Gangpferdereiten
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Definition und Überblick
Gangpferdereiten bezeichnet eine Reitdisziplin, bei der Pferde neben den drei Grundgangarten Schritt, Trab und Galopp über eine oder mehrere zusätzliche Gangarten verfügen und diese unter dem Reiter gezielt abgerufen werden. Diese sogenannten Spezialgangarten – darunter Tölt, Pass, Foxtrott, Running Walk oder Marcha – sind genetisch veranlagt und werden durch gezielte Zucht, Ausbildung und reiterliche Einwirkung gefördert. Das Gangpferdereiten hat in den letzten Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum erheblich an Popularität gewonnen und stellt eine eigenständige Sparte innerhalb des Pferdesports dar, die sich sowohl im Freizeit- als auch im Turnierbereich etabliert hat.
Gangarten und ihre Besonderheiten
Das zentrale Merkmal von Gangpferden ist ihre Fähigkeit, zusätzliche Gangarten auszuführen, die sich in Takt, Fußfolge und Bewegungsmechanik von den klassischen Grundgangarten unterscheiden. Die bekannteste Spezialgangart ist der Tölt, eine Viertaktgangart ohne Schwebephase, bei der stets mindestens ein Huf den Boden berührt. Der Tölt wird in unterschiedlichen Tempi geritten – vom langsamen, versammelten Tölt bis hin zum schnellen Renntölt. Für den Reiter ergibt sich ein nahezu erschütterungsfreies Sitzerlebnis, da die typischen Stoßbewegungen des Trabs entfallen.
Der Pass (auch Rennpass genannt) ist eine laterale Zweitaktgangart, bei der die Beinpaare derselben Seite nahezu gleichzeitig vorgeführt werden. Er wird vor allem bei Islandpferden in hohem Tempo als kurze Sprintstrecke geritten und gilt als Zeichen besonderer Qualität eines Gangpferdes. Weitere Spezialgangarten anderer Rassen sind:
- Running Walk – eine schnelle, gleitende Schrittvariation, typisch für Tennessee Walking Horses
- Foxtrott – eine diagonale Gangart mit „trabender" Vorderhand und „schreitender" Hinterhand, charakteristisch für Missouri Foxtrotters
- Marcha – eine weiche, natürliche Viertaktgangart der brasilianischen Mangalarga Marchadores, unterteilt in Marcha Batida und Marcha Picada
- Paso Llano und Sobreandando – Gangvarianten der Paso-Peruanos und Paso Finos
Geeignete Pferderassen
Nicht jedes Pferd verfügt über Spezialgangarten. Die Veranlagung dazu ist genetisch bedingt und wurde bei bestimmten Rassen über Jahrhunderte selektiert. Die mit Abstand populärste Gangpferderasse in Europa ist das Islandpferd (Isländer), das als Fünfgänger sowohl Tölt als auch Pass beherrscht. Islandpferde werden traditionell erst ab einem Alter von vier bis fünf Jahren angeritten, was ihrer robusten Konstitution und Langlebigkeit zugutekommt.
Weitere verbreitete Gangpferderassen sind das Tennessee Walking Horse, der Missouri Foxtrotter, der Paso Fino, der Paso Peruano, der Mangalarga Marchador sowie die Aegidienberger – eine in Deutschland gezüchtete Kreuzung aus Islandpferd und Paso Peruano. Auch die nordamerikanischen Rocky Mountain Horses und Kentucky Mountain Saddle Horses gehören zu den Gangpferderassen. Genetische Studien haben gezeigt, dass eine Mutation im DMRT3-Gen für die Veranlagung zu lateralen Gangarten verantwortlich ist.
Ausbildung von Reiter und Pferd
Das Reiten von Gangpferden erfordert eine angepasste Reittechnik, die sich in mehreren Punkten von der klassischen Reitweise unterscheidet. Der Reiter sitzt aufrecht und möglichst ruhig, um die taktklaren Gangarten nicht zu stören. Die Gewichtshilfen spielen eine zentrale Rolle, während die Zügelführung je nach Reitweise und Rasse variiert – von der Einhandführung bei südamerikanischen Gangpferden bis zur beidhändigen Zügelführung bei Islandpferden.
Die Sitzschulung hat im Gangpferdereiten einen hohen Stellenwert. Ein verkrampfter oder unausbalancierter Sitz kann dazu führen, dass das Pferd die gewünschte Gangart verliert und in Trab oder einen unreinen Viertakt wechselt. Gangpferdereiter lernen, den Bewegungen des Pferdes geschmeidig zu folgen und durch feine Impulse zwischen den Gangarten zu wechseln. Professionelle Gangpferdetrainer und -ausbilder legen großen Wert auf eine korrekte Losgelassenheit und Anlehnung des Pferdes, vergleichbar mit den Grundsätzen der klassischen Ausbildungsskala.
Bei der Ausbildung junger Gangpferde werden die Spezialgangarten zunächst an der Longe oder im Freilauf gefördert, bevor sie unter dem Reiter systematisch abgerufen werden. Bodenarbeit, Stangenarbeit und Geländetraining ergänzen das Gangpferdetraining sinnvoll.
Ausrüstung und Sattelung
Gangpferde werden mit speziellen Gangpferdesätteln geritten, die auf die besonderen Bewegungsabläufe abgestimmt sind. Diese Sättel verfügen häufig über eine flachere Sitzfläche und eine angepasste Kammerweite, die der Schulterfreiheit des Pferdes Rechnung trägt. Islandpferde werden traditionell mit dem Islandsattel geritten, dessen Bauform den kurzen Rücken dieser Rasse berücksichtigt. Für südamerikanische Gangpferde kommen oft Westernsättel oder spezielle Gangpferdesättel zum Einsatz.
Bei der Zäumung werden je nach Rasse und Ausbildungsstand verschiedene Trensenformen, Kandaren oder gebisslose Zäumungen verwendet. Hufbeschlag oder Barhufpflege richten sich nach den individuellen Bedürfnissen des Pferdes und der ausgeübten Gangart.
Turniersport und Prüfungen
Im Turniersport werden Gangpferde in verschiedenen Disziplinen vorgestellt. Bei Islandpferde-Turnieren nach FEIF-Reglement (International Federation of Icelandic Horse Associations) treten Reiter in Gangartenprüfungen wie Tölt (T1–T8),