lauerjäger setzen die Strategie ein. Gottesanbeterinnen der Gattung Hymenopus ahmen Orchideenblüten nach und werden so von bestäubenden Insekten nicht als Gefahr erkannt – sondern aktiv angeflogen. Steinfische verharren reglos am Meeresboden und schnappen zu, sobald ein ahnungsloses Beutetier in Reichweite kommt. In diesen Fällen dient die Mimese nicht dem Schutz, sondern der aggressiven Tarnung für den Beutefang.

Mimese in verschiedenen Tiergruppen

Die Strategie findet sich quer durch das Tierreich, mit einer deutlichen Häufung bei den Insekten. Neben den bereits genannten Gespenstschrecken und Gottesanbeterinnen nutzen zahlreiche Schmetterlingsarten – etwa das Indische Blatt (Kallima i