Rehkitz
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Definition und Überblick
Als Rehkitz wird das Jungtier des europäischen Rehs (Capreolus capreolus) in seinen ersten Lebensmonaten bezeichnet. Der Begriff umfasst den Zeitraum von der Geburt bis etwa zum Alter von einem Jahr, wobei die Bezeichnung im engeren Sinne vor allem für die ersten Lebenswochen verwendet wird, in denen das Jungtier noch das charakteristische gefleckte Fell trägt. Das Rehkitz gehört zu den sogenannten Ablegern – Jungtieren, die von der Mutter (Ricke oder Rehgeiß) an einem geschützten Ort abgelegt werden und dort reglos verharren, bis sie gesäugt werden. Diese Fortpflanzungsstrategie unterscheidet sich grundlegend von der Strategie der Nachfolger, wie sie etwa bei Pferdefohlen vorkommt.
Tragzeit und Geburt
Die Paarungszeit des Rehwilds, in der Jägersprache als Blattzeit bezeichnet, findet im Juli und August statt. Eine Besonderheit der Rehfortpflanzung ist die sogenannte Keimruhe (Eiruhe oder Diapause): Die befruchtete Eizelle nistet sich nicht sofort in die Gebärmutterschleimhaut ein, sondern verharrt mehrere Monate in einem Ruhezustand. Erst im Dezember oder Januar beginnt die eigentliche Embryonalentwicklung. Durch diesen Mechanismus beträgt die gesamte Tragzeit rund neun bis zehn Monate, obwohl die aktive Entwicklungsphase des Embryos nur etwa fünf Monate dauert.
Die Setzzeit, also der Zeitraum der Geburt, liegt in Mitteleuropa zwischen Mai und Juni. Eine Ricke bringt in der Regel ein bis drei Kitze zur Welt, wobei Zwillinge am häufigsten vorkommen. Erstlingsricken setzen oft nur ein einzelnes Jungtier. Die Geburt erfolgt an einem ruhigen, deckungsreichen Ort – bevorzugt in hohem Gras, Getreidefeldern oder am Waldrand.
Körperliche Merkmale des Rehkitzes
Neugeborene Rehkitze wiegen zwischen 1.000 und 1.800 Gramm. Ihr Fell zeigt ein rotbraunes Grundmuster mit auffälligen weißen Flecken auf Rücken und Flanken. Dieses Fleckenmuster dient als Tarnzeichnung und löst die Körperkontur des am Boden liegenden Kitzes optisch auf – ein wirksamer Schutz vor Fressfeinden wie Fuchs, Wildschwein oder Greifvögeln. Die Flecken verblassen im Laufe des Sommers und verschwinden mit dem ersten Haarwechsel im Herbst vollständig.
In den ersten Lebenstagen sind die Beine des Kitzes im Verhältnis zum Körper auffallend lang, wirken aber noch unsicher. Innerhalb weniger Stunden nach der Geburt kann das Jungtier bereits stehen und erste wacklige Schritte unternehmen. Die Augen sind von Geburt an geöffnet.
Abliegeverhalten und Drückinstinkt
Das Abliegeverhalten gehört zu den zentralen Überlebensstrategien junger Rehkitze. Die Ricke legt ihre Jungtiere in den ersten zwei bis drei Lebenswochen einzeln im Gras oder Unterholz ab und entfernt sich, um durch ihre eigene Anwesenheit keine Raubtiere anzulocken. Das Kitz verharrt dabei reglos am Boden – dieses Verhalten wird als Drückinstinkt bezeichnet.
Der Drückinstinkt wird durch mehrere Faktoren unterstützt:
- Neugeborene Rehkitze sind in den ersten Lebenstagen nahezu geruchlos, da die Talgdrüsen noch kaum Sekret produzieren.
- Die Tarnzeichnung des Fells macht das Kitz im Gras oder Laub praktisch unsichtbar.
- Herzschlag und Atemfrequenz werden beim Abliegeverhalten deutlich reduziert.
Die Ricke kehrt mehrmals täglich zum Säugen zurück, wobei sie sich dem Ablageort häufig auf Umwegen nähert. Mit zunehmendem Alter werden die Kitze mobiler und beginnen, der Mutter aktiv zu folgen.
Ernährung und Entwicklung
In den ersten Lebenswochen ernährt sich das Rehkitz ausschließlich von der fettreichen Muttermilch. Die Milch der Ricke enthält etwa 10 bis 12 Prozent Fett und ermöglicht ein rasches Wachstum. Ab einem Alter von etwa zwei bis drei Wochen beginnt das Kitz, erste pflanzliche Nahrung aufzunehmen – zunächst zarte Kräuter und Gräser, später auch Knospen, Triebe und Blätter. Die vollständige Entwöhnung von der Muttermilch erfolgt im Alter von drei bis vier Monaten.
Das Wachstum verläuft in den Sommermonaten besonders schnell. Bis zum Herbst erreicht ein Rehkitz ein Körpergewicht von etwa 12 bis 15 Kilogramm. Männliche Kitze, auch Bockkitze genannt, bilden im ersten Winter bereits kleine Höcker an der Stirn, die sogenannten Rosenstöcke, aus denen im Frühjahr das erste Gehörn – anfangs nur kurze Spieße – wächst.
Natürliche Feinde und Sterblichkeit
Die Sterblichkeitsrate bei Rehkitzen ist vor allem in den ersten Lebenswochen hoch. Zu den natürlichen Fressfeinden zählen Rotfuchs, Wildschwein, Steinadler, Uhu und in Gebieten mit Großraubtieren auch Luchs und Wolf. Darüber hinaus stellen landwirtschaftliche Mäharbeiten eine erhebliche Gefahr dar. Alljährlich fallen zahlreiche Kitze Mähmaschinen zum Opfer, da sie aufgrund ihres Drückinstinkts nicht vor den Geräten fliehen. Jäger, Landwirte und Naturschutzorganisationen setzen daher zunehmend Drohnen mit Wärmebildkameras ein, um vor der Mahd Kitze aufzuspüren und in Sicherheit zu bringen. Auch das Aufstellen von Vergrämungsmitteln am Vorabend der Mahd gehört zu den gängigen Schutzmaßnahmen.
Witterungsbedingte Verluste treten vor allem bei nasskalter Witterung im Mai und Juni auf. Unterkühlte oder geschwächte Kitze sind anfällig für Infektionen und Parasiten.
Verhalten gegenüber aufgefundenen Rehkitzen
Ein allein im Gras liegendes Rehkitz ist in aller Regel nicht verlassen oder verwaist, sondern von der Ricke bewusst abgelegt worden. Das Berüh