Pigment
PZucht & Fortpflanzung > Genetik & Vererbung
Definition und Überblick
Als Pigment bezeichnet man einen Farbstoff, der in Zellen, Geweben oder Körperflüssigkeiten eines Organismus eingelagert ist und dessen äußere Erscheinung maßgeblich bestimmt. In der Tierzucht und Genetik spielt die Pigmentierung eine zentrale Rolle, da sie direkt vererbt wird und als sichtbarer Marker für genetische Zusammenhänge dient. Fellfarbe, Hautfärbung, Augenfarbe und sogar die Färbung von Schnäbeln, Klauen oder Hufen gehen auf die Bildung und Verteilung von Pigmenten zurück. Die Vererbung der Pigmentierung gehört zu den am besten erforschten Bereichen der Tiergenetik und liefert grundlegende Erkenntnisse über dominante und rezessive Erbgänge, Epistasie und polygene Merkmale.
Arten von Pigmenten bei Tieren
Das mit Abstand bedeutendste Pigment bei Säugetieren ist Melanin. Es existiert in zwei Hauptformen:
- Eumelanin – verantwortlich für schwarze und braune Farbtöne
- Phäomelanin – zuständig für rötliche, gelbliche und cremefarbene Tönungen
Das Verhältnis dieser beiden Melanintypen zueinander sowie ihre Verteilung in Haut und Haar bestimmen das gesamte Farbspektrum eines Tieres. Produziert werden sie in spezialisierten Zellen, den Melanozyten, die in der Basalschicht der Epidermis und in den Haarfollikeln sitzen.
Neben Melanin kommen bei Vögeln, Reptilien, Amphibien und Fischen weitere Pigmente vor. Carotinoide erzeugen gelbe, orange und rote Farbtöne – etwa im Gefieder von Kanarienvögeln oder Flamingos. Pteridine und Purine sind bei Reptilien und Amphibien verbreitet und erzeugen unter anderem grüne und blaue Färbungen. Bei Fischen und Reptilien tragen Chromatophoren – spezielle Farbzellen – zur Pigmentierung bei. Diese werden in Melanophoren, Xanthophoren, Erythrophoren und Iridophoren unterteilt, je nachdem welches Pigment sie enthalten.
Genetische Grundlagen der Pigmentierung
Die Farbgebung eines Tieres wird von einer Vielzahl von Genen gesteuert. Bei Säugetieren sind über 300 Gene bekannt, die Einfluss auf die Pigmentierung nehmen. Zu den wichtigsten gehören:
- MC1R-Gen (Extension-Locus) – steuert, ob Eumelanin oder Phäomelanin produziert wird. Beim Pferd bestimmt dieses Gen etwa den Unterschied zwischen Rappen und Füchsen.
- ASIP-Gen (Agouti-Locus) – reguliert die räumliche und zeitliche Verteilung der Melanintypen im einzelnen Haar. Das typische Wildfarben-Muster (Agouti) bei Mäusen, Kaninchen und vielen Hunderassen entsteht durch bandförmige Einlagerung von Eu- und Phäomelanin.
- TYRP1-Gen (Brown-Locus) – eine Mutation an diesem Gen wandelt schwarzes Eumelanin in braunes um, sichtbar etwa bei braunen Labrador Retrievern.
- MLPH-Gen (Dilute-Locus) – beeinflusst den Transport von Melanosomen und führt bei homozygoter Ausprägung zu einer Aufhellung, also einer Verdünnung der Grundfarbe.
- KIT- und MITF-Gene – steuern die Entwicklung und Migration der Melanozyten. Mutationen können zu weißen Flecken, Scheckung oder vollständiger Depigmentierung führen.
Diese Gene interagieren auf komplexe Weise miteinander. Der Begriff Epistasie beschreibt das Phänomen, dass ein Gen die Wirkung eines anderen überdeckt. Ein Beispiel: Ein Hund kann genetisch die Anlage für schwarzes Fell tragen, doch wenn er am E-Locus homozygot rezessiv ist (e/e), wird ausschließlich Phäomelanin produziert – das Tier erscheint gelb oder rot, unabhängig von seiner Anlage am Agouti- oder Brown-Locus.
Pigmentierung in der Zuchtpraxis
Züchter nutzen das Wissen über Pigmentvererbung gezielt, um bestimmte Farbschläge zu erhalten oder unerwünschte Kombinationen zu vermeiden. Rassestandards definieren bei Hunden, Katzen, Pferden, Kaninchen und Geflügel oft exakt, welche Farben und Zeichnungsmuster zugelassen sind. Die Verpaarungsplanung berücksichtigt dabei den Genotyp beider Elterntiere, nicht nur den sichtbaren Phänotyp.
Moderne Gentests ermöglichen es, den Farbgenotyp eines Tieres präzise zu bestimmen. So lässt sich vor einer Anpaarung vorhersagen, welche Farbvarianten im Wurf oder Gelege zu erwarten sind. Das ist besonders dann relevant, wenn rezessive Allele im Spiel sind, die äußerlich nicht erkennbar sind, aber bei passender Verpaarung zum Vorschein kommen.
Ein kritischer Aspekt der Farbzucht betrifft den Zusammenhang zwischen Pigmentierung und Gesundheit. Bestimmte Pigmentmutationen sind mit gesundheitlichen Problemen verknüpft:
- Die Merle-Färbung bei Hunden (etwa Australian Shepherds) beruht auf einer Insertion im PMEL-Gen. Werden zwei Merle-Träger verpaart, können homozygote Nachkommen (Double Merle) unter Taubheit, Blindheit und anderen Defekten leiden.
- Das Overo Lethal White Syndrome beim Pferd führt bei homozygoten Fohlen mit Frame-Overo-Scheckung zu einem fehlenden enterischen Nervensystem und ist tödlich.
- Weißen Katzen mit blauen Augen fehlen häufig Melanozyten im Innenohr, was kongenitale Taubheit verursacht.
- Die Colour Dilution Alopecia tritt bei Tieren mit verdünnter Fellfarbe auf und äußert sich in Haarausfall und Hautproblemen.
Verantwortungsvolle Zucht erfordert daher ein fundiertes Verständnis der genetischen Zusammenhänge hinter der Pigmentierung, um solche Risiken zu minimieren.