Mimikry
MBiologie & Ökologie > Ökologie & Lebensraum
Definition und Überblick
Mimikry bezeichnet in der Biologie die Nachahmung bestimmter Merkmale einer Art (des sogenannten Vorbilds oder Modells) durch eine andere Art (den Nachahmer oder Mimik). Diese Nachahmung kann sich auf Färbung, Körperform, Verhalten, Geruch oder akustische Signale erstrecken. Ziel der Mimikry ist es, einen Signalempfänger – etwa einen Fressfeind, ein Beutetier oder einen Bestäuber – zu täuschen. Der Begriff geht auf den britischen Naturforscher Henry Walter Bates zurück, der das Phänomen 1862 erstmals wissenschaftlich beschrieb, nachdem er in den tropischen Regenwäldern Südamerikas auffällige Ähnlichkeiten zwischen verschiedenen Schmetterlingsarten beobachtet hatte.
Mimikry ist ein Produkt der natürlichen Selektion. Individuen, die einem gefährlichen oder ungenießbaren Vorbild stärker ähneln, haben einen Überlebensvorteil gegenüber Artgenossen ohne diese Ähnlichkeit. Über viele Generationen hinweg führt dieser Selektionsdruck dazu, dass die Nachahmung immer präziser wird. Von der allgemeinen Tarnung (Krypsis), bei der ein Tier mit seinem Hintergrund verschmilzt, unterscheidet sich Mimikry dadurch, dass gezielt die Signale einer anderen Art kopiert werden.
Bates'sche Mimikry
Die bekannteste Form ist die Bates'sche Mimikry. Dabei ahmt eine harmlose, essbare Art das Aussehen einer giftigen, ungenießbaren oder wehrhaften Art nach. Der Signalempfänger – in der Regel ein Fressfeind – hat zuvor gelernt, das Vorbild zu meiden, und überträgt diese Meidung auf den Nachahmer.
Ein klassisches Beispiel liefert die Schwebfliege (Familie Syrphidae). Zahlreiche Schwebfliegenarten tragen eine schwarz-gelbe Streifenzeichnung, die der Warnfärbung von Wespen und Bienen stark ähnelt. Obwohl Schwebfliegen weder stechen noch Gift produzieren, werden sie von Vögeln und anderen Prädatoren deutlich seltener angegriffen als vergleichbare Insekten ohne diese Zeichnung.
Damit Bates'sche Mimikry funktioniert, muss der Nachahmer seltener auftreten als das Vorbild. Übersteigt die Anzahl der harmlosen Nachahmer die der wehrhaften Vorbilder, lernen Fressfeinde, dass die Warnsignale häufig ohne negative Konsequenz bleiben – die Schutzwirkung lässt nach.
Müller'sche Mimikry
Die Müller'sche Mimikry, benannt nach dem deutsch-brasilianischen Zoologen Fritz Müller, beschreibt eine andere Konstellation: Zwei oder mehr Arten, die alle giftig, ungenießbar oder wehrhaft sind, entwickeln ein ähnliches Erscheinungsbild. Hier profitieren sämtliche beteiligten Arten, denn Fressfeinde müssen das Warnsignal nur einmal erlernen und meiden danach alle Träger dieses Musters.
Bei tropischen Schmetterlingen der Gattungen Heliconius und Melinaea lässt sich dieses Prinzip gut beobachten. Verschiedene Arten aus unterschiedlichen Familien teilen sich nahezu identische Flügelmuster in Orange, Schwarz und Gelb. Die Verluste, die durch lernende Fressfeinde entstehen, verteilen sich so auf mehrere Arten gleichzeitig – ein Vorteil für jede einzelne Population.
Aggressive Mimikry
Nicht immer dient Mimikry der Verteidigung. Bei der aggressiven Mimikry nutzt ein Räuber oder Parasit die Nachahmung, um sich seiner Beute oder seinem Wirt unbemerkt zu nähern. Die Täuschung richtet sich hier nicht gegen Fressfeinde, sondern gegen potenzielle Opfer.
- Anglerfische (Ordnung Lophiiformes) besitzen einen modifizierten Flossenstrahl, der als wurmartiger Köder vor dem Maul bewegt wird. Beutefische halten den Köder für Nahrung und geraten in Reichweite des Räubers.
- Die Bolaspinne (Mastophora) produziert chemische Verbindungen, die den Sexualpheromonen bestimmter Nachtfalterarten gleichen. Angelockte Faltermännchen werden mit einem klebrigen Faden gefangen.
- Der Kuckuck (Cuculus canorus) legt seine Eier in die Nester anderer Vogelarten. Die Eier des Kuckucks ähneln in Farbe und Musterung denen der Wirtsvögel so stark, dass diese den Betrug häufig nicht erkennen – ein Beispiel für Brutparasitismus in Verbindung mit Eimimikry.
Weitere Formen und Sonderfälle
Neben den drei Haupttypen existieren zahlreiche Sonderformen der Mimikry:
- Akustische Mimikry: Einige Eulenarten erzeugen Zischlaute, die dem Fauchen von Schlangen ähneln, um Nestfeinde abzuschrecken. Die Schleiereule (Tyto alba) setzt dieses Verhalten gezielt als Jungtier ein.
- Automimikry: Innerhalb einer Art gleichen harmlose Individuen (etwa Männchen ohne Giftstachel bei Bienen) den wehrhaften Individuen derselben Art.
- Peckham'sche Mimikry: Eine ältere Bezeichnung für aggressive Mimikry, die besonders auf Lockmechanismen bei Spinnen angewendet wird.
- Pflanzliche Mimikry: Auch im Pflanzenreich tritt Nachahmung auf. Bestimmte Orchideenarten imitieren weibliche Insekten in Form und Duft, um Bestäuber durch Pseudokopulation anzulocken – etwa die Gattung Ophrys.
Abgrenzung zu verwandten Phänomenen
Mimikry wird häufig mit Mimese (auch Phytomimese) verwechselt. Bei der Mimese ahmt ein Tier unbelebte Objekte oder Pflanzenteile nach – etwa ein Gespenstschrecke, die einem Ast gleicht, oder eine Blattschrecke, die ein Laubblatt imitiert. Mimese dient primär der Tarnung, während Mimikry auf der Nachahmung einer anderen Art und deren spezifischer Signalwirkung basiert.