Kralle
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Definition & Überblick
Die Kralle (lat. Unguis, Plural Ungues) ist ein aus Keratin bestehendes Hautanhangsgebilde an den distalen Phalangen (Endgliedern) der Zehen. Sie gehört zu den sogenannten Horngebilden der Haut (Hautadnexe) und stellt eine phylogenetisch alte Struktur dar, die sich bei Reptilien, Vögeln und den meisten Säugetieren findet. Von verwandten Bildungen wie dem Huf (Ungula) und dem Nagel (Unguis planus) unterscheidet sich die Kralle durch ihre seitlich komprimierte, bogenförmig gekrümmte Gestalt sowie durch die deutliche Spitzenbildung. Funktionell dient sie dem Greifen, Graben, Klettern, der Fortbewegung auf verschiedenen Untergründen und dem Beutefang.
Aufbau & Struktur
Die Kralle setzt sich aus mehreren anatomisch definierten Abschnitten zusammen, die gemeinsam eine funktionelle Einheit bilden:
- Krallenwall (Vallum unguis): Der hautige Falz, der die Krallenbasis seitlich und proximal umgibt. Er schützt die empfindliche Wachstumszone und enthält Talgdrüsen, deren Sekret die Hornplatte geschmeidig hält.
- Krallenbett (Solea unguis / Hyponychium): Die gefäßreiche Dermis (Lederhaut) unter der Hornplatte. Sie ist über Dermalpapillen fest mit dem Periost der Endphalanx verbunden und versorgt die proliferierenden Keratinschichten mit Nährstoffen. Im Krallenbett verläuft ein dichtes Kapillarnetz, das bei Verletzungen zu starken Blutungen führt.
- Krallenmatrix (Matrix unguis): Die eigentliche Wachstumszone im proximalen Bereich, von der aus die Hornplatte durch mitotische Aktivität basaler Keratinozyten gebildet wird. Die Matrix ist für Länge und Dicke der Kralle entscheidend; ihre Schädigung führt zu dauerhaften Wachstumsstörungen.
- Hornplatte (Lamina unguis): Die sichtbare, aus stark verhornendem Plattenepithel aufgebaute Krallenstruktur. Sie besteht aus Hartkeratin (α-Keratin mit hohem Schwefelgehalt durch Disulfidbrücken) und weist eine dorsale, stärker verhärtete Schicht sowie eine ventrale, weichere Schicht auf.
- Krallenfalz (Plica unguis): Die Übergangsstelle zwischen Haut und Hornplatte, die als Barriere gegen das Eindringen von Mikroorganismen fungiert.
Bei Hund und Katze umgreift die Kralle das Krallenbein (Phalanx distalis / Os unguiculare, Processus unguicularis), das im Vergleich zu den übrigen Phalangen eine charakteristische bogenförmige Gestalt aufweist. Die enge anatomische Verbindung zwischen Hornkapsel und Knochen erklärt, warum eine operative Krallenentfernung (Onychektomie) stets mit einer Amputation der Endphalanx einhergeht.
Funktion
Die funktionelle Bedeutung der Kralle ist vielfältig und eng an die Lebensweise der jeweiligen Tierart gebunden:
- Fortbewegung und Traktion: Krallen greifen in den Untergrund ein und verbessern die Bodenhaftung, insbesondere auf weichen Böden, Eis oder beim Bergauf- und Bergablaufen.
- Klettern: Baumlebende Arten wie Eichhörnchen, viele Marderartige und Katzen nutzen ihre gekrümmten Krallen als Kletterhaken.
- Graben: Grabende Spezies wie Dachs (Meles meles) oder Maulwurf (Talpa europaea) besitzen besonders kräftige, breite Krallen an den Vorderextremitäten.
- Beutefang und Verteidigung: Raubvögel (Greifvögel) und Raubtiere setzen ihre Krallen als primäre Waffen zum Ergreifen und Festhalten der Beute ein.
- Körperpflege: Viele Tiere nutzen ihre Krallen zum Kratzen und zur Fellpflege.
- Markierverhalten: Das Krallenwetzen bei Katzen dient neben der Krallenpflege auch der optischen und olfaktorischen Reviermarkierung über interdigitale Drüsensekrete.
Unterschiede zwischen Tierarten
Die vergleichende Anatomie zeigt eine bemerkenswerte Formenvielfalt der Krallen. Bei Hunden (Canidae) sind die Krallen nicht retraktil, berühren den Boden permanent und nutzen sich durch die Fortbewegung auf harten Untergründen ab. Katzen (Felidae) verfügen dagegen über einen hochspezialisierten Retraktionsmechanismus: In Ruhestellung wird die Endphalanx durch das elastische Ligamentum dorsale (Dorsalband) nach dorsal gezogen und die Kralle in einer Hautfalte verborgen gehalten. Erst durch Kontraktion des Musculus flexor digitorum profundus wird die Kralle aktiv vorgestreccht. Dieser Mechanismus hält die Krallen scharf und schützt sie vor Abnutzung. Unter den Feliden bildet der Gepard (Acinonyx jubatus) eine Ausnahme: Seine Krallen sind nur eingeschränkt retraktil, was ihm als Anpassung an schnelle Sprintjagd bessere Traktion verleiht.
Bei Vögeln bestehen die Krallen ebenfalls aus Keratin und sitzen an den Zehenknochen. Greifvögel (Accipitriformes, Falconiformes) und Eulen (Strigiformes) besitzen besonders stark gekrümmte und spitze Krallen, sogenannte Fänge, die enorme Greifkraft erzeugen. Laufvögel wie der Strauß (Struthio camelus) haben dagegen reduzierte, hufartig verbreiterte Krallen.
Bei Reptilien – etwa bei Echsen und Schildkröten – sind Krallen in der Regel gleichmäßig gebogen und dienen vorwiegend dem Graben und Klettern. Amphibien besitzen im