Steigen
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Definition & Überblick
Als Steigen wird in der Ethologie und der praktischen Tierhaltung ein Verhalten bezeichnet, bei dem ein Tier seinen Vorderkörper ruckartig oder kontrolliert in die Höhe bringt und dabei vorübergehend nur auf den Hinterbeinen steht. Der Begriff ist vor allem in der Pferdekunde (Hippologie) fest verankert, wo er eine der bekanntesten Unarten bzw. Verhaltensstörungen beschreibt. Im weiteren Sinne wird Steigen jedoch auch bei anderen Huftieren, bei Bären, Primaten und bestimmten Reptilien beobachtet – jeweils in unterschiedlichen funktionalen Kontexten. Je nach Tierart kann es sich um ein natürliches Ausdrucksverhalten, eine Imponierhandlung, einen Abwehrmechanismus oder eine durch Haltungsfehler entstandene Verhaltensstörung handeln.
In der Fachsprache wird das Steigen beim Pferd häufig auch als Aufbäumen bezeichnet. Im Englischen entspricht der Terminus rearing. Es ist vom sogenannten Pesademanöver in der klassischen Reitkunst zu unterscheiden, bei dem das kontrollierte Steigen als Lektion der Hohen Schule bewusst herbeigeführt und trainiert wird.
Biologischer Hintergrund
Steigen ist biomechanisch eine Verlagerung des gesamten Körperschwerpunkts nach hinten und oben. Die Hinterhand trägt dabei kurzzeitig das vollständige Körpergewicht, was erhebliche muskuläre Kraft in Oberschenkel-, Kruppen- und Rückenmuskulatur erfordert. Die Propriozeption – also die Eigenwahrnehmung der Körperlage im Raum – wird dabei stark beansprucht. Neurophysiologisch ist das Verhalten an einen erhöhten Erregungszustand gekoppelt: Adrenalinausschüttung, gesteigerte Herzfrequenz und eine akute sympathische Aktivierung des vegetativen Nervensystems begleiten das Steigen in den meisten Fällen.
Bei Pferden wird das Steigen bereits im Fohlenalter als Spielverhalten gezeigt. Es gehört zum angeborenen Verhaltensrepertoire und steht in enger Verbindung mit dem Flucht-Kampf-System (fight-or-flight response). Während das Pferd als Fluchttier primär auf Wegrennen programmiert ist, wird Steigen in Situationen eingesetzt, in denen eine Flucht blockiert oder unmöglich erscheint. Es handelt sich somit um eine Übersprungshandlung oder eine Konfliktreaktion im Sinne der klassischen Ethologie.
Bei welchen Tieren tritt es auf?
- Pferde und Esel: Häufigste und bekannteste Form. Sowohl unter dem Sattel als auch in der Freiheit beobachtbar – beim Spiel zwischen Jungtieren, bei Hengstrivalitäten und als Abwehrverhalten gegenüber dem Reiter.
- Rinder und Ziegen: Steigen tritt bei Bullen und Böcken im Zusammenhang mit Imponierverhalten und Rangordnungskämpfen auf. Ziegen stellen sich auf die Hinterbeine, um an höher gelegenes Futter zu gelangen – hier überlappt das Steigen mit dem Nahrungserwerbsverhalten.
- Bären: Das Aufrichten auf die Hinterbeine dient der besseren Orientierung, der Einschüchterung von Rivalen und der olfaktorischen Erkundung. Es handelt sich um ein Komfortverhalten mit starker Kommunikationsfunktion.
- Primaten: Verschiedene Menschenaffen richten sich bipedal auf, um Imponiergehabe zu zeigen, insbesondere männliche Schimpansen in Konfliktsituationen innerhalb der Gruppe.
- Reptilien: Kragenechsen und bestimmte Agamen stellen sich auf die Hinterbeine, um bei Fluchtbewegungen höhere Geschwindigkeiten zu erreichen (bipedaler Lauf).
Auslöser & Funktion
Die Auslöser für Steigen sind vielschichtig und artspezifisch verschieden. Beim Pferd lassen sich folgende Hauptkategorien identifizieren:
- Schmerz und Unbehagen: Schlecht sitzende Sättel, zu scharfe Gebisse, Zahnprobleme oder Rückenschmerzen können Steigen als Schmerzreaktion auslösen. Die sogenannte erlernte Hilflosigkeit spielt hier eine Rolle – das Pferd hat gelernt, dass andere Ausweichstrategien wirkungslos bleiben.
- Angst und Überforderung: Reizüberflutung, unbekannte Objekte oder akustische Schlüsselreize können eine Schreckreaktion hervorrufen, die ins Steigen mündet.
- Frustration und Konflikte: Widersprüchliche Hilfen des Reiters – etwa gleichzeitiges Treiben und starkes Anhalten – erzeugen einen Motivationskonflikt. Das Pferd kann weder vorwärts noch rückwärts und weicht nach oben aus.
- Soziale Interaktion: Bei freilebenden Pferden ist das Steigen integraler Bestandteil der Hengstrivalität. Zwei Hengste stellen sich einander gegenüber auf und versuchen, den Kontrahenten mit den Vorderhufen zu treffen. Dieses Agonalverhalten dient der Klärung von Rangordnung und dem Zugang zu Stuten.
- Operante Konditionierung: Wird ein Pferd beim Steigen vom Reiter unbeabsichtigt belohnt – etwa durch Nachgeben im Zügel, Absitzen oder Abbruch einer unangenehmen Übung –, verstärkt sich das Verhalten durch negative Verstärkung. Es kann sich so zu einer habituellen Verhaltensstörung verfestigen.
Funktional betrachtet erfüllt Steigen je nach Kontext die Rolle einer Abwehrhandlung, einer Drohgebärde, eines Kommunikationssignals oder einer Spielhandlung. In der Verhaltensökologie wird es daher nicht pauschal als pathologisch eingestuft, sondern erst dann als problematisch bewertet, wenn es situativ unangemessen, übermäßig häufig oder in der Mensch-Tier-Interaktion gefährlich auftritt.
Bedeutung für die Haltung
In der Pferdehaltung gilt Steigen als eine der gefährlichsten Verhaltensstörungen, da das Tier nach hinten überkippen und dabei sich selbst oder den Reiter schwer verletzen kann. Die Prävention beginnt bei einer artgerechten Haltung mit ausreichend sozialer Interaktion