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Hypocalcämie

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Definition & Überblick

Hypocalcämie bezeichnet einen pathologisch erniedrigten Calciumspiegel im Blut. Calcium ist ein lebenswichtiges Mineral, das im tierischen Organismus zahlreiche Funktionen erfüllt: Es stabilisiert Zellmembranen, steuert die Muskelkontraktion, ermöglicht die Reizweiterleitung im Nervensystem und ist essenziell für die Blutgerinnung. Sinkt die Calciumkonzentration im Serum unter den physiologischen Normbereich, geraten diese Prozesse aus dem Gleichgewicht – mit teils lebensbedrohlichen Folgen.

Die Erkrankung betrifft eine Vielzahl von Tierarten. Besonders häufig tritt sie bei Milchkühen in Form der sogenannten Gebärparese (Milchfieber) auf, bei Hündinnen und Katzen rund um die Geburt als puerperale Eklampsie sowie bei Heimtieren wie Reptilien und Papageien infolge von Fütterungsfehlern. Der Normalwert des Gesamtcalciums im Blutserum liegt bei den meisten Säugetieren zwischen 2,0 und 3,0 mmol/l, wobei artspezifische Unterschiede bestehen. Entscheidend für die biologische Wirksamkeit ist das ionisierte (freie) Calcium, das etwa 50 Prozent des Gesamtcalciums ausmacht.

Ursachen & Risikofaktoren

Die Ursachen einer Hypocalcämie sind vielfältig und hängen stark von Tierart, Alter, Reproduktionsstatus und Haltungsbedingungen ab:

  • Erhöhter Calciumbedarf bei Laktation und Trächtigkeit: Bei hochleistenden Milchkühen wird mit Einsetzen der Milchproduktion schlagartig große Mengen Calcium über die Milch abgegeben. Der Organismus kann diesen Verlust nicht schnell genug kompensieren. Ähnlich verhält es sich bei säugenden Hündinnen und Katzen, besonders bei großen Würfen.
  • Hypoparathyreoidismus: Eine Unterfunktion oder Schädigung der Nebenschilddrüsen (Glandulae parathyroideae) führt zu einem Mangel an Parathormon (PTH). Dieses Hormon reguliert den Calciumstoffwechsel, indem es die Calciumfreisetzung aus dem Knochen, die Rückresorption in der Niere und die Vitamin-D-Aktivierung fördert. Fehlt PTH, sinkt der Calciumspiegel.
  • Vitamin-D-Mangel: Ohne ausreichendes Vitamin D₃ (Cholecalciferol) ist die intestinale Calciumresorption aus dem Darm eingeschränkt. Besonders Reptilien und Vögel in Innenhaltung sind betroffen, wenn UV-B-Strahlung fehlt.
  • Nierenerkrankungen: Chronische Niereninsuffizienz führt über eine verminderte Aktivierung von Vitamin D und eine gestörte Phosphatausscheidung sekundär zur Hypocalcämie – ein Zustand, der als renaler sekundärer Hyperparathyreoidismus bezeichnet wird.
  • Fütterungsfehler: Eine calcium-arme oder phosphatreiche Ernährung verschiebt das Calcium-Phosphor-Verhältnis ungünstig. Bei Reptilien ist die ausschließliche Fütterung mit Insekten ohne Supplementierung ein klassisches Beispiel. Bei Pferden und Wiederkäuern können oxalatreiche Gräser die Calciumverfügbarkeit reduzieren.
  • Akute Pankreatitis: Bei der Bauchspeicheldrüsenentzündung wird Calcium durch Verseifung mit freigesetzten Fettsäuren im Gewebe gebunden.
  • Iatrogene Ursachen: Versehentliche Entfernung oder Schädigung der Nebenschilddrüsen bei Schilddrüsenoperationen, insbesondere bei Katzen mit Hyperthyreose.

Symptome & Erkennung

Die klinischen Anzeichen einer Hypocalcämie ergeben sich aus der gesteigerten neuromuskulären Erregbarkeit, die durch den Calciummangel entsteht:

  • Muskelzittern und Faszikulationen: Feine, unwillkürliche Muskelzuckungen, besonders an den Gliedmaßen und im Gesichtsbereich, gehören zu den frühesten Symptomen.
  • Tetanie: Tonische Krämpfe der Skelettmuskulatur mit steifem Gang, überstreckten Gliedmaßen und Opisthotonus (Überstreckung des Kopfes nach hinten) treten bei fortgeschrittenem Calciummangel auf.
  • Unruhe, Hecheln, Speicheln: Betroffene Hündinnen zeigen häufig Nervosität, beschleunigtes Atmen und übermäßigen Speichelfluss.
  • Festliegen: Bei Milchkühen mit Gebärparese ist das Festliegen in Seitenlage mit komatösem Zustand ein klassisches Bild. Die Tiere kühlen aus, der Pansen wird atonisch, und Kreislaufversagen droht.
  • Herzrhythmusstörungen: Calcium beeinflusst die kardiale Reizleitung. Tachykardie oder Arrhythmien können auftreten und im Extremfall zum Herzstillstand führen.
  • Bei Reptilien: Weiche, verformbare Knochen (metabolische Knochenerkrankung), Spontanfrakturen, Kieferverformungen und Legenot bei weiblichen Tieren.

Diagnose

Die Verdachtsdiagnose ergibt sich häufig aus der klinischen Symptomatik in Verbindung mit der Anamnese – etwa eine säugende Hündin mit Krampfanfällen oder eine frisch abgekalbte Kuh im Festliegen. Die Sicherung erfolgt labordiagnostisch:

  • Blutuntersuchung: Bestimmung des Gesamtcalciums und idealerweise des ionisierten Calciums im Serum. Letzteres ist aussagekräftiger, da es unabhängig von Albumin- und pH-Veränderungen ist.
  • Phosphat- und Magnesiumspiegel: Diese Elektrolyte stehen in enger Wechselwirkung mit dem Calciumstoffwechsel und sollten stets mitbestimmt werden.
  • Parathormon und Vitamin-D-Metaboliten: Bei chronischen oder unklaren Fällen hilft die Bestimmung von PTH und 25-Hydroxycholecalciferol bei der Ursachenklärung.