T Tierlexikon.net
← Lexikon

Hudern

H

Verhalten > Fortpflanzungs- & Brutverhalten

Definition & Überblick

Als Hudern bezeichnet die Ethologie das Verhalten eines Elternvogels, bei dem dieser seine Küken unter das Gefieder nimmt, um sie zu wärmen, zu schützen und zu beruhigen. Der Begriff leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort hudern ab, das so viel wie „bedecken" oder „beschirmen" bedeutet. In der Ornithologie und der angewandten Geflügelkunde zählt das Hudern zu den zentralen Elementen des Brutpflegeverhaltens und wird klar vom eigentlichen Brüten – dem Bebrüten der Eier – unterschieden. Während das Brüten der Embryonalentwicklung im Ei dient, bezieht sich das Hudern ausschließlich auf die Phase nach dem Schlupf, in der die Küken noch nicht eigenständig ihre Körpertemperatur regulieren können.

Im erweiterten Sinne wird der Begriff gelegentlich auch für das Staubbaden von Hühnervögeln verwendet, wobei sich die Tiere in trockener Erde, Sand oder Asche wälzen und das Substrat in ihr Gefieder einarbeiten. Diese Doppelbedeutung sollte im jeweiligen Kontext beachtet werden; der vorliegende Artikel konzentriert sich primär auf das Hudern als Brutpflegeverhalten.

Biologischer Hintergrund

Frisch geschlüpfte Küken vieler Vogelarten sind poikilotherm – sie können ihre Körpertemperatur in den ersten Lebenstagen nicht oder nur unzureichend selbst aufrechterhalten. Die Thermoregulation entwickelt sich je nach Art innerhalb der ersten ein bis drei Wochen nach dem Schlupf schrittweise. In dieser kritischen Phase ist das Hudern überlebensnotwendig: Das Elterntier – in den meisten Fällen die Henne – spreizt Flügel und Brustgefieder, senkt den Körper ab und schafft so eine Art Wärmekammer, in die sich die Küken zurückziehen.

Die Kontaktfläche zwischen dem Brutfleck (Apterium) des Altvogels und den Küken ermöglicht einen effizienten Wärmeübertrag. Dabei liegt die Körpertemperatur des hudernden Elternteils typischerweise zwischen 39 und 42 °C. Neben der Wärmeregulation spielt das Hudern eine bedeutende Rolle für die Stressreduktion der Jungvögel. Der enge Körperkontakt stimuliert die Ausschüttung von Oxytocin-analogen Neuropeptiden, was eine beruhigende Wirkung auf die Küken ausübt und die Eltern-Kind-Bindung festigt.

Aus endokrinologischer Sicht wird das Huderverhalten maßgeblich durch das Hormon Prolaktin gesteuert, das auch den Bruttrieb und die allgemeine Brutpflegemotivation reguliert. Ein erhöhter Prolaktinspiegel fördert die Bereitschaft des Altvogels, auf Bettellaute und taktile Reize der Küken mit Hudern zu reagieren.

Bei welchen Tieren tritt es auf?

Hudern ist ein weit verbreitetes Verhaltensmuster bei Vögeln, tritt jedoch besonders ausgeprägt bei Nestflüchtern auf, deren Küken das Nest kurz nach dem Schlupf verlassen und dem Elterntier folgen. Typische Beispiele sind:

  • Hühnervögel (Galliformes): Haushühner, Wachteln, Fasane, Rebhühner und Truthühner zeigen besonders intensives Hudern. Die Glucke ist das Paradebeispiel für huderndes Verhalten.
  • Entenvögel (Anseriformes): Stockenten, Gänse und Schwäne hudern ihre Küken regelmäßig, besonders in den ersten Lebenstagen und bei nasskalter Witterung.
  • Laufvögel (Struthioniformes): Beim Nandu und beim Emu übernimmt ausschließlich das Männchen das Hudern der geschlüpften Küken – ein bemerkenswertes Beispiel für paternal dominierte Brutpflege.
  • Rallen (Rallidae) und Kraniche (Gruidae): Auch bei diesen Familien ist das Hudern gut dokumentiert und erfolgt oft durch beide Elternteile abwechselnd.

Bei Nesthockern wie Singvögeln, Greifvögeln oder Eulen existiert ein funktional verwandtes Verhalten, das häufig als Bewärmen oder Abdecken der Nestlinge beschrieben wird. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass Nesthocker im Nest verbleiben und nicht aktiv unter den Altvogel schlüpfen, während beim klassischen Hudern die Küken selbstständig den Schutz des Elterntieres aufsuchen.

Auslöser & Funktion

Das Hudern wird durch ein Zusammenspiel verschiedener Schlüsselreize und innerer Faktoren ausgelöst:

  • Akustische Signale: Küken äußern spezifische Piepstöne, die als Unbehagenslaute klassifiziert werden. Diese hochfrequenten Rufe lösen beim Elterntier zuverlässig eine Huderreaktion aus – ein Mechanismus, der als angeborener Auslösemechanismus (AAM) beschrieben wird.
  • Taktile Reize: Das Anschmiegen und Unterschlüpfen der Küken stimuliert Mechanorezeptoren im Bauch- und Brustbereich des Altvogels und verstärkt das Huderverhalten reflexartig.
  • Umweltfaktoren: Niedrige Umgebungstemperaturen, Wind, Regen und Dunkelheit steigern sowohl die Huderbedürftigkeit der Küken als auch die Huderbereitschaft des Elterntieres.
  • Prädationsdruck: Bei Anwesenheit von Fressfeinden dient das Hudern nicht nur der Thermoregulation, sondern gleichzeitig der Tarnung und dem physischen Schutz der Jungvögel. Die Glucke gibt dabei oft einen leisen Warnlaut von sich, der die Küken zum sofortigen Aufsuchen ihres Schutzgefieders motiviert – ein eindrückliches Beispiel akustischer Kommunikation im Rahmen des Sozialverhaltens.

Funktional betrachtet erfüllt das Hudern also vier zentrale Aufgaben: Thermoregulation, Feindvermeidung, Bindungsförderung und Stressreduktion. Die Frequenz und Dauer des Huderns nimmt mit zunehmendem Alter und wach