Wildfarben
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Definition und Überblick
Als Wildfarben (auch Wildtyp, Wildzeichnung oder Naturfarbe) bezeichnet man das ursprüngliche Farbkleid eines Tieres, wie es in der freilebenden Stammpopulation vorkommt. Die Wildfärbung ist das Ergebnis einer langen natürlichen Selektion, bei der sich jene Farbvarianten durchgesetzt haben, die dem Tier im jeweiligen Lebensraum den besten Überlebensvorteil bieten – etwa durch Tarnung vor Fressfeinden, Schutz vor UV-Strahlung oder Vorteile bei der Partnerwahl. In der Genetik dient die Wildfarbe als Referenzstandard, mit dem alle abweichenden Farbschläge verglichen werden.
In der Zucht von Haus- und Heimtieren spielt der Begriff eine zentrale Rolle: Vom Wellensittich über die Hauskatze bis hin zum Kaninchen wird die Wildfarbe als genetischer Ausgangspunkt verstanden, von dem sämtliche Zuchtfarben durch Mutation und gezielte Selektion abgeleitet wurden.
Genetische Grundlagen
Die Wildfärbung wird durch das sogenannte Wildtyp-Allel bestimmt. In der genetischen Nomenklatur wird dieses Allel häufig mit einem Pluszeichen (+) gekennzeichnet oder als Großbuchstabe notiert, wenn es dominant gegenüber mutierten Varianten ist. Das Wildtyp-Allel codiert für die ursprüngliche Ausprägung eines Merkmals und stellt den evolutionär etablierten Normalzustand dar.
An der Ausprägung der Wildfärbung sind in der Regel mehrere Genorte (Loci) beteiligt, die zusammenwirken:
- Agouti-Locus (A-Locus): Steuert die Verteilung von Eumelanin und Phäomelanin im einzelnen Haar. Beim Wildtyp vieler Säugetiere entsteht dadurch das charakteristische Agouti-Muster – ein gebändertes Haar mit abwechselnd dunklen und hellen Zonen, das dem Fell einen bräunlich-grauen Gesamteindruck verleiht.
- Extension-Locus (E-Locus): Bestimmt, ob und in welchem Umfang dunkles Eumelanin gebildet wird. Die Wildtyp-Variante erlaubt eine normale Melaninproduktion.
- Color-Locus (C-Locus): Kontrolliert die Intensität der Pigmentierung. Der Wildtyp ermöglicht volle Farbausprägung, während Mutationen an diesem Locus zu Verdünnungen bis hin zum Albinismus führen.
- Dilution-Locus (D-Locus): Beeinflusst die Dichte der Melaningranula in den Haaren. Mutationen erzeugen aufgehellte Farbvarianten.
Erst das Zusammenspiel aller Wildtyp-Allele an diesen und weiteren Loci ergibt die vollständige Wildfärbung. Sobald an einem einzigen Locus eine Mutation auftritt, kann sich das Erscheinungsbild deutlich verändern – vorausgesetzt, die Mutation ist phänotypisch sichtbar und nicht von einem dominanten Wildtyp-Allel überdeckt.
Beispiele bei verschiedenen Tierarten
Die konkrete Ausprägung der Wildfarbe unterscheidet sich je nach Tierart erheblich:
- Wellensittich: Die Wildfarbe ist ein helles, grasartiges Grün mit gelber Gesichtsmaske und schwarzer Wellenzeichnung auf Kopf, Nacken und Flügeln. Das Grün entsteht durch die Kombination von gelben Psittacofulvinen und blauer Strukturfarbe der Federäste. Alle anderen Farbschläge – Blau, Lutino, Albino, Graugrün – gehen auf Mutationen einzelner Gene zurück.
- Hauskatze: Als Wildfarbe gilt die getigerte Zeichnung (Tabby-Muster) in Brauntönen, wie sie auch bei der Europäischen Wildkatze (Felis silvestris) vorkommt. Das Agouti-Gen sorgt für die gebänderte Haarstruktur, während das Tabby-Gen das Streifenmuster bestimmt.
- Kaninchen: Die Wildfarbe des Europäischen Wildkaninchens (Oryctolagus cuniculus) zeigt ein graubraunes Agouti-Fell mit heller Bauchunterseite und rötlichem Nackenstreifen. Bei Zuchtkaninchen heißt dieser Farbschlag Wildgrau oder Hasengrau.
- Maus und Ratte: Die Wildfarbe ist ein bräunliches Agouti mit grauer Unterwolle und hellerem Bauch. Labormäuse und Farbratten wurden aus dieser Grundfarbe in zahllose Farbschläge gezüchtet.
- Fische (z. B. Guppy): Beim Wildtyp-Guppy zeigen die Männchen eine variable, aber vergleichsweise dezente Färbung mit einzelnen Farbflecken. Die in der Aquaristik verbreiteten intensiv gefärbten Zuchtformen entstanden durch Selektion und Kombination verschiedener Farbmutationen.
Bedeutung in der Zucht
In der organisierten Tierzucht hat die Wildfarbe einen doppelten Stellenwert. Einerseits ist sie der genetische Referenzpunkt: Züchter und Genetiker beschreiben neue Farbmutationen stets in Abgrenzung zur Wildfarbe. Andererseits wird sie in vielen Zuchtverbänden als eigenständiger Farbschlag anerkannt und nach definierten Standards bewertet. Bei Kaninchenrassen etwa ist Wildgrau ein offiziell zugelassener Farbschlag mit exakten Vorgaben zu Deckfarbe, Zwischenfarbe und Unterfarbe.
Da die meisten Farbmutationen rezessiv gegenüber dem Wildtyp vererbt werden, können wildfarbene Tiere verdeckt (mischerbig bzw. heterozygot) Träger von Farbgenen sein. Ein äußerlich wildfarbenes Kaninchen kann beispielsweise spalterbig für Blau, Schwarz oder Chinchilla sein und bei Verpaarung mit einem entsprechenden Partner Nachkommen in diesen Farben hervorbringen. Für Züchter ist es daher unerlässlich, die Abstammung und den Genotyp wildfarbener Zuchttiere genau zu kennen – entweder durch Testverpaarungen oder durch Gentests.