Füttern der Jungen
FVerhalten > Fortpflanzungs- & Brutverhalten
Definition & Überblick
Unter dem Füttern der Jungen (auch: Jungenfütterung, parentale Fütterung) versteht die Ethologie jede Form der aktiven Nahrungsversorgung von Nachkommen durch ein Elterntier oder andere Mitglieder einer sozialen Gruppe. Es handelt sich um einen zentralen Bestandteil des Brutpflegeverhaltens (engl. parental care), der bei zahlreichen Wirbeltier- und einigen Wirbellosen-Taxa auftritt. Die Jungenfütterung unterscheidet sich grundlegend von der bloßen Bereitstellung eines Nahrungsvorrats – etwa dem Anlegen von Pollenvorräten bei Solitärbienen – dadurch, dass ein direkter, oft wiederholter Kontakt zwischen Alttier und Jungtier stattfindet, bei dem Nahrung aktiv übergeben wird.
Die Verhaltensweisen reichen vom Hervorwürgen vorverdauter Nahrung über das Herantragen von Beutetieren bis hin zur Produktion spezieller Körpersekrete wie Kropfmilch oder Säugetiermilch. In jedem Fall dient das Verhalten der Sicherstellung von Wachstum und Überleben des Nachwuchses während einer Phase, in der dieser nicht zur selbstständigen Nahrungsaufnahme fähig ist.
Biologischer Hintergrund
Die Jungenfütterung ist ein Paradebeispiel für elterliches Investment im Sinne der von Robert Trivers 1972 formulierten Theorie. Jedes Elterntier investiert Energie, Zeit und erhöhtes Prädationsrisiko in die Versorgung seiner Nachkommen, was den eigenen Reproduktionserfolg (Fitness) steigern kann – vorausgesetzt, der Nutzen für das Überleben der Jungen überwiegt die Kosten für das Elterntier.
Die Steuerung dieses Verhaltens ist komplex und umfasst mehrere Ebenen:
- Hormonelle Regulation: Bei Säugetieren steuern Prolaktin und Oxytocin die Milchproduktion und das Säugeverhalten. Bei Vögeln löst Prolaktin ebenfalls Brutpflegeverhalten einschließlich der Fütterungsmotivation aus.
- Angeborene Verhaltenskomponenten: Die Fütterung enthält starke instinktive Anteile. Viele Vogeleltern reagieren auf den Sperrrachen der Küken mit einem festen Handlungsmuster – einer sogenannten Instinkthandlung oder Erbkoordination. Konrad Lorenz und Nikolaas Tinbergen beschrieben solche Mechanismen als Reaktionen auf Schlüsselreize.
- Lernprozesse: Neben angeborenen Anteilen spielen auch Konditionierung und Erfahrung eine Rolle. Erstbrüter vieler Vogelarten füttern anfangs weniger effizient als erfahrene Elterntiere. Durch operante Konditionierung verbessern sie ihre Technik bei der Beuteauswahl und der Portionierung über die Brutzeit hinweg.
- Kommunikation: Die Interaktion zwischen Eltern und Jungen basiert auf ausgefeilter Kommunikation. Bettelrufe der Nestlinge signalisieren Hungerzustand und Dringlichkeit. Eltern passen ihre Fütterungsfrequenz an die Intensität dieser akustischen und visuellen Signale an – ein Mechanismus, den die Verhaltensökologie als honest signalling (ehrliche Signalgebung) diskutiert.
Bei welchen Tieren tritt es auf?
Die aktive Jungenfütterung findet sich in erstaunlich unterschiedlichen Tiergruppen:
- Vögel: Nahezu alle Vogelarten füttern ihre Jungen aktiv. Singvögel tragen Insekten und Sämereien zum Nest, Greifvögel zerkleinern Beutetiere für ihre Küken, Tauben produzieren nährstoffreiche Kropfmilch. Bei kooperativ brütenden Arten wie dem Bienenfresser (Merops apiaster) beteiligen sich auch verwandte Helfer an der Fütterung – ein Phänomen, das als kooperative Brutpflege oder Helfersystem bezeichnet wird.
- Säugetiere: Das Säugen ist das namensgebende Merkmal dieser Klasse. Darüber hinaus tragen Carnivoren wie Wölfe (Canis lupus) vorverdaute Nahrung zu den Welpen und würgen sie hervor. Bei sozial lebenden Arten wie dem Afrikanischen Wildhund (Lycaon pictus) füttern auch nicht-elterliche Rudelmitglieder die Jungtiere – eine Form des Altruismus, die sich durch Verwandtenselektion (kin selection) erklären lässt.
- Insekten: Soziale Hautflügler wie Honigbienen und Ameisen füttern ihre Larven mit speziell aufbereiteter Nahrung. Arbeiterinnen der Honigbiene (Apis mellifera) produzieren Gelée royale zur Aufzucht von Königinnenlarven. Auch bei asozialen Insekten kommt Jungenfütterung vor: Totengräber (Nicrophorus) versorgen ihre Larven mit vorverdautem Aas.
- Fische: Einige Buntbarsch-Arten (Cichlidae) füttern ihre Jungfische mit einem nährstoffreichen Hautsekret, das die Elternhaut abscheidet. Diskusfische (Symphysodon) sind dafür besonders bekannt.
- Amphibien: Die Erdbeerfröschchen (Oophaga pumilio) legen unbefruchtete Nähreier in mit Wasser gefüllte Blattachseln, um ihre Kaulquappen zu ernähren – eine ungewöhnliche Form der Jungenfütterung.
Auslöser & Funktion
Die Auslöser für das Fütterungsverhalten lassen sich in proximale und ultimate Ursachen unterteilen – entsprechend Tinbergens vier Fragen der Ethologie. Proximate Auslöser umfassen die bereits genannten Schlüsselreize: den aufgesperrten Schnabel mit seiner oft leuchtend gefärbten Rachenzeichnung bei Vogelküken, die Bettelrufe, den Geruch und die taktilen Reize beim Säugeakt. Der Sperrrachen junger Singvögel fungiert als klassischer Supranormaler Stimulus – auch artfremde