Schulterherein
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Definition und Überblick
Das Schulterherein (auch Schulterhinein oder französisch épaule en dedans) ist eine seitliche Biegearbeit im Pferdesport, bei der das Pferd auf drei Hufschlaglinien gleichmäßig gebogen an der Bande oder auf einer beliebigen Linie vorwärts-seitwärts geht. Die Vorhand wird dabei leicht nach innen versetzt, während die Hinterhand auf dem ursprünglichen Hufschlag bleibt. Das innere Hinterbein tritt in Richtung des Schwerpunkts unter den Körper, was eine vermehrte Last- und Beugearbeit erzeugt. Das Schulterherein gilt als eine der grundlegenden Seitengänge in der klassischen Dressurausbildung und wird oft als „Aspirin der Reitkunst" bezeichnet, da es vielseitige gymnastische Wirkungen auf den Pferdekörper entfaltet.
Historischer Ursprung
Die Lektion geht auf den französischen Reitmeister François Robichon de La Guérinière (1688–1751) zurück, der das Schulterherein in seinem Standardwerk École de Cavalerie erstmals systematisch beschrieb. La Guérinière erkannte, dass diese Übung das Pferd nicht nur geschmeidiger macht, sondern auch die Hankenbeugung fördert und damit die Grundlage für alle höheren Lektionen der Hohen Schule bildet. Sein Konzept beeinflusste maßgeblich die Entwicklung der akademischen Reitkunst und findet sich heute in nahezu allen Ausbildungssystemen – von der FN-Richtlinie über die Wiener Hofreitschule bis hin zur Légèreté-Schule nach Philippe Karl.
Korrekte Ausführung
Beim korrekt gerittenen Schulterherein bewegt sich das Pferd auf drei Hufspuren. Das äußere Vorderbein und das innere Hinterbein bilden dabei eine gemeinsame Spur. Die Abstellung der Vorhand beträgt etwa 30 Grad zur Bewegungsrichtung. Der Reiter sieht von vorne drei separate Hufabdrücke:
- Erste Spur: das innere Vorderbein auf der innersten Linie
- Zweite Spur: das äußere Vorderbein und das innere Hinterbein auf derselben Linie
- Dritte Spur: das äußere Hinterbein auf der äußersten Linie
Das Pferd ist dabei gleichmäßig um den inneren Schenkel des Reiters gebogen. Die Biegung erstreckt sich vom Genick über den Hals bis in den Brustkorb. Eine häufige Fehlinterpretation besteht darin, lediglich den Hals nach innen zu ziehen, ohne eine tatsächliche Rumpfbiegung zu erreichen. In diesem Fall spricht man von einem „falschen Schulterherein" oder einer bloßen Halsstellung, die keinen gymnastischen Nutzen hat.
Hilfengebung des Reiters
Die Einleitung des Schulterherein erfolgt in der Regel aus einer Ecke oder aus einem Voltenansatz heraus. Der Reiter nutzt dafür ein Zusammenspiel verschiedener Hilfen:
- Innerer Schenkel: liegt am Gurt und treibt das Pferd vorwärts-seitwärts. Er ist der biegende Schenkel und regt das innere Hinterbein zum vermehrten Untertreten an.
- Äußerer Schenkel: liegt eine Handbreit hinter dem Gurt und begrenzt die Hinterhand, damit diese auf dem Hufschlag bleibt und nicht nach außen ausweicht.
- Innerer Zügel: stellt das Pferd leicht nach innen und gibt die Biegungsrichtung vor, ohne rückwärts zu wirken.
- Äußerer Zügel: begrenzt die Stellung, fängt die äußere Schulter auf und reguliert das Tempo. Er ist der maßgebliche Begrenzungszügel.
- Gewichtshilfe: Der Reiter belastet den inneren Gesäßknochen leicht vermehrt und dreht die Schultern parallel zur Schulterachse des Pferdes.
Eine häufige Schwierigkeit besteht darin, die Vorwärtsbewegung aufrechtzuerhalten. Verliert das Pferd an Schwung, geht die gymnastizierende Wirkung verloren. Der Takt – meist im Trab, seltener im Schritt oder Galopp – muss während der gesamten Lektion gleichmäßig erhalten bleiben.
Gymnastische Wirkung und Nutzen
Das Schulterherein entfaltet eine Vielzahl positiver Effekte auf die Pferdeausbildung. Durch das vermehrte Untertreten des inneren Hinterbeins wird die Hankenbeugung gefördert, was langfristig zur Entwicklung der Versammlung beiträgt. Die Übung löst Verspannungen in der Schulter- und Rückenmuskulatur und verbessert die Durchlässigkeit des Pferdes. Im Einzelnen bewirkt das Schulterherein:
- Vermehrte Lastaufnahme der Hinterhand und damit Entlastung der Vorhand
- Verbesserung der seitlichen Geschmeidigkeit und Geraderichtung
- Lösung von Blockaden im Bereich des Brustkorbs und der Rippenpartie
- Förderung der Anlehnung an den äußeren Zügel
- Stärkung der Bauch- und Rückenmuskulatur durch asymmetrische Belastung
- Erhöhung der Aufmerksamkeit und Reaktionsbereitschaft auf die Reiterhilfen
Zudem dient die Lektion als wirksames Korrekturmittel bei Pferden, die zum Drängeln gegen den inneren Schenkel neigen oder sich der Einwirkung des Reiters entziehen. Durch das Schulterherein lernt das Pferd, dem inneren Schenkel nachzugeben und die äußere Begrenzung zu akzeptieren.
Abgrenzung zu verwandten Seitengängen
Das Schulterherein unterscheidet sich von anderen Seitengängen wie dem Travers (Kruppeherein), dem Renvers (Kruppehinaus) und dem Traversale. Beim Travers wird die Hinterhand nach innen versetzt, während die Vorhand auf dem Hufschlag bleibt – gewissermaßen das Spiegelbild zum Schulterherein. Beim Traversale bewegt sich das Pferd diagonal über die Bahn. Allen Seitengängen gemeinsam ist das Prinzip der gleichzeitigen Vorwärts- und Seitwärtsbewegung, jedoch unterscheiden sie sich in der Biegungsrichtung