Wunde
WTiermedizin & Gesundheit > Erste Hilfe & Pflege
Definition & Überblick
Eine Wunde (lat. Vulnus) bezeichnet jede Unterbrechung der Gewebskontinuität an Haut, Schleimhaut oder tieferliegenden Strukturen wie Muskulatur, Sehnen oder inneren Organen. In der Tiermedizin gehören Wunden zu den häufigsten Vorstellungsgründen in der Praxis – sie betreffen sämtliche Tierarten, von Hund und Katze über Pferd und Kaninchen bis hin zu Vögeln und Reptilien.
Grundsätzlich unterscheidet man zwischen offenen Wunden, bei denen die Hautoberfläche durchbrochen ist, und geschlossenen Wunden (z. B. Quetschungen oder Prellungen), bei denen die Haut intakt bleibt, das darunterliegende Gewebe jedoch geschädigt ist. Je nach Entstehungsmechanismus, Tiefe, Verschmutzungsgrad und Alter der Verletzung variieren Schweregrad, Infektionsrisiko und Heilungsverlauf erheblich.
Die Wundheilung verläuft in drei überlappenden Phasen: der Exsudationsphase (Entzündungs- und Reinigungsphase), der Proliferationsphase (Bildung von Granulationsgewebe) und der Reparationsphase (Narbenbildung und Gewebsumbau). Dieser Prozess kann je nach Tierart, Wundtyp und Allgemeinzustand des Tieres zwischen wenigen Tagen und mehreren Wochen dauern.
Ursachen & Risikofaktoren
Die Ursachen für Wunden bei Tieren sind vielfältig:
- Bisswunden (Vulnus morsum): Entstehen durch Auseinandersetzungen mit Artgenossen oder anderen Tieren. Besonders bei Katzen sind Bissverletzungen häufig und tückisch, da die schmalen Eckzähne tiefe, punktförmige Wunden hinterlassen, die sich oberflächlich schnell verschließen und darunter Abszesse bilden können.
- Schnittwunden (Vulnus scissum): Verursacht durch scharfe Gegenstände wie Glasscherben, Blechkanten oder Drähte. Sie zeigen glatte Wundränder und bluten oft stark.
- Risswunden (Vulnus lacerum): Entstehen durch Gewalteinwirkung mit unregelmäßigen, ausgefransten Wundrändern – typisch bei Stacheldrahtverletzungen beim Pferd.
- Schürfwunden (Vulnus abrasum): Oberflächliche Verletzungen der Epidermis, häufig nach Stürzen oder Reibung auf rauem Untergrund.
- Stichwunden (Vulnus punctum): Tiefe, oft unterschätzte Verletzungen durch spitze Gegenstände wie Dornen, Nägel oder Fremdkörper.
- Quetschwunden (Vulnus contusum): Durch stumpfe Gewalteinwirkung, etwa Tritte oder Verkehrsunfälle, mit starker Gewebsschädigung in der Tiefe.
- Operationswunden: Chirurgisch gesetzte, kontrollierte Wunden mit in der Regel guter Heilungstendenz.
Zu den Risikofaktoren für Wundentstehung und komplikationsreiche Heilung zählen Freigang ohne Aufsicht, ungesichertes Terrain, Revierkämpfe unter unkastrierten Tieren, hohes Alter, geschwächtes Immunsystem, Grunderkrankungen wie Diabetes mellitus oder Cushing-Syndrom sowie Mangelernährung. Auch bestimmte Medikamente wie Glukokortikoide können die Wundheilung verzögern.
Symptome & Erkennung
Offensichtliche Wunden sind anhand einer sichtbaren Gewebsverletzung, Blutung oder Exsudation (Wundflüssigkeit) leicht zu erkennen. Doch gerade bei langhaarigen Tieren oder Bissverletzungen bei Katzen bleiben Wunden oft zunächst unentdeckt. Folgende Anzeichen können auf eine Wunde oder eine sich entwickelnde Komplikation hinweisen:
- Vermehrtes Lecken, Beknabbern oder Beißen an einer bestimmten Körperstelle
- Schwellung, Rötung und lokale Überwärmung als Zeichen einer Entzündung (klassische Entzündungszeichen: Rubor, Calor, Tumor, Dolor, Functio laesa)
- Lahmheit oder Schonhaltung
- Schmerzäußerungen bei Berührung
- Eitriger oder übelriechender Ausfluss aus einer Wundöffnung
- Fieber und Apathie bei systemischer Infektion
- Verklebtes oder verfärbtes Fell in der Umgebung der Verletzung
Besondere Vorsicht gilt bei Wunden im Brust- oder Bauchbereich, da hier innere Organe beteiligt sein können, ohne dass dies äußerlich sofort erkennbar ist.
Diagnose
Die tierärztliche Diagnostik beginnt mit einer gründlichen klinischen Untersuchung (Adspektion und Palpation) der Wunde und des gesamten Tieres. Dabei werden Lage, Größe, Tiefe, Verschmutzungsgrad und das Alter der Wunde beurteilt. Bei Bisswunden wird gezielt nach versteckten Einstichstellen und Taschenbildungen im Gewebe gesucht.
Je nach Befund können weiterführende diagnostische Maßnahmen erforderlich sein:
- Röntgenuntersuchung: Zum Ausschluss von Knochenbrüchen, Fremdkörpern oder Beteiligung von Körperhöhlen
- Ultraschalluntersuchung: Zur Darstellung von Flüssigkeitsansammlungen, Abszessen oder Weichteilschäden
- Bakteriologische Kultur mit Antibiogramm: Bei infizierten Wunden zur gezielten Erregerbestimmung und Auswahl eines wirksamen Antibiotikums
- Blutuntersuchung: Bei Verdacht auf systemische Infektion (Sepsis) oder zur Abklärung von Grunderkrankungen, die die Heilung beeinflussen
- Wundexploration in Narkose: Bei tiefen oder unübersichtlichen Verletzungen zur Beurteilung des tatsächlichen Schadensausmaßes