T Tierlexikon.net
← Lexikon

Krähen

K

Tierlaute > Tierlaute & Lautäußerungen

Definition & Überblick

Als Krähen wird eine charakteristische, lautstarke Vokalisation bezeichnet, die vor allem vom Haushuhn (Gallus gallus domesticus) und seinen wilden Verwandten bekannt ist. Der Laut zeichnet sich durch eine mehrphasige, lang gezogene Tonfolge aus, die typischerweise mit einer ansteigenden Frequenz beginnt und in einem gedehnten, abfallenden Ton endet – lautmalerisch im Deutschen als „Kikeriki" wiedergegeben. In der Ethologie wird das Krähen den angeborenen Lautäußerungen zugeordnet, also jenen vokalen Verhaltensweisen, die ohne vorheriges Erlernen im Verhaltensrepertoire eines Tieres verankert sind. Es handelt sich um einen Instinkt, der durch endogene und exogene Faktoren ausgelöst wird und primär der akustischen Kommunikation dient.

Obwohl das Krähen im allgemeinen Sprachgebrauch nahezu ausschließlich mit dem Hahn assoziiert wird, existieren vergleichbare Lautäußerungen auch bei anderen Vogelarten. Die biologische und soziale Funktion dieses Lauts ist vielschichtig und reicht von der Reviermarkierung über die Hierarchieanzeige bis zur zeitlichen Synchronisation innerhalb einer Gruppe.

Biologischer Hintergrund

Das Krähen wird primär durch das Zusammenspiel hormoneller und neuronaler Mechanismen gesteuert. Beim Haushahn spielt Testosteron eine zentrale Rolle: Mit Einsetzen der Geschlechtsreife steigt der Androgenspiegel, und das Krähen tritt als sekundäres Geschlechtsmerkmal in Erscheinung. Kastrierte Hähne (Kapaunen) krähen in der Regel nicht oder nur rudimentär, was den hormonellen Zusammenhang eindrücklich belegt.

Anatomisch wird der Laut im Syrinx erzeugt, dem Stimmorgan der Vögel, das sich an der Bifurkation der Trachea befindet. Im Unterschied zum Kehlkopf der Säugetiere ermöglicht der Syrinx eine besonders differenzierte Lautproduktion. Beim Krähen wird Luft mit hohem Druck durch die Membranen des Syrinx gepresst, während der Hahn eine charakteristische Körperhaltung einnimmt: gestreckter Hals, angehobener Kopf und häufig aufgestellte Flügel. Diese posturale Komponente verstärkt die Schallausbreitung und dient gleichzeitig als visuelles Signal – ein Beispiel für multimodale Kommunikation.

Bemerkenswert ist die Erkenntnis japanischer Forscher um Tsuyoshi Shimmura (Nagoya University, 2013), dass das Krähen einer endogenen circadianen Rhythmik unterliegt. Selbst unter konstanten Lichtbedingungen krähten Hähne bevorzugt in den frühen Morgenstunden, was auf eine innere Uhr hindeutet. Lichtreize wirken dabei als Zeitgeber, die den Rhythmus synchronisieren, sind aber nicht die alleinige Ursache.

Bei welchen Tieren tritt es auf?

Das Krähen ist am prominentesten beim Haushahn und dessen Wildform, dem Bankivahuhn (Gallus gallus). Darüber hinaus zeigen weitere Hühnervögel (Ordnung Galliformes) vergleichbare Lautäußerungen:

  • Fasan (Phasianus colchicus): Der Fasanenhahn produziert einen kurzen, rauen Krähruf, häufig gefolgt von einem Flügelschlagen, das als akustischer Verstärker dient.
  • Pfau (Pavo cristatus): Der durchdringende Ruf des Pfaus wird gelegentlich als Krähen bezeichnet und erfüllt ähnliche Funktionen der Revierverteidigung und Partneranlockung.
  • Truthahn (Meleagris gallopavo): Das sogenannte „Kollern" des Truthahns ist funktional mit dem Krähen verwandt, unterscheidet sich jedoch akustisch erheblich.
  • Rebhuhn (Perdix perdix) und Wachtel (Coturnix coturnix): Beide Arten besitzen arttypische Revierrufe der Männchen, die dem Krähen funktional entsprechen.

In seltenen Fällen können auch Hennen krähen – ein Phänomen, das bei hormonellen Störungen oder nach Ausfall eines Eierstocks auftritt, wenn die rudimentäre Gonade androgenproduzierende Zellen entwickelt. Dies unterstreicht die hormonelle Steuerung des Verhaltens.

Auslöser & Funktion

Die Auslöser des Krähens lassen sich in endogene und exogene Faktoren unterteilen. Zu den endogenen Auslösern zählen die circadiane Rhythmik und der Hormonstatus. Exogene Auslöser umfassen Lichtreize (insbesondere die Morgendämmerung), akustische Stimuli (das Krähen anderer Hähne) sowie Störungen im Umfeld.

Funktional erfüllt das Krähen mehrere Aufgaben:

  • Territorialverhalten: Der Krähruf signalisiert Rivalen die Besetzung eines Reviers. Studien zeigen, dass Hähne auf das Krähen fremder Artgenossen mit verstärktem eigenen Krähen reagieren – ein klassisches Beispiel für agonistisches Verhalten.
  • Hierarchieanzeige: Innerhalb einer Gruppe kräht der ranghöchste Hahn zuerst. Rangniedere Hähne warten ab, bevor sie antworten. Diese Abfolge spiegelt die Hackordnung wider, ein von Thorleif Schjelderup-Ebbe erstmals beschriebenes Dominanzsystem.
  • Synchronisation der Gruppe: Das morgendliche Krähen dient als Aktivitätssignal und koordiniert den Tagesrhythmus der gesamten Herde.
  • Sexuelle Selektion: Hennen bevorzugen nachweislich Hähne mit kräftigem, häufigem Krähen, da es als Honest Signal für Vitalität und genetische Fitness gewertet wird.

Durch Konditionierung kann das Krähen auch durch erlernte Reize ausgelöst werden. Hähne, die regelmäßig zu bestimmten Zeiten