Ökologische Nische
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Definition und Überblick
Die ökologische Nische beschreibt die Gesamtheit aller Umweltbedingungen und Beziehungen, unter denen eine Art in einem Ökosystem existiert und sich fortpflanzt. Anders als häufig angenommen, handelt es sich dabei nicht einfach um den Lebensraum eines Tieres, sondern um ein vielschichtiges Konzept, das sämtliche abiotischen und biotischen Faktoren einschließt – von der Temperaturtoleranz über die Nahrungsquellen bis hin zu den Wechselwirkungen mit anderen Organismen. Der Begriff wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt und zählt heute zu den zentralen Konzepten der Ökologie.
Historische Entwicklung des Begriffs
Der amerikanische Zoologe Joseph Grinnell verwendete den Begriff der ökologischen Nische bereits 1917 und verstand darunter vor allem die räumlichen und klimatischen Ansprüche einer Art. Der britische Ökologe Charles Elton erweiterte das Konzept in den 1920er-Jahren um die funktionale Rolle einer Art innerhalb der Nahrungskette – er fragte also weniger nach dem Wo als nach dem Was und Wie der Lebensweise.
Den bis heute maßgeblichen theoretischen Rahmen lieferte George Evelyn Hutchinson 1957. Er definierte die ökologische Nische als einen n-dimensionalen Hyperraum, in dem jede Dimension einen Umweltfaktor repräsentiert – etwa Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Nahrungsgröße oder Aktivitätszeit. Jede Art besetzt in diesem abstrakten Raum einen bestimmten Bereich, innerhalb dessen sie dauerhaft überlebensfähig ist.
Fundamentalnische und Realnische
Hutchinson unterschied zwei grundlegende Ausprägungen der ökologischen Nische:
- Fundamentalnische (Fundamentale Nische): Sie umfasst den gesamten Bereich an Umweltbedingungen, unter denen eine Art theoretisch überleben und sich reproduzieren könnte – ohne Einfluss von Konkurrenz, Fressfeinden oder Parasiten.
- Realnische (Realisierte Nische): Sie beschreibt den tatsächlich genutzten Bereich, der durch interspezifische Konkurrenz, Prädation und weitere biotische Interaktionen eingeschränkt wird.
Ein anschauliches Beispiel liefern die Seepockenarten Chthamalus stellatus und Balanus balanoides an der schottischen Küste, die Joseph Connell in den 1960er-Jahren untersuchte. Chthamalus kann grundsätzlich die gesamte Gezeitenzone besiedeln (Fundamentalnische), wird jedoch von der konkurrenzstärkeren Art Balanus in die obere Zone verdrängt. Die Realnische von Chthamalus ist somit deutlich kleiner als die Fundamentalnische.
Nischendifferenzierung und Konkurrenzausschluss
Das von Georgi Gause formulierte Konkurrenzausschlussprinzip besagt, dass zwei Arten mit identischen ökologischen Ansprüchen nicht dauerhaft im selben Lebensraum koexistieren können. Eine der beiden Arten wird die andere unweigerlich verdrängen. In der Natur führt dieser Selektionsdruck zur Nischendifferenzierung (auch Nischenaufteilung oder resource partitioning genannt): Eng verwandte oder ähnliche Arten weichen einander aus, indem sie unterschiedliche Nahrungsressourcen nutzen, zu verschiedenen Tageszeiten aktiv sind oder unterschiedliche Mikrohabitate besiedeln.
Ein klassisches Beispiel sind die von Robert MacArthur untersuchten nordamerikanischen Waldsänger-Arten der Gattung Setophaga. Obwohl fünf Arten denselben Fichtenwald bewohnen, nutzen sie verschiedene Bereiche der Baumkrone zur Nahrungssuche – eine Art bevorzugt die Spitzen, eine andere die mittleren Äste, wieder andere den Stammbereich. Durch diese räumliche Trennung reduzieren die Arten die interspezifische Konkurrenz und können langfristig nebeneinander existieren.
Nischenbreite: Generalisten und Spezialisten
Arten unterscheiden sich erheblich in der Breite ihrer ökologischen Nische. Generalisten wie der Rotfuchs (Vulpes vulpes) oder die Wanderratte (Rattus norvegicus) besitzen eine breite Nische: Sie tolerieren unterschiedliche Klimabedingungen, besiedeln verschiedene Habitate und nutzen ein weites Nahrungsspektrum. Diese Flexibilität ermöglicht ihnen eine großflächige Verbreitung und eine hohe Anpassungsfähigkeit gegenüber Umweltveränderungen.
Spezialisten hingegen sind auf eng begrenzte Bedingungen angewiesen. Der Große Panda (Ailuropoda melanoleuca) ernährt sich fast ausschließlich von Bambus, der Koala (Phascolarctos cinereus) von wenigen Eukalyptusarten. Solche Arten reagieren besonders empfindlich auf Habitatverlust oder Klimawandel, da ihnen Ausweichmöglichkeiten fehlen. Ihre enge Nische macht sie anfällig, kann aber unter stabilen Bedingungen einen Konkurrenzvorteil bieten, da sie die spezialisierten Ressourcen besonders effizient nutzen.
Bedeutung für den Artenschutz
Das Verständnis ökologischer Nischen spielt eine zentrale Rolle im Naturschutz und in der Artenschutzbiologie. Mithilfe von Nischenmodellen (Species Distribution Models) können Wissenschaftler vorhersagen, welche Gebiete für bedrohte Arten als Lebensraum geeignet sind und wie sich Verbreitungsgebiete unter dem Einfluss des Klimawandels verschieben werden.
Die Einführung invasiver Arten verdeutlicht ebenfalls die Relevanz des Konzepts. Neobiota wie die Nilgans (Alopochen aegyptiaca) oder der Waschbär (Procyon lotor) können einheimische Arten verdrängen, wenn sie deren Nische ganz oder teilweise übernehmen. Dieser Prozess wird als kompetitive Verdrängung bezeichnet und kann bestehende Artengemeinschaften tiefgreifend verändern.
Leere Nischen und ökologische Äquivalente
In der Ökologie wird gelegentlich über die Existenz sogenannter leerer Nischen diskutiert – Bereiche im Umweltraum, die von keiner Art besetzt werden. Nach dem Aussterben einer Spezies kann deren