Geraderichtung
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Definition und Bedeutung der Geraderichtung
Die Geraderichtung bezeichnet in der klassischen Reitlehre das systematische Training, bei dem ein Pferd lernt, mit seiner Hinterhand exakt in die Spur der Vorhand zu treten – sowohl auf geraden als auch auf gebogenen Linien. Sie gehört zu den sechs Punkten der Ausbildungsskala (Takt, Losgelassenheit, Anlehnung, Schwung, Geraderichtung, Versammlung) und steht dort an fünftter Stelle. Damit nimmt sie eine Schlüsselposition zwischen der Schwungentwicklung und der angestrebten Versammlung ein.
Kein Pferd ist von Natur aus gerade. Ähnlich wie Menschen eine dominante Hand haben, bringt jedes Pferd eine natürliche Schiefe mit. Diese angeborene Asymmetrie führt dazu, dass es eine Seite bevorzugt, sich auf einer Hand leichter biegen lässt und auf der anderen steifer reagiert. Ohne gezielte Korrektur belastet das Pferd seine Gliedmaßen ungleichmäßig, was langfristig zu Verschleißerscheinungen an Gelenken, Sehnen und Bändern führen kann. Die Geraderichtung dient daher nicht nur der reiterlichen Qualität, sondern unmittelbar der Gesunderhaltung des Pferdes.
Die natürliche Schiefe des Pferdes
Die natürliche Schiefe ist ein biomechanisches Phänomen, das bereits bei Fohlen zu beobachten ist. Die meisten Pferde sind auf der linken Hand hohl (die linke Seite ist die weichere, nachgiebigere Seite) und auf der rechten Hand steif. Das bedeutet konkret:
- Auf der hohlen Seite biegt sich das Pferd zwar leichter, neigt aber dazu, über die äußere Schulter auszufallen und das innere Hinterbein nicht ausreichend unter den Schwerpunkt zu führen.
- Auf der steifen Seite weigert sich die Muskulatur, ausreichend nachzugeben. Das Pferd drückt gegen den Schenkel und nimmt die Anlehnung am inneren Zügel nicht gleichmäßig an.
- Die Hinterhand weicht seitlich von der Spur der Vorhand ab, wodurch die Schubkraft nicht geradlinig nach vorn übertragen wird.
Diese Asymmetrie betrifft die gesamte Muskelkette vom Genick über Hals, Rücken und Lendenwirbelsäule bis zur Kruppe. Hinzu kommt, dass die Hinterhand des Pferdes breiter ist als die Vorhand. Auf gerader Linie muss das innere Hinterbein daher aktiv in Richtung Schwerpunkt geführt werden, damit beide Körperhälften gleichmäßig belastet werden.
Ziele und Grundprinzipien
Das übergeordnete Ziel der Geraderichtung besteht darin, das Pferd so zu gymnastizieren, dass es beide Hinterbeine gleichmäßig Last aufnehmen und Schub entwickeln lässt. Erst wenn diese Voraussetzung erfüllt ist, kann eine korrekte Versammlung entstehen.
Die Geraderichtung folgt dabei einem scheinbar paradoxen Prinzip: Das Pferd wird durch Biegung gerade gerichtet. Dieser Grundsatz geht auf den Reitmeister Gustav Steinbrecht zurück, der in seinem Werk „Das Gymnasium des Pferdes" formulierte, man solle das Pferd „vorwärts und gerade richten". Durch kontrollierte seitliche Biegearbeit wird die steife Seite geschmeidiger und die hohle Seite stabiler, bis sich beide Körperhälften symmetrisch anfühlen.
Konkret bedeutet das:
- Der Reiter richtet die Vorhand vor die Hinterhand – nicht umgekehrt.
- Auf gebogenen Linien entspricht die Längsbiegung des Pferdes dem Radius der Kreislinie.
- Auf geraden Linien treten die Hinterbeine exakt in die Spur der jeweiligen Vorderbeine.
Übungen und Lektionen zur Geraderichtung
Die Geraderichtung wird nicht durch eine einzelne Übung erreicht, sondern durch ein durchdachtes Zusammenspiel verschiedener Lektionen über die gesamte Ausbildung hinweg:
- Zirkel und Volten: Auf gebogenen Linien lässt sich die Biegung gezielt kontrollieren. Häufige Handwechsel fördern die Gleichmäßigkeit beider Körperseiten.
- Schulterherein: Diese Seitwärtsbewegung gilt als die wichtigste gymnastizierende Lektion für die Geraderichtung. Das Pferd bewegt sich auf drei Hufschlägen vorwärts-seitwärts, wobei das innere Hinterbein vermehrt unter den Schwerpunkt tritt und Last aufnimmt.
- Travers und Renvers: Diese Seitengänge ergänzen das Schulterherein, indem die Hinterhand nach innen (Travers) bzw. die Vorhand nach außen (Renvers) gestellt wird. Sie fördern die Geschmeidigkeit der Hüftmuskulatur und verbessern die seitliche Durchlässigkeit.
- Schlangenlinien und Schlangentouren: Durch den permanenten Wechsel der Biegungsrichtung wird die Muskulatur beider Seiten gleichmäßig angesprochen.
- Übergänge: Wechsel zwischen Gangarten und Tempi innerhalb einer Gangart offenbaren Schiefe sofort und bieten die Gelegenheit, korrigierend einzuwirken.
Hilfengebung und Rolle des Reiters
Die Geraderichtung erfordert vom Reiter ein hohes Maß an Körpergefühl und Gleichgewicht. Der Reiter selbst bringt eigene Asymmetrien mit – eine stärkere Hand, eine festere Hüfte, eine ungleichmäßige Gewichtsverteilung. Diese Eigenheiten übertragen sich unmittelbar auf das Pferd und können dessen Schiefe verstärken.
Wesentliche Hilfengebung umfasst:
- Den verwahrenden äußeren Schenkel, der das Ausweichen der Hinterhand begrenzt.
- Den treibenden inneren Schenkel, der das innere Hinterbein zum vermehrten Untertreten auffordert.
- Die gleichmäßige Zügelführung, bei der das Pferd an beide Zügel herantreten soll, ohne sich auf eine Seite zu stützen oder der anderen auszuweichen.