Dreizehenspecht
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Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Picoides tridactylus
- Ordnung: Spechtvögel (Piciformes)
- Familie: Spechte (Picidae)
- Gattung: Picoides
- Lebensraum: Boreale Nadelwälder, montane Fichtenwälder
- Größe: 21–24 cm Körperlänge
- Gewicht: 55–75 g
- Lebenserwartung: ca. 5–8 Jahre in freier Wildbahn
Aussehen & Merkmale
Der Dreizehenspecht ist ein mittelgroßer Specht mit einem auffällig kontrastreichen Gefieder. Die Oberseite ist überwiegend schwarz mit einer weißen Längsbinde, die vom Nacken über den Rücken verläuft. Die Flanken zeigen eine deutliche schwarz-weiße Bänderung. Die Unterseite ist weißlich mit feiner dunkler Strichelung. Das sicherste Unterscheidungsmerkmal gegenüber ähnlichen Arten ist die gelbe Scheitelplatte beim Männchen, die beim Weibchen fehlt oder durch eine silbergraue, fein gestrichelte Kopfplatte ersetzt wird.
Namensgebendes Merkmal ist das Fehlen der Hinterzehe: Während die meisten europäischen Spechtarten vier Zehen besitzen – zwei nach vorn und zwei nach hinten gerichtet (zygodaktyl) –, hat der Dreizehenspecht nur drei Zehen. Die erste Zehe (Hallux) ist vollständig zurückgebildet. Diese Reduktion scheint die Schlagkraft beim Hacken zu erhöhen, da die verbleibenden drei Zehen eine stabilere Abstützung am Stamm ermöglichen. Der kräftige, meißelförmige Schnabel ist schiefergrau bis schwärzlich und etwas kürzer als der Kopf. Die Iris ist dunkelbraun, die Beine sind grau.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet des Dreizehenspechts erstreckt sich als breites Band über die gesamte Paläarktis – von Skandinavien über Sibirien bis nach Japan und Sachalin. In Mitteleuropa kommt die Art nur inselartig vor: in den Alpen, den Karpaten, im Bayerischen Wald, im Schwarzwald und in den Dinariden. In Nordamerika wird die Art durch den nah verwandten Amerikanischen Dreizehenspecht (Picoides dorsalis) vertreten, der früher als Unterart galt und erst 2003 als eigenständige Spezies abgetrennt wurde.
Das bevorzugte Habitat sind naturnahe, totholzreiche Nadelwälder, insbesondere Fichten- und Fichten-Tannen-Wälder in montanen bis subalpinen Lagen. In Skandinavien besiedelt die Art auch boreale Tieflandwälder. Entscheidend für das Vorkommen ist ein hoher Anteil an stehendem Totholz und absterbenden Bäumen, die als Nahrungsquelle dienen. Wirtschaftswälder mit geringem Totholzanteil werden gemieden. In den Alpen liegt das Hauptverbreitungsgebiet zwischen 1.000 und 2.000 Metern Höhe.
Ernährung
Die Nahrung des Dreizehenspechts besteht hauptsächlich aus holzbewohnenden Insektenlarven, vor allem aus Larven von Borkenkäfern (Scolytinae), Bockkäfern (Cerambycidae) und Prachtkäfern (Buprestidae). Die Art ist ein ausgesprochener Nahrungsspezialist und profitiert stark von Borkenkäfer-Massenvermehrungen und Windwurfflächen, wo absterbende Bäume ein reiches Nahrungsangebot bieten. In solchen Situationen kann die Siedlungsdichte um ein Vielfaches ansteigen.
Beim Nahrungserwerb schält der Dreizehenspecht großflächig die Rinde von Fichtenstämmen ab, anstatt wie andere Spechtarten tiefe Löcher ins Holz zu hacken. Diese Ringelungsspuren sind ein charakteristisches Zeichen seiner Anwesenheit und erleichtern den Nachweis der Art im Gelände. Gelegentlich werden auch Baumsäfte aufgenommen, indem der Specht ringförmige Saftlöcher in die Rinde schlägt – ein Verhalten, das dem des Saftleckers ähnelt.
Verhalten & Lebensweise
Der Dreizehenspecht ist tagaktiv und lebt außerhalb der Brutzeit einzelgängerisch. Beide Geschlechter verteidigen ein Revier, dessen Größe je nach Nahrungsangebot erheblich schwankt – von unter 100 Hektar in optimalen Biotopen bis zu mehreren Hundert Hektar in nahrungsarmen Wäldern. Die Art ist weitgehend standorttreu, zeigt aber nach großflächigen Störungsereignissen wie Windwurf oder Borkenkäferbefall invasionsartige Einwanderungen in zuvor nicht besiedelte Gebiete.
Im Vergleich zu anderen mitteleuropäischen Spechtarten – etwa dem Buntspecht (Dendrocopos major) oder dem Weißrückenspecht (Dendrocopos leucotos) – ist der Dreizehenspecht auffallend wenig scheu. Er lässt sich bei der Nahrungssuche häufig auf kurze Distanz beobachten und flüchtet oft erst bei direkter Annäherung. Die Trommelwirbel zur Reviermarkierung sind leiser und langsamer als die des Buntspechts. Rufe werden selten geäußert; der häufigste Ruf ist ein weiches, kurzes „tjük".
Fortpflanzung & Aufzucht
Die Balzzeit beginnt je nach Höhenlage im März oder April. Beide Partner zimmern gemeinsam eine Bruthöhle in einen morschen oder absterbenden Nadelbaum – vorzugsweise Fichte oder Tanne. Die Höhle wird in der Regel jedes Jahr neu angelegt und befindet sich meist in mittlerer Stammhöhe zwischen 2 und 10 Metern.
Das Gelege umfasst 3 bis 5 weiße Eier, die von beiden Elternvögeln über einen Zeitraum von etwa 12 bis 14 Tagen bebrütet werden. Nachts übernimmt das Männchen das Brutgeschäft. Die Nestlinge sind Höhlenbrüter-typisch beim Schlupf nackt und blind. Sie werden von beiden Altvögeln mit Insektenlarven gefüttert und verlassen die Bruthöhle nach 22 bis 25 Tagen. Nach dem Ausfliegen werden die Jungvögel noch einige Wochen geführt, bevor sie sich selbstständig machen und eigene Streifgebiete beziehen