T Tierlexikon.net
← Lexikon

Sippe

S

Biologie & Ökologie > Tier-Gruppen & Begriffe

Definition und Überblick

Der Begriff Sippe wird in der Biologie als übergeordnete, weitgehend informelle Sammelbezeichnung für eine Gruppe von Organismen verwendet, die durch gemeinsame Merkmale oder verwandtschaftliche Beziehungen miteinander verbunden sind. Im deutschen Sprachraum dient „Sippe" als bequemer Oberbegriff, wenn man keine Festlegung auf eine bestimmte taxonomische Rangstufe – etwa Art, Gattung, Familie oder Ordnung – treffen möchte oder kann. Im internationalen wissenschaftlichen Kontext entspricht der Begriff weitgehend dem englischen Taxon (Plural: Taxa), das jede benannte Einheit innerhalb der biologischen Systematik bezeichnet.

Im allgemeinen Sprachgebrauch wird „Sippe" häufig mit menschlichen Verwandtschaftsgruppen assoziiert. In der Zoologie und Botanik hat der Ausdruck jedoch eine rein systematische Bedeutung und bezieht sich auf eine Gruppe von Lebewesen, die aufgrund morphologischer, genetischer oder ökologischer Gemeinsamkeiten zusammengefasst werden.

Herkunft und Begriffsgeschichte

Das Wort „Sippe" geht auf althochdeutsche und germanische Wurzeln zurück und bezeichnete ursprünglich die Blutsverwandtschaft innerhalb einer Familie oder eines Clans. Ab dem 19. Jahrhundert übernahmen deutschsprachige Naturwissenschaftler den Ausdruck, um in der Systematik eine neutrale Bezeichnung für Verwandtschaftsgruppen beliebiger Rangstufe zur Verfügung zu haben. Während in der englischsprachigen Literatur der griechisch-lateinische Terminus „Taxon" dominiert, blieb „Sippe" in der deutschsprachigen Fachliteratur lange Zeit gebräuchlich. Heute werden beide Begriffe häufig synonym verwendet, wobei „Taxon" in internationalen Publikationen bevorzugt wird.

Sippe in der biologischen Systematik

Die biologische Systematik – auch Taxonomie genannt – ordnet Lebewesen in ein hierarchisches System von Rangstufen ein. Die wichtigsten Kategorien sind:

  • Art (Spezies) – die grundlegende Einheit der Klassifikation
  • Gattung (Genus) – fasst nah verwandte Arten zusammen
  • Familie (Familia) – gruppiert verwandte Gattungen
  • Ordnung (Ordo) – vereinigt verwandte Familien
  • Klasse (Classis) – umfasst verwandte Ordnungen
  • Stamm (Phylum) – bündelt verwandte Klassen
  • Reich (Regnum) – die höchste traditionelle Kategorie

Jede dieser Rangstufen stellt eine Sippe dar. Ein einzelnes Taxon kann also eine Art sein – etwa der Wolf (Canis lupus) – oder eine ganze Klasse wie die Säugetiere (Mammalia). Der Vorteil des Begriffs „Sippe" liegt genau in dieser Flexibilität: Er erlaubt es, über systematische Einheiten zu sprechen, ohne sich auf ein bestimmtes hierarchisches Niveau festlegen zu müssen.

Abgrenzung zu verwandten Begriffen

In der zoologischen Fachsprache existieren mehrere Begriffe, die mit „Sippe" verwandt sind, sich aber in ihrer Bedeutung unterscheiden:

  • Population – bezeichnet eine Gruppe von Individuen derselben Art, die in einem bestimmten Gebiet leben und sich untereinander fortpflanzen. Eine Population ist keine taxonomische, sondern eine ökologische Einheit.
  • Unterart (Subspezies) – eine geographisch oder morphologisch abgrenzbare Teilgruppe innerhalb einer Art. Sie stellt eine klar definierte taxonomische Rangstufe dar und ist damit eine spezifische Form der Sippe.
  • Rasse oder Zuchtform – bei Haustieren gebräuchlich, bezeichnet Varianten, die durch gezielte Selektion des Menschen entstanden sind. Rassen haben in der wissenschaftlichen Systematik keinen formalen Rang.
  • Klade – ein Begriff aus der Kladistik (phylogenetischen Systematik), der eine Abstammungsgemeinschaft bezeichnet, die einen gemeinsamen Vorfahren und alle seine Nachkommen umfasst. Jede Klade kann als Sippe aufgefasst werden, aber nicht jede historisch definierte Sippe bildet zwangsläufig eine Klade.

Ein klassisches Beispiel für eine traditionelle Sippe, die keine natürliche Klade darstellt, sind die Reptilien im herkömmlichen Sinn. Da die Vögel von dinosaurierartigen Vorfahren abstammen und somit innerhalb der Reptilienlinie stehen, bilden die „Reptilien" ohne Vögel keine geschlossene Abstammungsgemeinschaft. In der modernen Systematik spricht man daher von einer paraphyletischen Gruppe.

Bedeutung in der Tierökologie

Der Sippenbegriff spielt auch in der Ökologie und im Artenschutz eine praktische Rolle. Wenn Biologen die Biodiversität eines Lebensraums beschreiben, zählen sie häufig die Anzahl der vorkommenden Sippen auf verschiedenen taxonomischen Ebenen. So kann ein Feuchtgebiet beispielsweise 45 Vogelarten, 12 Amphibienarten und 8 Reptilienarten beherbergen – jede dieser Arten ist eine Sippe auf dem Niveau der Spezies. Gleichzeitig lässt sich die Vielfalt auf Gattungs- oder Familienebene betrachten, um Aussagen über die stammesgeschichtliche Breite der Fauna zu treffen.

Im Naturschutz wird der Begriff herangezogen, um Schutzprioritäten zu setzen. Sippen mit wenigen nah verwandten Arten – sogenannte monotypische Taxa – erhalten oft besondere Aufmerksamkeit, weil ihr Aussterben einen überproportional großen Verlust an evolutionärer Geschichte bedeuten würde. Ein Beispiel ist der Koala (Phascolarctos cinereus), der als einzige rezente Art seiner Gattung und Familie eine stammesgeschichtlich isolierte Sippe darstellt.

Zusammenfassung

Die Sippe ist ein vielseitiger und unverzichtbarer Grundbegriff der biologischen Systematik. Als deutschsprachiges Pendant zum international gebräuchlichen „Taxon" bezeichnet sie jede benannte Gruppe von Organismen unabhängig von der hierarchischen Rangstufe. Ob einzelne Art, Gattung oder gesamte Klasse – der Begriff erlaubt eine flexible Kommun