Amazonasdelfin
ATierart – Säugetiere > Meeressäuger – Wale
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Inia geoffrensis
- Ordnung: Wale (Cetacea)
- Unterordnung: Zahnwale (Odontoceti)
- Familie: Amazonas-Flussdelfine (Iniidae)
- Gattung: Inia
- Lebensraum: Süßwasserflüsse und Überschwemmungsgebiete des Amazonas- und Orinokobeckens
- Größe: 1,8–2,5 m (Männchen bis 2,8 m)
- Gewicht: 85–200 kg
- Lebenserwartung: geschätzt 30–50 Jahre in freier Wildbahn
Aussehen & Merkmale
Der Amazonasdelfin, auch als Boto oder Rosa Flussdelfin bekannt, unterscheidet sich in seinem Körperbau deutlich von marinen Delfinarten. Sein Körper ist kräftig und gedrungen, der Kopf vergleichsweise groß mit einer ausgeprägten, vorgewölbten Stirnpartie – der sogenannten Melone, einem mit Fettgewebe gefüllten Organ, das der Echoortung dient. Der Schnabel ist lang, schmal und leicht nach unten gebogen, was eine Anpassung an das Erbeuten von Fischen in dichter Ufervegetation darstellt.
Ein auffälliges Merkmal ist die Körperfarbe, die je nach Alter, Aktivitätsniveau und Population stark variiert. Jungtiere sind dunkelgrau gefärbt. Erwachsene Männchen nehmen häufig eine rosa bis rosagraue Färbung an, die durch Abrieb der oberen Hautschichten, Kapillardurchblutung und Narbenbildung entsteht. Weibchen bleiben in der Regel etwas dunkler. Die Haut ist dick, aber empfindlich und trägt kein Fell – wie bei allen Walen ist der Körper nahezu haarlos.
Im Gegensatz zu ozeanischen Delfinen besitzt der Amazonasdelfin keine verwachsenen Halswirbel. Die sieben Halswirbel sind einzeln beweglich, was ihm erlaubt, den Kopf um nahezu 90 Grad zur Seite zu drehen. Diese Flexibilität ist in den verästelten, hindernisreichen Flussläufen von erheblichem Vorteil. Die Brustflossen sind groß und paddelförmig, eine Rückenflosse im eigentlichen Sinne fehlt – stattdessen zieht sich ein niedriger, kammartiger Rückengrat über das hintere Körperdrittel.
Das Gebiss umfasst 48 bis 68 Zähne, die im vorderen Kieferbereich kegelförmig und im hinteren Bereich abgeflacht sind. Diese heterodonte Bezahnung – bei Zahnwalen eine Seltenheit – ermöglicht sowohl das Greifen als auch das Zermalmen von Beute.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet des Amazonasdelfins erstreckt sich über weite Teile Südamerikas. Er besiedelt das Flusssystem des Amazonas einschließlich seiner Nebenflüsse in Brasilien, Peru, Kolumbien, Ecuador, Bolivien und Venezuela sowie das Einzugsgebiet des Orinoko. Sein Habitat umfasst Hauptstromläufe, kleinere Zuflüsse, Altarme, Lagunen und saisonal überflutete Wälder – sogenannte Várzea- und Igapó-Wälder.
Während der Regenzeit, wenn der Wasserstand im Amazonasbecken um mehrere Meter ansteigt, dringen die Tiere in die überschwemmten Waldgebiete vor und jagen dort zwischen Baumstämmen und Wurzelwerk. In der Trockenzeit ziehen sie sich in die tieferen Hauptflussläufe und permanenten Seen zurück. Diese saisonale Migration zwischen verschiedenen Biotopen ist ein charakteristisches Merkmal der Art.
Taxonomisch werden derzeit drei Unterarten anerkannt: Inia geoffrensis geoffrensis im Amazonasbecken, Inia geoffrensis humboldtiana im Orinokobecken und Inia geoffrensis boliviensis in den Flüssen Boliviens. Der Status der bolivianischen Population als eigenständige Art (Inia boliviensis) wird in der Fachwelt diskutiert und ist noch nicht abschließend geklärt.
Ernährung
Der Amazonasdelfin ernährt sich opportunistisch und vorwiegend von Fisch. Sein Nahrungsspektrum umfasst über 50 Fischarten, darunter Welse, Buntbarsche (Cichlidae), Piranhas und Salmler. Daneben frisst er gelegentlich Süßwasserkrabben und kleine Schildkröten. Die heterodonte Bezahnung ermöglicht es ihm, sowohl glitschige Fische festzuhalten als auch hartschalige Beutetiere zu knacken.
Bei der Jagd setzt der Boto vorrangig auf Echoortung. In den trüben, sedimentreichen Gewässern des Amazonas ist die Sicht oft auf wenige Zentimeter beschränkt. Die stark ausgeprägte Melone erzeugt gerichtete Ultraschallklicks, deren Echos ein akustisches Bild der Umgebung liefern. Die kleinen Augen sind zwar funktionsfähig, spielen bei der Nahrungssuche aber eine untergeordnete Rolle. Zudem nutzen die Tiere ihre langen, mit Tasthaaren (Vibrissen) besetzten Schnauzen, um am Flussboden nach Beute zu tasten.
Verhalten & Lebensweise
Amazonasdelfine sind überwiegend Einzelgänger oder leben in losen Verbänden von zwei bis vier Tieren, meist Muttertiere mit ihrem Nachwuchs. Große Gruppen bilden sich gelegentlich an nahrungsreichen Stellen, etwa an Flussmündungen oder unterhalb von Stromschnellen, wo sich Fischschwärme konzentrieren. Ein ausgeprägtes Sozialverhalten wie bei marinen Delfinen, etwa dauerhafte Gruppenstrukturen oder koordinierte Jagdstrategien, ist beim Boto nicht dokumentiert.
Die Tiere sind tag- und nachtaktiv, wobei die Aktivitätsmuster je nach Jahreszeit und Nahrungsverfügbarkeit variieren. Sie schwimmen vergleichsweise langsam – typische Geschwindigkeiten liegen bei 1,5 bis 3,5 km/h – und tauchen selten länger als 30 bis 60 Sekunden. Hohe Sprünge aus dem Wasser, wie sie bei Meeresdelfinen üblich sind, kommen beim Amazonasdelfin nur selten vor. Stattdessen zeigen die Tiere an der Oberf