Reittier
RBiologie & Ökologie > Tier-Gruppen & Begriffe
Definition und Überblick
Als Reittier wird jedes Tier bezeichnet, das von Menschen bestiegen und zum Zweck der Fortbewegung genutzt wird. Der Reiter oder die Reiterin sitzt dabei auf dem Rücken des Tieres oder in einer speziellen Sitzvorrichtung wie einem Sattel, einem Howdah oder einem Kamelkorb. Reittiere zählen zur übergeordneten Kategorie der Nutztiere und bilden eine funktionale Untergruppe, die sich teilweise mit den Begriffen Lasttier, Zugtier und Tragtier überschneidet. Historisch betrachtet gehören Reittiere zu den bedeutendsten Begleitern der menschlichen Zivilisation, da sie den Aktionsradius von Gesellschaften erheblich erweiterten und Handel, Kriegsführung sowie kulturellen Austausch über große Distanzen ermöglichten.
Typische Reittierarten
Das mit Abstand bekannteste und weltweit am häufigsten eingesetzte Reittier ist das Hauspferd (Equus caballus). Es wurde vor rund 5.500 Jahren in den Steppen Zentralasiens domestiziert und eignet sich dank seines kräftigen Rückens, seiner Ausdauer und seiner Lernfähigkeit hervorragend zum Reiten. Eng verwandt und ebenfalls als Reittier genutzt werden Esel (Equus asinus) und Maultiere, die als Kreuzung aus Pferdestute und Eselhengst besonders trittsicher in gebirgigem Gelände sind.
In den Trockengebieten Afrikas und Asiens übernehmen Kamele die Funktion des Reittieres. Dabei wird zwischen dem einhöckrigen Dromedar (Camelus dromedarius) und dem zweihöckrigen Trampeltier (Camelus bactrianus) unterschieden. Beide Arten sind physiologisch an extreme Hitze und Wassermangel angepasst und damit in Wüsten- und Steppenregionen konkurrenzlos.
Weitere Tierarten, die regional als Reittiere dienen oder dienten:
- Asiatischer Elefant (Elephas maximus) – traditionell in Süd- und Südostasien für Transport, Zeremonie und Arbeit im Forst eingesetzt
- Yak (Bos mutus) – Reit- und Tragtier in den Hochlagen Tibets und des Himalaya
- Rentier (Rangifer tarandus) – bei indigenen Völkern der Arktis, etwa den Ewenken Sibiriens, als Reittier genutzt
- Wasserbüffel (Bubalus bubalis) – in Teilen Südostasiens gelegentlich beritten
- Lama (Lama glama) – in den Anden primär als Tragtier, in seltenen Fällen von Kindern beritten
- Strauß (Struthio camelus) – vereinzelt in Südafrika zu touristischen Zwecken beritten, biologisch jedoch nicht als dauerhaftes Reittier geeignet
Anatomische und physiologische Voraussetzungen
Nicht jedes Tier kann als Reittier fungieren. Entscheidend sind mehrere biologische Faktoren. Zunächst muss die Wirbelsäule des Tieres in Verbindung mit der Rückenmuskulatur stark genug sein, um das Gewicht eines erwachsenen Menschen dauerhaft zu tragen, ohne Schaden zu nehmen. Pferde verfügen über eine besonders stabile Lendenwirbelsäule sowie kräftige Rumpfmuskeln, die das Reitergewicht auf die vier Gliedmaßen verteilen. Das Verhältnis von Körpermasse des Tieres zu Reitergewicht spielt eine zentrale Rolle: Als Faustregel gilt, dass ein Reittier nicht mehr als 15 bis 20 Prozent seines eigenen Körpergewichts als Reitlast tragen sollte.
Darüber hinaus muss das Tier ein geeignetes Temperament besitzen. Domestizierbare Arten zeichnen sich durch eine gewisse Toleranz gegenüber menschlicher Nähe, eine beherrschbare Fluchtreaktion und die Fähigkeit zur Konditionierung aus. Wildtiere wie Zebras wurden trotz ihrer nahen Verwandtschaft zum Pferd nie erfolgreich als Reittiere etabliert, da sie ein stark ausgeprägtes Flucht- und Aggressionsverhalten zeigen und sich kaum zähmen lassen.
Auch die Gangarten des Tieres beeinflussen seine Eignung. Pferde bieten mit Schritt, Trab und Galopp ein differenziertes Gangspektrum, das durch Zucht noch erweitert wurde – etwa um den Tölt bei Islandpferden oder den Pass bei bestimmten südamerikanischen Rassen. Kamele bewegen sich im sogenannten Passgang, bei dem jeweils die Beine einer Körperseite gleichzeitig vorgesetzt werden, was zu einem charakteristischen Schwanken des Reiters führt.
Historische und kulturelle Bedeutung
Die Nutzung von Reittieren hat die Menschheitsgeschichte tiefgreifend geprägt. Berittene Nomadenvölker wie die Skythen, Hunnen und Mongolen erlangten durch die Verbindung von Mensch und Pferd eine militärische Überlegenheit, die ganze Weltreiche entstehen und vergehen ließ. Die Entwicklung von Sattel, Steigbügel und Zaumzeug waren technologische Meilensteine, die das Reiten effizienter und sicherer machten. Der Steigbügel, vermutlich im 4. Jahrhundert in Zentralasien erfunden, ermöglichte dem Reiter einen festen Sitz und damit den Einsatz von Waffen zu Pferd.
Im arabischen Raum entwickelte sich rund um das Dromedar eine eigenständige Reitkultur mit speziellen Sattelbauweisen und Renntraditionen, die bis heute fortbestehen. In Indien und Südostasien stand der Elefant als Reittier im Zentrum höfischer Repräsentation und militärischer Strategie – Kriegselefanten bildeten über Jahrhunderte eine eigene Waffengattung.
Gegenwärtige Nutzung und Tierschutz
In vielen Industrieländern hat das Reittier seine ursprüngliche Transportfunktion weitgehend verloren. Pferde werden heute vorwiegend im Reitsport, in der Freizeitreiterei