Geröllfeld
GBiologie & Ökologie > Lebensräume & Geländebegriffe – weitere
Definition und Überblick
Ein Geröllfeld – auch als Blockfeld, Schuttfeld oder Felssturzhalde bezeichnet – ist eine Geländeform, die überwiegend aus losen, kantigen bis teilweise gerundeten Gesteinsfragmenten unterschiedlicher Größe besteht. Solche Ansammlungen von Gesteinsschutt entstehen vor allem in Gebirgsregionen durch Verwitterung, Frostsprengung und Hangrutschungen. Geröllfelder zählen zu den extremen Lebensräumen, die trotz ihrer scheinbaren Lebensfeindlichkeit eine spezialisierte Tier- und Pflanzenwelt beherbergen. Je nach Höhenlage, Gesteinsart und Exposition unterscheiden sich Geröllfelder erheblich in ihren ökologischen Eigenschaften.
Entstehung und geologische Grundlagen
Geröllfelder entstehen durch verschiedene geologische Prozesse. Die Frostverwitterung spielt in alpinen und subarktischen Regionen eine zentrale Rolle: Wasser dringt in Gesteinsritzen ein, gefriert und sprengt das Gestein durch die Volumenzunahme des Eises. Über Jahrhunderte zerfallen so ganze Felswände in kantige Bruchstücke, die sich am Hangfuß oder auf Plateaus ansammeln. Weitere Entstehungsursachen sind:
- Felsstürze und Bergstürze, bei denen große Gesteinsmassen plötzlich abbrechen und sich talwärts verlagern
- Chemische Verwitterung, besonders bei Kalkgestein, das durch Kohlensäure im Regenwasser gelöst wird
- Glaziale Prozesse, bei denen Gletscher Gestein mittransportieren und als Moränenschutt ablagern
- Thermische Verwitterung durch starke Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht
Die Korngröße des Schuttmaterials reicht von feinem Grus (wenige Millimeter) über Schotter und Geröll bis hin zu metergroßen Blöcken. Grobblockige Ansammlungen werden auch als Blockhalden oder Felsmeere bezeichnet. Die Gesteinsart – ob Granit, Gneis, Kalkstein oder Schiefer – beeinflusst die Form der Bruchstücke, den pH-Wert des Bodens und damit die gesamte Lebensgemeinschaft.
Geröllfelder als Lebensraum
Auf den ersten Blick wirken Geröllfelder unwirtlich und leblos. Tatsächlich bieten sie jedoch ein komplexes Mosaik aus Mikrohabitaten. Die Hohlräume und Spalten zwischen den Steinen schaffen ein eigenes Kleinklima: Während die Oberfläche extremer Sonneneinstrahlung und Auskühlung ausgesetzt ist, herrschen in tieferen Schichten relativ konstante Temperaturen und eine höhere Luftfeuchtigkeit. Dieses sogenannte Lückensystem dient vielen Tierarten als Rückzugsraum, Überwinterungsquartier oder Brutstätte.
Die Vegetationsdecke auf Geröllfeldern ist typischerweise lückenhaft bis fehlend. Pionierarten wie Flechten, Moose und Steinbrechgewächse besiedeln die Oberflächen als Erste. In stabileren Bereichen können sich mit der Zeit Polsterpflanzen, Gräser und vereinzelt Zwergsträucher etablieren. Diese karge Vegetation bildet die Nahrungsgrundlage für die dort lebenden Tiere.
Tierwelt der Geröllfelder
Die Fauna der Geröllfelder ist hochspezialisiert und umfasst Vertreter zahlreicher Tiergruppen:
Reptilien: Die Mauereidechse (Podarcis muralis) nutzt Geröllhalden als Sonnenplätze und Verstecke. Auch die Schlingnatter (Coronella austriaca) jagt zwischen den Steinen nach Eidechsen und Kleinsäugern. In alpinen Geröllfeldern kommt zudem die Kreuzotter (Vipera berus) vor, die das Lückensystem zum Überwintern nutzt.
Säugetiere: Der Schneehase (Lepus timidus) sucht in alpinen Blockhalden Deckung vor Greifvögeln. Das Hermelin (Mustela erminea) jagt geschickt durch das Spaltensystem. Besonders eng an Geröllfelder gebunden ist die Schneemaus (Chionomys nivalis), die fast ausschließlich in diesem Lebensraum vorkommt und ihre Nester in Felsspalten anlegt. Auch Murmeltiere (Marmota marmota) graben ihre Baue bevorzugt in geröllreichem Untergrund.
Vögel: Der Steinschmätzer (Oenanthe oenanthe) brütet in Felsnischen und Steinhaufen. Die Alpenbraunelle (Prunella collaris) und das Steinhuhn (Alectoris graeca) zählen ebenfalls zu den typischen Bewohnern geröllreicher Gebirgslagen.
Wirbellose: Unter den Steinen leben zahlreiche Laufkäfer (Carabidae), Spinnen, Hundertfüßer und Asseln. Viele dieser Arten sind kältetolerant und nachtaktiv. Einige hochspezialisierte Insektenarten kommen ausschließlich in Geröllfeldern vor und gelten als Endemiten bestimmter Gebirgsstöcke. In feuchten Blockhalden siedeln zudem spezialisierte Schneckenarten.
Ökologische Bedeutung und Schutz
Geröllfelder erfüllen mehrere ökologische Funktionen. Sie dienen als Kaltluftproduzenten: In den Hohlräumen zirkuliert kühle Luft, die am Hangfuß austritt und dort Kälteinseln schafft. Diese Kaltluftzonen ermöglichen das Vorkommen von Reliktarten der Eiszeit in vergleichsweise niedrigen Lagen. Darüber hinaus fungieren Geröllfelder als natürliche Wasserspeicher, da Niederschlag zwischen den Steinen versickert und zeitverzögert abgegeben wird.
Durch Klimawandel, Infrastrukturprojekte und touristische Erschließung geraten viele Geröllfelder unter Druck. Die Erwärmung lässt den Permafrost in hochalpinen Blockhalden