Gletscher
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Definition und Überblick
Ein Gletscher ist eine große, sich langsam bewegende Eismasse, die aus verdichtetem Schnee entsteht und über längere Zeiträume erhalten bleibt. Gletscher formen als geomorphologische Kräfte ganze Landschaften, schaffen dabei einzigartige Lebensräume und beeinflussen das Klima ganzer Regionen. Obwohl sie auf den ersten Blick lebensfeindlich wirken, sind Gletscherregionen ökologisch bedeutsame Gebiete, die einer spezialisierten Flora und Fauna als Habitat dienen. Im Kontext eines Tierlexikons verdienen Gletscher daher besondere Aufmerksamkeit als extreme Lebensräume, die eine erstaunliche Vielfalt an Anpassungsstrategien hervorgebracht haben.
Entstehung und Typen
Gletscher entstehen dort, wo über Jahre hinweg mehr Schnee fällt als abschmilzt. Der Schnee verdichtet sich zunächst zu körnigem Firn und wird durch zunehmenden Druck schließlich zu Gletschereis. Dieser Prozess dauert je nach Bedingungen Jahrzehnte bis Jahrhunderte. Das Eis beginnt unter seinem eigenen Gewicht talwärts oder seitwärts zu fließen, wobei es die darunterliegende Landschaft durch Erosion formt.
Man unterscheidet mehrere Gletschertypen:
- Talgletscher – fließen in vorgeformten Tälern bergab und sind die bekannteste Erscheinungsform in Hochgebirgen wie den Alpen, dem Himalaya oder den Anden.
- Plateaugletscher und Eiskappen – bedecken Hochflächen und Bergkuppen, etwa in Skandinavien oder auf Island.
- Kontinentale Eisschilde – riesige Eismassen, die ganze Landstriche überziehen, wie in der Antarktis und auf Grönland.
- Hängegletscher und Kargletscher – kleinere Formen, die in steilen Felswänden oder muldenförmigen Vertiefungen (Karen) liegen.
Der Gletscher als Lebensraum
Gletscherregionen gehören zu den extremen Lebensräumen der Erde. Niedrige Temperaturen, starke UV-Strahlung, Wind und Nährstoffarmut setzen Organismen enge Grenzen. Dennoch existiert auf und um Gletscher herum eine spezialisierte Lebensgemeinschaft, die als Kryobiosphäre bezeichnet wird.
Auf der Eisoberfläche selbst leben sogenannte Kryokonit-Gemeinschaften – Ansammlungen von Bakterien, Algen und Kleinstlebewesen in wassergefüllten Schmelzlöchern. Schneealgen der Gattung Chlamydomonas können die Eisoberfläche durch Pigmente rötlich oder grünlich färben und bilden die Basis einer Nahrungskette, die bis zu kleinen Gletscherflöhen (Collembola) und Bärtierchen (Tardigrada) reicht.
Der Gletscherfloh (Desoria saltans) ist ein bekanntes Beispiel für ein an Eis und Schnee angepasstes Tier. Dieses wenige Millimeter große Springschwanz-Insekt lebt auf Gletscheroberflächen und ernährt sich von Algen und organischem Material, das der Wind heranträgt. Auch der Eiswurm (Mesenchytraeus solifugus), ein kleiner Ringelwurm, besiedelt Gletscher im pazifischen Nordwesten Nordamerikas und lebt dauerhaft im Eis, wo er sich von Algen und Pollen ernährt.
Gletschervorfeld und angrenzende Lebensräume
Ökologisch besonders interessant ist das Gletschervorfeld – jene Zone, die nach dem Rückzug eines Gletschers freigelegt wird. Hier lässt sich die Primärsukzession, also die schrittweise Besiedlung vegetationsloser Flächen, direkt beobachten. Pionierarten wie Flechten und Moose bereiten den Boden für höhere Pflanzen vor, die wiederum Insekten, Spinnen und schließlich Wirbeltiere anziehen.
Die von Gletschern gespeisten Schmelzwasserbäche stellen einen eigenständigen aquatischen Lebensraum dar. Ihr kaltes, trübes, sedimentreiches Wasser beherbergt spezialisierte Wirbellose wie Zuckmückenlarven (Chironomidae) und Steinfliegenlarven (Plecoptera). Die Artenzusammensetzung dieser Gletscherbäche unterscheidet sich deutlich von der anderer Berggewässer und dient in der Gewässerökologie als Indikator für glaziale Einflüsse.
In den umliegenden Schuttfluren, Moränenlandschaften und alpinen Matten finden sich Tierarten, die von der Nähe des Gletschers profitieren. Der Schneehase (Lepus timidus), das Schneehuhn (Lagopus muta) und der Schneefink (Montifringilla nivalis) bewohnen die hochalpine Zone in Gletschernähe. Größere Säugetiere wie Steinböcke (Capra ibex) und Gämsen (Rupicapra rupicapra) nutzen Gletscherränder als Rückzugsgebiete im Sommer, um Parasiten und Hitze zu entgehen.
Ökologische Bedeutung und Klimawandel
Gletscher fungieren als Süßwasserspeicher und regulieren den Wasserhaushalt ganzer Flusseinzugsgebiete. Während trockener Sommermonate speisen sie Bäche und Flüsse mit Schmelzwasser und sichern damit die Wasserversorgung für zahlreiche Ökosysteme flussabwärts – von Auenlandschaften bis zu Feuchtgebieten, die als Brut- und Rastplätze für Vögel und Amphibien dienen.
Der gegenwärtige Gletscherrückgang infolge der Erderwärmung verändert diese Ökosysteme grundlegend. Mit dem Abschmelzen verschwinden spezialisierte Lebensräume: Kälteliebende (psychrophile) Organismen verlieren ihr Habitat, die Wassertemperatur in Gletscherbächen steigt, und die Artenzusammensetzung verschiebt sich zugunsten wärmetoleranter Arten.