Eis
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Definition und Überblick
Eis als Lebensraum bezeichnet alle dauerhaft oder saisonal gefrorenen Bereiche der Erde, in denen Tierarten siedeln, jagen, ruhen oder sich fortpflanzen. Dazu zählen das arktische und antarktische Meereis, Inlandeis und Gletscher, Permafrostböden sowie saisonale Eisdecken auf Seen und Flüssen. Obwohl gefrorenes Wasser auf den ersten Blick lebensfeindlich wirkt, haben sich zahlreiche Tierarten im Lauf der Evolution an diesen Extremlebensraum angepasst. Die Kryosphäre – so der Fachbegriff für die Gesamtheit aller vereisten Gebiete – bedeckt zeitweise bis zu 30 Prozent der Erdoberfläche und spielt eine zentrale Rolle im globalen Klimasystem sowie in marinen und terrestrischen Nahrungsnetzen.
Typen von Eislebensräumen
Eislebensräume lassen sich nach Entstehung, Dauer und Lage in mehrere Kategorien unterteilen:
- Meereis (Packeis und Festeis): Entsteht durch das Gefrieren von Meerwasser in den Polarregionen. Arktisches Meereis und antarktisches Packeis bilden riesige, saisonal schwankende Flächen, die als Plattform für Robben, Eisbären und Pinguine dienen. In den Hohlräumen und an der Unterseite des Meereises wachsen Eisalgen, die die Basis polarer Nahrungsketten darstellen.
- Schelfeis: Schwimmende Eisplatten, die von Gletschern ins Meer vorstoßen. Unter dem Schelfeis existieren eigene Ökosysteme mit spezialisierten Organismen.
- Inlandeis und Gletscher: Die großen Eisschilde Grönlands und der Antarktis sowie alpine Gletscher bilden Süßwasserreservoire. Auf der Oberfläche von Gletschern leben sogenannte Kryokonit-Gemeinschaften, darunter Bärtierchen und Gletscherflöhe.
- Permafrost: Dauerhaft gefrorener Boden in subarktischen und arktischen Regionen. Er beeinflusst die Vegetation und damit die Lebensgrundlage von Rentieren, Moschusochsen und Lemmingen.
- Saisonales Süßwassereis: Zugefrorene Seen und Flüsse in gemäßigten und borealen Zonen. Die Eisdecke schützt darunterliegende Gewässer vor extremer Kälte und ermöglicht Fischen und Amphibien das Überwintern.
Anpassungen der Tierwelt
Tiere, die im und am Eis leben, haben vielfältige physiologische und verhaltensbiologische Strategien entwickelt. Warmblüter wie der Eisbär (Ursus maritimus) verfügen über eine isolierende Fettschicht von bis zu elf Zentimetern sowie ein dichtes, hohles Fellhaar, das Wärme speichert. Die Ringelrobbe (Pusa hispida) gräbt Geburtshöhlen ins Schneeeis, um ihre Jungen vor Kälte und Fressfeinden zu schützen. Kaiserpinguine (Aptenodytes forsteri) trotzen antarktischen Wintertemperaturen von minus 60 Grad Celsius, indem sie sich in dichten Gruppen zusammendrängen und so den Wärmeverlust minimieren – ein Verhalten, das als Huddle bekannt ist.
Bei Wirbellosen finden sich ebenso beeindruckende Anpassungen. Der Gletscherfloh (Gattung Desoria) lebt auf Gletscheroberflächen und produziert Frostschutzproteine, die das Gefrieren seiner Körperflüssigkeiten verhindern. Antarktischer Krill (Euphausia superba) ernährt sich von Eisalgen an der Unterseite des Packeises und bildet Schwärme von mehreren Millionen Individuen, die Walen, Robben und Seevögeln als Nahrungsgrundlage dienen. Im Meereis selbst existiert ein eigenes Mikrohabitat: Salzlakekanäle, winzige flüssigkeitsgefüllte Kanäle im Eis, beherbergen Bakterien, Einzeller und kleine Krebstiere.
Ökologische Bedeutung
Eislebensräume erfüllen mehrere ökologische Schlüsselfunktionen. Das Meereis wirkt als Brutgebiet und Jagdplattform für zahlreiche marine Säugetiere. Gleichzeitig reguliert es durch seine hohe Albedo – also sein Rückstrahlvermögen – den Wärmehaushalt der Erde, da es einen Großteil der einfallenden Sonnenstrahlung reflektiert. Die Eisalgenproduktion im Frühjahr löst eine Kaskade in der polaren Nahrungskette aus: Vom Phytoplankton über den Krill bis hin zu Bartenwalen und Seeleoparden hängen ganze Ökosysteme von diesem saisonalen Primärproduktionszyklus ab.
Permafrostböden speichern enorme Mengen organischen Kohlenstoffs. Taut dieser auf, verändert sich nicht nur der Lebensraum von Tundra-Bewohnern wie Polarfüchsen, Schneehasen und Schnee-Eulen, sondern es werden auch Treibhausgase freigesetzt, die den Klimawandel weiter verstärken – ein positiver Rückkopplungseffekt.
Bedrohung durch den Klimawandel
Die Eislebensräume der Erde gehören zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Ökosystemen. Die Arktis erwärmt sich etwa drei- bis viermal schneller als der globale Durchschnitt – ein Phänomen, das als arktische Verstärkung (Arctic Amplification) bezeichnet wird. Seit Beginn der Satellitenbeobachtung in den 1970er Jahren hat die sommerliche Meereisfläche in der Arktis um rund 40 Prozent abgenommen. Für eisabhängige Arten hat das unmittelbare Konsequenzen:
- Eisbären müssen längere Strecken schwimmen, um Jagdgebiete auf dem Packeis zu erreichen, was den Energieverbrauch erhöht und die Jungenaufzucht gefährdet.
- Walrosse verlieren ihre Ruheplätze auf Eisschollen und drängen sich an Küstenlinien zusammen, wo Massenpanik und Erdrückung zu hoher Sterblichkeit führen.
- Adelie-Pinguine in der Antarktis erleben Verschiebungen in der Krill-Verfügbarkeit, da sich die