Selektion
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Definition und Überblick
Selektion bezeichnet in der Biologie den Vorgang, bei dem bestimmte Individuen einer Population aufgrund ihrer Eigenschaften einen höheren Fortpflanzungserfolg erzielen als andere. Dadurch werden die genetischen Merkmale, die diesen Vorteil bedingen, in der nächsten Generation häufiger vertreten. Selektion ist einer der zentralen Mechanismen der Evolution und wurde erstmals von Charles Darwin und Alfred Russel Wallace im 19. Jahrhundert als natürliche Auslese (englisch: natural selection) beschrieben. Im ökologischen Kontext bestimmt Selektion maßgeblich, welche Arten, Populationen und Individuen in einem gegebenen Lebensraum dauerhaft bestehen können.
Das Prinzip der natürlichen Selektion
Natürliche Selektion setzt drei Grundbedingungen voraus:
- Variation: Innerhalb einer Population unterscheiden sich die Individuen in ihren Merkmalen – etwa in Körpergröße, Fellfarbe, Laufgeschwindigkeit oder Immunabwehr.
- Vererbbarkeit: Zumindest ein Teil dieser Unterschiede ist genetisch bedingt und wird an die Nachkommen weitergegeben.
- Unterschiedlicher Fortpflanzungserfolg: Individuen mit bestimmten Merkmalsausprägungen überleben häufiger bis zur Geschlechtsreife und erzeugen mehr überlebensfähige Nachkommen als andere.
Durch diesen Prozess verschiebt sich die Häufigkeit von Allelen im Genpool einer Population über Generationen hinweg. Merkmale, die das Überleben und die Fortpflanzung begünstigen, setzen sich durch – man spricht von Fitness im biologischen Sinne. Fitness meint hier nicht körperliche Leistungsfähigkeit, sondern den messbaren Reproduktionserfolg eines Individuums relativ zu anderen Mitgliedern derselben Population.
Formen der Selektion
Je nachdem, wie der Selektionsdruck auf die Merkmalsverteilung einer Population wirkt, unterscheidet man mehrere Formen:
- Stabilisierende Selektion: Individuen mit durchschnittlichen Merkmalsausprägungen haben den höchsten Fortpflanzungserfolg. Extreme Varianten werden benachteiligt. Ein Beispiel ist das Geburtsgewicht bei vielen Säugetieren: Zu leichte Jungtiere sind oft nicht lebensfähig, zu schwere erschweren die Geburt.
- Gerichtete (direktionale) Selektion: Eine bestimmte Merkmalsausprägung am Rand der Verteilung wird bevorzugt. Über mehrere Generationen verschiebt sich der Mittelwert des Merkmals in eine Richtung. Das klassische Beispiel ist der Industriemelanismus beim Birkenspanner: In rußgeschwärzten Industriegebieten setzten sich dunkel gefärbte Falter durch, weil sie auf dunkler Baumrinde besser getarnt waren.
- Disruptive (aufspaltende) Selektion: Extreme Merkmalsausprägungen werden gegenüber dem Durchschnitt bevorzugt. Dies kann zur Aufspaltung einer Population in zwei Gruppen führen und gilt als möglicher Ausgangspunkt für Artbildung (Speziation).
Sexuelle Selektion
Eine Sonderform stellt die sexuelle Selektion dar, die bereits Darwin ausführlich beschrieb. Hierbei geht es nicht um das Überleben, sondern um den Zugang zu Fortpflanzungspartnern. Sexuelle Selektion äußert sich auf zwei Wegen:
- Intrasexuelle Selektion: Konkurrenz zwischen Individuen desselben Geschlechts – etwa Rivalenkämpfe zwischen Hirschböcken um Weibchen. Die Geweihe der Rothirsche sind ein direktes Ergebnis dieses Selektionsdrucks.
- Intersexuelle Selektion: Partnerwahl durch ein Geschlecht, meist die Weibchen. Das prächtige Federkleid des Pfaus oder der komplexe Gesang vieler Singvögel sind Beispiele für Merkmale, die durch weibliche Wahl über Generationen verstärkt wurden.
Sexuelle Selektion kann Merkmale hervorbringen, die dem Überleben eher abträglich sind – ein langer Pfauenschweif erhöht die Sichtbarkeit für Raubtiere –, aber den Fortpflanzungserfolg so stark steigern, dass sie sich dennoch im Genpool halten.
Künstliche Selektion
Von natürlicher Selektion abzugrenzen ist die künstliche Selektion oder Zuchtwahl. Hier wählt der Mensch gezielt Individuen mit gewünschten Eigenschaften zur Weiterzucht aus. Sämtliche Haustierrassen – vom Dackel bis zum Araberpferd – sind Ergebnisse künstlicher Selektion. Auch Nutztierrassen wie das Hochleistungsmilchvieh der Holstein-Friesian-Rinder oder die unterschiedlichen Geflügelrassen gehen auf gezielte Zuchtauswahl zurück. Im Gegensatz zur natürlichen Selektion, die über sehr lange Zeiträume wirkt, kann künstliche Selektion innerhalb weniger Generationen erhebliche Veränderungen bewirken.
Selektionsdruck und ökologische Faktoren
Der Selektionsdruck beschreibt die Stärke, mit der Umweltbedingungen auf die Überlebens- und Fortpflanzungschancen einwirken. Ökologische Faktoren, die als Selektionsfaktoren wirken, lassen sich in zwei Gruppen einteilen:
- Abiotische Faktoren: Temperatur, Niederschlag, Bodenbeschaffenheit, Lichtverhältnisse oder Sauerstoffgehalt des Wassers. Tiere in extremen Lebensräumen wie der Arktis oder der Tiefsee zeigen deutliche Anpassungen an diese Bedingungen – etwa die Fettschicht der Robben oder die Biolumineszenz von Tiefseefischen.
- Biotische Faktoren: Konkurrenz um Nahrung und Raum, Fressfeinde, Parasiten, Krankheitserreger und innerartliche Konkurrenz. Die Räuber-Beute-Beziehung ist ein klassisches Beispiel für Koevolution, bei der sich Beutetiere und Prädatoren in einem fortwährenden evolutionären Wettlauf gegenseitig zu Anpassungen treiben.
Ändert sich der Lebensraum – etwa durch Klimawandel, Habitatverlust oder die Einwanderung neuer Arten – verschieben sich auch die Selektionsbedingungen. Populationen