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Gen

G

Zucht & Fortpflanzung > Genetik & Vererbung

Definition und Überblick

Ein Gen ist ein bestimmter Abschnitt auf der DNA (Desoxyribonukleinsäure), der die Information für die Herstellung eines funktionellen Produkts enthält – in den meisten Fällen eines Proteins. Gene bilden die grundlegenden Einheiten der Vererbung und bestimmen maßgeblich die körperlichen Merkmale, physiologischen Funktionen und teilweise auch das Verhalten eines Tieres. Jedes Lebewesen – ob Hund, Katze, Pferd oder Wellensittich – trägt in nahezu jeder seiner Körperzellen einen vollständigen Satz an Genen, der als Genom bezeichnet wird.

Der Begriff „Gen" wurde 1909 vom dänischen Botaniker Wilhelm Johannsen geprägt, obwohl das Konzept vererbbarer Einheiten bereits auf die Arbeiten von Gregor Mendel im 19. Jahrhundert zurückgeht. In der modernen Tierzucht und Veterinärmedizin spielt das Verständnis von Genen eine zentrale Rolle – sei es bei der gezielten Selektion von Zuchttieren, der Diagnose erblicher Erkrankungen oder der Erhaltung genetischer Vielfalt innerhalb einer Population.

Aufbau und Funktion eines Gens

Chemisch betrachtet besteht ein Gen aus einer spezifischen Abfolge von Nukleotiden, den Bausteinen der DNA. Diese Sequenz enthält den Bauplan für ein bestimmtes Protein oder eine funktionelle RNA. Der Weg vom Gen zum fertigen Protein verläuft über zwei wesentliche Schritte:

  • Transkription: Die DNA-Sequenz des Gens wird in eine Boten-RNA (mRNA) umgeschrieben.
  • Translation: Die mRNA wird an den Ribosomen der Zelle in eine Aminosäurekette übersetzt, die sich zum fertigen Protein faltet.

Proteine übernehmen im Körper des Tieres unzählige Aufgaben: Sie fungieren als Enzyme, Hormone, Strukturbausteine, Transportmoleküle oder Bestandteile des Immunsystems. Die Fellfarbe eines Hundes etwa wird durch Gene gesteuert, die Enzyme der Melaninproduktion kodieren. Ebenso beruhen Körpergröße, Knochenstruktur, Milchleistung bei Rindern oder die Flugfähigkeit bei Vögeln auf dem Zusammenspiel zahlreicher Gene.

Allele und Genotyp

Die meisten Tiere sind diploid – sie besitzen von jedem Chromosom zwei Kopien, eine vom Vater und eine von der Mutter. Entsprechend liegen auch Gene in zwei Kopien vor. Diese Genvarianten werden als Allele bezeichnet. Sind beide Allele identisch, spricht man von einem homozygoten (reinerbigen) Zustand; unterscheiden sich die Allele, liegt Heterozygotie (Mischerbigkeit) vor.

Die Gesamtheit aller Allele eines Individuums bildet dessen Genotyp. Der Phänotyp hingegen beschreibt die tatsächlich sichtbaren oder messbaren Merkmale, die aus dem Zusammenspiel von Genotyp und Umwelteinflüssen entstehen. Ein klassisches Beispiel aus der Hundezucht: Beim Labrador Retriever bestimmt das sogenannte E-Lokus-Gen, ob das Tier Pigment im Fell einlagern kann. Hunde mit dem Genotyp ee erscheinen gelb, unabhängig davon, welche anderen Farbgene sie tragen.

Allele können in einem dominanten oder rezessiven Verhältnis zueinander stehen. Ein dominantes Allel setzt sich im Phänotyp bereits durch, wenn nur eine Kopie vorhanden ist, während ein rezessives Allel nur im homozygoten Zustand sichtbar wird. Daneben existieren Formen der unvollständigen Dominanz, der Kodominanz und der Epistasie, bei der ein Gen die Ausprägung eines anderen Gens beeinflusst.

Vererbung und Mendel'sche Regeln

Die Weitergabe von Genen an die nächste Generation folgt grundlegenden Gesetzmäßigkeiten, die Gregor Mendel erstmals beschrieb. Bei der Bildung von Keimzellen (Meiose) werden die beiden Allele eines Gens getrennt, sodass jede Ei- oder Samenzelle nur ein Allel erhält. Bei der Befruchtung entsteht dann eine neue Allelkombination.

Die drei Mendel'schen Regeln – Uniformitätsregel, Spaltungsregel und Unabhängigkeitsregel – beschreiben diese Vererbungsmuster für einzelne Gene. In der Praxis der Tierzucht sind die Verhältnisse häufig komplexer, da viele Merkmale polygen vererbt werden, also durch das Zusammenwirken zahlreicher Gene entstehen. Körpergröße, Milchleistung oder Temperament gehören zu diesen quantitativen Merkmalen, die zusätzlich von Umweltfaktoren wie Ernährung, Haltung und Training beeinflusst werden.

Mutation und genetische Variation

Gene sind keine unveränderlichen Einheiten. Durch Mutationen – zufällige Veränderungen in der DNA-Sequenz – entstehen neue Allele. Eine Punktmutation kann bereits ausreichen, um die Funktion eines Proteins grundlegend zu verändern. Manche Mutationen sind neutral, andere wirken sich nachteilig aus und führen zu Erbkrankheiten. Beispiele hierfür sind die progressive Retinaatrophie (PRA) beim Hund, die hypertrophe Kardiomyopathie (HCM) bei der Katze oder die maligne Hyperthermie beim Schwein.

Gleichzeitig sind Mutationen die Grundlage jeder genetischen Vielfalt und damit der Evolution. In der Zucht werden Mutationen, die erwünschte Eigenschaften hervorbringen, durch gezielte Selektion in der Population gefestigt. So entstanden über Jahrhunderte die verschiedenen Rassen mit ihren charakteristischen Merkmalen.

Gene in der modernen Tierzucht

Dank moderner Verfahren wie der DNA-Analyse, der genomischen Selektion und des Gentests können Züchter heute einzelne Gene und deren Allele direkt nachweisen. Dies ermöglicht:

  • Die Identifikation von Trägertieren rezessiver Erbkrankheiten vor dem Zuchteinsatz
  • Die gezielte Verpaarung zur Vermeidung von Erbdefekten
  • Die Bestimmung von Farbgenotypen,