Streuwiese
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Definition und Überblick
Eine Streuwiese ist eine extensiv bewirtschaftete Feucht- oder Nasswiese, die traditionell nur ein- bis zweimal jährlich – meist im Spätsommer oder Herbst – gemäht wird. Das gewonnene Mähgut diente historisch nicht als Viehfutter, sondern als Einstreu in Ställen, woher sich der Name ableitet. Streuwiesen zählen zu den artenreichsten Lebensräumen Mitteleuropas und sind heute in weiten Teilen ihres einstigen Verbreitungsgebiets stark gefährdet oder bereits verschwunden. Sie finden sich vor allem im Alpenvorland, in Flussniederungen und in Verlandungszonen von Seen und Mooren.
Im ökologischen Kontext stehen Streuwiesen zwischen natürlichen Feuchtgebieten und intensiv genutztem Grünland. Sie verdanken ihre Existenz einer über Jahrhunderte gewachsenen Kulturlandschaft und sind ohne menschliche Pflege nicht dauerhaft überlebensfähig – bei ausbleibender Mahd verbuschen sie innerhalb weniger Jahre und gehen in Gehölzbestände über.
Entstehung und historische Nutzung
Die Entstehung von Streuwiesen geht auf die bäuerliche Landwirtschaft zurück, die seit dem Mittelalter feuchte Standorte in regelmäßige Nutzung nahm. Da das spät gemähte Gras bereits verholzt und nährstoffarm war, eignete es sich kaum als Futtermittel. Stattdessen wurde es getrocknet und als Stallstreu verwendet – eine preiswerte Alternative zu Stroh, besonders in Regionen mit wenig Ackerbau.
Die späte Mahd, üblicherweise ab September, und der vollständige Verzicht auf Düngung prägten den Charakter dieser Wiesen über Generationen. Nährstoffe wurden dem System kontinuierlich entzogen, ohne dass neue zugeführt wurden. Dadurch entstand ein magerer, nährstoffarmer Standort, auf dem konkurrenzstarke Gräser zurückgedrängt wurden und spezialisierte Pflanzenarten sich behaupten konnten.
Mit der Industrialisierung und der Intensivierung der Landwirtschaft ab der Mitte des 20. Jahrhunderts verloren Streuwiesen ihre wirtschaftliche Bedeutung. Viele Flächen wurden drainiert, umgebrochen, aufgedüngt oder schlicht aufgegeben. In der Folge schrumpften die Bestände in Deutschland, Österreich und der Schweiz auf einen Bruchteil ihrer früheren Ausdehnung.
Standortbedingungen und Pflanzengesellschaften
Streuwiesen besiedeln typischerweise wechselfeuchte bis nasse Standorte mit hohem Grundwasserstand. Die Böden sind häufig torfig, anmoorig oder mineralisch-lehmig und zeichnen sich durch Nährstoffarmut aus. Charakteristisch ist ein saisonaler Wechsel zwischen Vernässung im Winter und Frühjahr sowie mäßiger Austrocknung im Sommer.
Pflanzensoziologisch werden Streuwiesen vor allem dem Verband der Pfeifengraswiesen (Molinion caeruleae) zugeordnet. Namengebend ist das Pfeifengras (Molinia caerulea), das auf vielen Flächen dominiert. Daneben kommen zahlreiche weitere Arten vor, darunter:
- Sibirische Schwertlilie (Iris sibirica)
- Lungenenzian (Gentiana pneumonanthe)
- Teufelsabbiss (Succisa pratensis)
- Sumpf-Gladiole (Gladiolus palustris)
- Mehlprimel (Primula farinosa)
- Verschiedene Seggenarten (Carex spp.) und Orchideen
Auf kalkreichem Untergrund entwickeln sich besonders artenreiche Bestände. Pro Quadratmeter können über 40 Pflanzenarten vorkommen – eine Dichte, die kaum ein anderer Lebensraumtyp in Mitteleuropa erreicht.
Bedeutung für die Tierwelt
Streuwiesen bieten einer Vielzahl von Tierarten Lebensraum, Nahrungsquelle und Fortpflanzungsstätte. Die späte Mahd ist dabei ein entscheidender Faktor: Sie ermöglicht bodenbrütenden Vögeln, ihre Brut aufzuziehen, und gibt Insekten genügend Zeit, ihren Entwicklungszyklus abzuschließen.
Zu den typischen Vogelarten der Streuwiesen gehören der Wachtelkönig (Crex crex), das Braunkehlchen (Saxicola rubetra), der Große Brachvogel (Numenius arquata) und die Bekassine (Gallinago gallinago). Diese Wiesenbrüter sind europaweit im Rückgang begriffen und auf extensiv genutzte Feuchtwiesen angewiesen.
Unter den Insekten profitieren vor allem Tagfalter wie der Lungenenzian-Ameisenbläuling (Phengaris alcon), dessen Raupe ausschließlich am Lungenenzian frisst und für ihre weitere Entwicklung auf bestimmte Ameisenarten angewiesen ist. Auch zahlreiche Heuschrecken, Libellen, Laufkäfer und Wildbienen besiedeln Streuwiesen. Die strukturreiche Vegetation mit unterschiedlichen Feuchtigkeitszonen schafft ein kleinräumiges Mosaik an Mikrohabitaten.
Amphibien wie Laubfrosch, Moorfrosch und verschiedene Molcharten nutzen die feuchten Senken als Laichgewässer und die Wiese als Sommerlebensraum. Auch Reptilien wie die Kreuzotter und die Blindschleiche kommen in Randbereichen von Streuwiesen vor.
Gefährdung und Schutz
Streuwiesen gehören zu den am stärksten bedrohten Lebensräumen Mitteleuropas. Die Hauptursachen für ihren Rückgang sind:
- Entwässerung durch Drainage und Grundwasserabsenkung
- Nutzungsaufgabe und nachfolgende Verbuschung
- Intensivierung durch Düngung und häufigere Mahd
- Nährstoffeintrag aus angrenzenden landwirtschaftlichen Flächen (Eutrophierung)
- Umbruch zu Ackerland