Leitwert
LFachbegriffe (Aquaristik/Terraristik/Vogelhaltung) > Aquaristik-Fachbegriffe
Definition & Überblick
Der Leitwert – korrekt als elektrische Leitfähigkeit bezeichnet – ist ein zentraler Wasserparameter in der Aquaristik. Er gibt an, wie gut das Aquarienwasser elektrischen Strom leitet. Gemessen wird er in der Einheit Mikrosiemens pro Zentimeter (µS/cm). Je mehr gelöste Salze, Mineralien und Ionen im Wasser vorhanden sind, desto höher fällt der Leitwert aus. Destilliertes Wasser hat einen Leitwert nahe null, während stark mineralisiertes Leitungswasser Werte von über 800 µS/cm erreichen kann.
Für die artgerechte Haltung von Zierfischen, Wirbellosen und Aquarienpflanzen ist der Leitwert ein unverzichtbarer Indikator. Er liefert eine schnelle Gesamtaussage über die im Wasser gelösten Stoffe – quasi einen „Fingerabdruck" der Wasserqualität. Während Einzeltests für Gesamthärte, Karbonathärte oder Nitrat jeweils nur einen Teilaspekt abdecken, fasst der Leitwert alle ionisch gelösten Substanzen in einem einzigen Messwert zusammen. Genau darin liegt sein Nutzen, aber auch seine Grenze: Er verrät nicht, welche Stoffe gelöst sind, sondern nur, wie viel insgesamt vorhanden ist.
Grundlagen & Voraussetzungen
Der Leitwert hängt eng mit anderen Wasserwerten zusammen, insbesondere mit der Gesamthärte (GH) und der Karbonathärte (KH). Als grobe Faustregel gilt: Gesamthärte in °dH multipliziert mit etwa 30 bis 40 ergibt einen ungefähren Leitwert in µS/cm. Weicht der tatsächlich gemessene Leitwert stark nach oben ab, deutet das auf zusätzliche gelöste Stoffe hin – etwa Nitrat, Phosphat oder Natriumchlorid.
Verschiedene Fischarten und Wirbellose stellen sehr unterschiedliche Anforderungen an den Leitwert:
- Weichwasserfische (z. B. Rote Neon, Diskus, viele Salmler aus Südamerika): 50–300 µS/cm
- Garnelen aus Sulawesi: 150–350 µS/cm
- Bienengarnelen (Caridina): 150–350 µS/cm
- Neocaridina-Garnelen: 300–600 µS/cm
- Ostafrikanische Buntbarsche (Malawi, Tanganjika): 400–800 µS/cm
- Lebendgebärende (Guppys, Platys, Mollys): 400–800 µS/cm
Besonders in der Zucht empfindlicher Arten spielt der Leitwert eine entscheidende Rolle. Viele Salmler und Zwergbuntbarsche laichen nur bei sehr niedrigen Leitwerten unter 100 µS/cm ab. Die Eihüllen sind bei hoher Ionenkonzentration nicht ausreichend durchlässig, was zum Absterben der Embryonen führt.
Praktische Umsetzung
Zur Messung des Leitwerts wird ein Leitwertmessgerät (auch TDS-Meter oder Konduktometer) verwendet. Hochwertige Geräte messen direkt in µS/cm, günstige TDS-Meter zeigen den Wert in ppm (parts per million) an, wobei der Umrechnungsfaktor je nach Gerät zwischen 0,5 und 0,7 liegt. Für die Aquaristik empfiehlt sich ein Gerät, das direkt in µS/cm misst und temperaturkompensiert arbeitet, da die Leitfähigkeit temperaturabhängig ist.
Um den Leitwert im Aquarium gezielt einzustellen, stehen mehrere Methoden zur Verfügung:
- Osmoseanlage (Umkehrosmose): Entfernt bis zu 98 % aller gelösten Stoffe aus dem Leitungswasser. Das Permeat hat einen Leitwert von meist 5–20 µS/cm und wird anschließend mit Leitungswasser oder speziellen Aufhärtesalzen auf den gewünschten Zielwert verschnitten.
- Vollentsalzer (Mischbettharz): Liefert Wasser mit einem Leitwert nahe null. Sinnvoll bei kleinen Mengen oder als Feinfilter nach der Osmoseanlage.
- Verschneiden: Durch gezieltes Mischen von Osmosewasser und Leitungswasser lässt sich jeder gewünschte Leitwert exakt einstellen. Eine einfache Kreuzrechnung hilft bei der Bestimmung des Mischverhältnisses.
- Aufhärtesalze: Spezielle Mineralstoffmischungen für Garnelenbecken (z. B. „Bee Shrimp Mineral" oder „Salty Shrimp") erlauben eine gezielte Aufsalzung auf den artgerecht benötigten Leitwert.
Im laufenden Betrieb sollte der Leitwert regelmäßig kontrolliert werden – idealerweise wöchentlich und zusätzlich vor und nach jedem Wasserwechsel. Steigt der Leitwert zwischen den Wasserwechseln stark an, deutet das auf eine Anreicherung von Stoffwechselprodukten oder eine zu geringe Wasserwechselrate hin.
Häufige Fehler
- Leitwert mit Wasserhärte gleichsetzen: Ein hoher Leitwert bedeutet nicht automatisch hartes Wasser. Natriumchlorid oder Nitrat erhöhen den Leitwert, ohne die Gesamthärte zu beeinflussen. Deshalb ersetzt der Leitwert niemals die Einzelmessung von GH und KH.
- Reines Osmosewasser ohne Aufhärtung verwenden: Wasser mit einem Leitwert unter 20 µS/cm enthält kaum Mineralien und ist für die meisten Aquarienbewohner ungeeignet. Garnelen und Fische benötigen ein Mindestmaß an gelösten Mineralien für Osmoregulation und Häutung.
- Plötzliche Leitwertschwankungen: Starke Veränderungen des Leitwerts bei Wasserwechseln stressen die Tiere enorm. Besonders Garnelen reagieren auf Schwankungen von mehr als 50–100 µS/cm mit Häut