T Tierlexikon.net
← Lexikon

Waldrapp

W

Tierart – Vögel > Wasservögel – Reiher & Störche

Steckbrief

  • Wissenschaftlicher Name: Geronticus eremita
  • Ordnung: Schreitvogelartige (Pelecaniformes)
  • Familie: Ibisse und Löffler (Threskiornithidae)
  • Gattung: Geronticus
  • Lebensraum: Felsige Klippen, Halbwüsten, trockene Steppen und offene Graslandschaften
  • Größe: 70–80 cm Körperlänge, Flügelspannweite ca. 120–135 cm
  • Gewicht: 1.000–1.300 g
  • Lebenserwartung: 20–25 Jahre in freier Wildbahn, in Gefangenschaft bis über 30 Jahre

Aussehen & Merkmale

Der Waldrapp ist ein mittelgroßer Ibis mit einem unverwechselbaren Erscheinungsbild. Das Gefieder ist überwiegend schwarz mit einem ausgeprägten metallisch-grünen und purpurfarbenen Glanz, der besonders im Sonnenlicht zur Geltung kommt. Auffälligstes Merkmal ist der unbefiederte, rötlich gefärbte Kopf, der dem Vogel ein eigentümliches, beinahe urzeitliches Aussehen verleiht. Am Hinterkopf trägt der Waldrapp einen Schopf aus langen, schmalen Federn, die bei Erregung aufgestellt werden können.

Der Schnabel ist lang, leicht nach unten gebogen und von roter Farbe – typisch für Vertreter der Ibisse. Die Beine sind relativ kurz und ebenfalls rötlich. Beide Geschlechter ähneln einander stark, wobei Männchen im Durchschnitt etwas größer sind und einen geringfügig längeren Schnabel besitzen. Jungvögel unterscheiden sich durch ein matteres Gefieder ohne den metallischen Schimmer und durch eine anfangs noch teilweise befiederte Kopfpartie.

Lebensraum & Verbreitung

Das historische Verbreitungsgebiet des Waldrapps erstreckte sich einst über weite Teile Mitteleuropas, Nordafrikas und des Nahen Ostens. In der Schweiz, in Süddeutschland und in Österreich war die Art bis ins 17. Jahrhundert verbreitet. Durch intensive Bejagung und Habitatverlust verschwand der Waldrapp aus Europa vollständig.

Heute beschränkt sich das natürliche Vorkommen auf zwei voneinander isolierte Populationen: Eine wildlebende Kolonie existiert im Süden Marokkos, vor allem in der Region Souss-Massa. Eine zweite, halbwilde Population lebt in der Nähe der türkischen Stadt Birecik. Dort wird sie allerdings durch ein Schutzprogramm gestützt, bei dem die Vögel teilweise in Volieren überwintert werden.

Das bevorzugte Habitat des Waldrapps umfasst felsige Steilwände und Klippen, die als Brutplätze dienen, in unmittelbarer Nähe zu offenen, trockenen Graslandschaften und landwirtschaftlich extensiv genutzten Flächen. Anders als der Name vermuten lässt, ist der Waldrapp kein Waldbewohner. Die Bezeichnung leitet sich vom mittelhochdeutschen Wort „Waltrapp" ab, das sich auf das rabenafte Aussehen des Vogels bezieht.

Im Rahmen eines europäischen Wiederansiedlungsprojekts werden seit den 2000er-Jahren Waldrappe in Österreich, Süddeutschland und Norditalien ausgewildert. Die Vögel lernen dabei mithilfe ultraleichter Fluggeräte eine Zugroute über die Alpen nach Italien, um eine Zugvogelkultur neu zu etablieren.

Ernährung

Der Waldrapp ernährt sich vorwiegend von Insekten und deren Larven, insbesondere von Käfern, Heuschrecken und Raupen. Ergänzend stehen Regenwürmer, Schnecken, kleine Eidechsen und gelegentlich pflanzliche Kost wie Beeren auf dem Speiseplan. Bei der Nahrungssuche stochert der Vogel mit seinem langen, gebogenen Schnabel methodisch im Erdreich und unter Steinen. Kurzrasige Flächen, Weiden und frisch gepflügte Äcker sind bevorzugte Nahrungsgebiete. Die Nahrungssuche erfolgt in der Regel in Gruppen, was den sozialen Charakter der Art widerspiegelt.

Verhalten & Lebensweise

Waldrappe sind tagaktive, gesellige Vögel, die in Kolonien brüten und auch außerhalb der Brutzeit in Gruppen zusammenleben. Die Kolonie bildet den sozialen Mittelpunkt, und die Vögel zeigen ein ausgeprägtes Sozialverhalten mit differenzierten Lautäußerungen und Körpergesten. Gegenseitige Gefiederpflege stärkt die Bindung zwischen Partnern und Gruppenmitgliedern.

Die marokkanische Population ist überwiegend standorttreu, während die historischen europäischen Populationen Zugvögel waren. Die im Rahmen der Wiederansiedlung aufgebauten europäischen Bestände ziehen im Herbst nach Süden über die Alpen in die Toskana, wo sie überwintern – ein Verhalten, das den Jungvögeln aktiv beigebracht werden muss, da die Zugrouten bei Waldrappen kulturell und nicht genetisch weitergegeben werden.

Außerhalb der Brutzeit nutzen die Vögel gemeinsame Schlafplätze, häufig an geschützten Felswänden. Ihr Flugbild erinnert mit den breiten, gerundeten Flügeln und dem ausgestreckten Hals an andere Ibisarten.

Fortpflanzung & Aufzucht

Die Balz beginnt im Frühjahr und ist durch ritualisierte Verbeugungen, Schnabelklappern und das Präsentieren des Federschopfes gekennzeichnet. Waldrappe führen in der Regel monogame Saisonehen, wobei langjährige Partnerschaften vorkommen. Das Nest wird auf Felsvorsprüngen oder in Felsnischen angelegt und besteht aus Zweigen, die mit Gras und Pflanzenmaterial ausgepolstert werden.

Das Gelege umfasst zwei bis vier Eier, die von beiden Elternteilen über einen Zeitraum von etwa 24 bis 28 Tagen bebrütet werden. Die Küken sind Nesthocker und werden von beiden Altvögeln mit vorverdauter Nahrung gefüttert. Nach rund 45 bis 50 Tagen werden die Jungvögel flügge, bleiben aber noch einige Zeit im Familienverband und in der Kolonie.

Bedrohung & Schutzstatus

Der Waldrapp