Kratzen
KTiermedizin & Gesundheit > Krankheiten & Symptome – weitere
Definition & Überblick
Kratzen bezeichnet das wiederholte, oft rhythmische Bearbeiten der eigenen Haut mit den Krallen oder Pfoten. In der Tiermedizin wird dieses Verhalten als Pruritus (Juckreiz) eingeordnet, wenn es über das normale Maß der Körperpflege hinausgeht. Pruritus ist dabei kein eigenständiges Krankheitsbild, sondern ein Symptom, das auf eine Vielzahl zugrunde liegender Erkrankungen hinweisen kann.
Grundsätzlich gehört gelegentliches Kratzen zum normalen Repertoire der Körperpflege bei Hunden, Katzen, Kaninchen und vielen anderen Tierarten. Pathologisch wird es erst, wenn es übermäßig häufig auftritt, zu sichtbaren Hautveränderungen führt oder das Tier in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt. Die Abgrenzung zwischen physiologischem und krankhaftem Kratzen erfordert eine sorgfältige Beobachtung durch den Tierhalter und gegebenenfalls eine tierärztliche Abklärung.
Chronischer Juckreiz gehört zu den häufigsten Vorstellungsgründen in der tierärztlichen Praxis. Er betrifft Tiere aller Altersgruppen und Rassen, wobei bestimmte Rassen eine genetische Prädisposition für juckreizauslösende Erkrankungen aufweisen.
Ursachen & Risikofaktoren
Die Ursachen für übermäßiges Kratzen sind vielfältig und lassen sich in mehrere Hauptgruppen unterteilen:
- Ektoparasiten: Flöhe (Ctenocephalides felis/canis), Milben (z. B. Sarcoptes scabiei, Otodectes cynotis, Demodex), Zecken und Haarlinge zählen zu den häufigsten Auslösern. Bereits ein einzelner Flohbiss kann bei sensibilisierten Tieren eine ausgeprägte Flohspeichelallergie-Dermatitis (FAD) auslösen.
- Allergien: Die atopische Dermatitis, eine genetisch bedingte Überempfindlichkeit gegenüber Umweltallergenen wie Pollen, Hausstaubmilben oder Schimmelpilzen, ist eine der häufigsten Ursachen für chronischen Juckreiz beim Hund. Futtermittelallergien und Kontaktallergien kommen ebenfalls vor.
- Infektionen: Bakterielle Hautinfektionen (Pyodermie), Hefepilzinfektionen (insbesondere Malassezia) und Dermatophytosen (Hautpilz) können starken Juckreiz verursachen oder als Sekundärinfektion einen bestehenden Juckreiz verschlimmern.
- Psychogene Ursachen: Stress, Langeweile, Angst oder Zwangsstörungen können zu übermäßigem Kratzen, Lecken oder Beißen an der eigenen Haut führen. Bei Katzen ist die psychogene Alopezie ein bekanntes Beispiel.
- Organische Erkrankungen: Stoffwechselstörungen wie Hypothyreose, Cushing-Syndrom (Hyperadrenokortizismus) oder Lebererkrankungen können sich durch Hautveränderungen und Juckreiz äußern.
- Trockene Haut und Umweltfaktoren: Niedrige Luftfeuchtigkeit, übermäßiges Baden mit ungeeigneten Produkten oder Ernährungsdefizite (insbesondere essentielle Fettsäuren) können die Hautbarriere schädigen.
Zu den Risikofaktoren zählen bestimmte Rassedispositionen – West Highland White Terrier, Französische Bulldoggen und Labrador Retriever sind beispielsweise überdurchschnittlich häufig von atopischer Dermatitis betroffen. Auch saisonale Einflüsse, mangelnde Parasitenprophylaxe und eine unausgewogene Ernährung erhöhen das Risiko.
Symptome & Erkennung
Übermäßiges Kratzen zeigt sich nicht nur durch die sichtbare Kratzbewegung mit den Hinterbeinen. Tierhalter sollten auf folgende Anzeichen achten:
- Häufiges Schütteln des Kopfes (Hinweis auf Ohrmilben oder Otitis)
- Intensives Lecken, Beißen oder Knabbern an bestimmten Körperstellen
- Reiben des Körpers an Möbeln, Teppichen oder dem Boden
- Alopezie (Haarausfall) in den betroffenen Bereichen
- Hautrötungen (Erythem), Schwellungen und Quaddeln
- Schuppenbildung, Krusten und offene Kratzwunden (Exkoriationen)
- Hautverdickung (Lichenifikation) und Hyperpigmentierung bei chronischem Verlauf
- Unruhe, Schlafstörungen und verändertes Verhalten
Die betroffenen Körperregionen können bereits Hinweise auf die Ursache geben: Kratzen am Ohrgrund deutet auf Ohrmilben oder eine Otitis hin, Juckreiz an der Schwanzbasis ist typisch für eine Flohspeichelallergie, während eine atopische Dermatitis häufig Pfoten, Achseln, Leisten und Gesicht betrifft.
Diagnose
Die Diagnostik bei übermäßigem Kratzen erfordert ein systematisches Vorgehen, da häufig mehrere Ursachen gleichzeitig vorliegen:
- Anamnese: Detaillierte Befragung zu Beginn, Verlauf, Saisonalität, Fütterung, Parasitenprophylaxe und Haltungsbedingungen.
- Klinische Untersuchung: Gründliche Beurteilung der gesamten Haut einschließlich Ohren, Zwischenzehenräume und Analregion. Die Verteilung der Läsionen gibt wichtige diagnostische Hinweise.
- Hautgeschabsel: Oberflächliche und tiefe Geschabsel zum Nachweis von Milben (z. B. Sarcoptes, Demodex).
- Zytologische Untersuchung: Abklatschpräparate oder Klebestreifenpräparate zur Identifikation von Bakterien, Hefepilzen oder Entzündungszellen unter dem Mikroskop.
- Dermatophytenkultur: Pilzkultur zum Ausschluss einer Dermatophytose, ergänzt durch eine Wood-Lampen-Untersuchung.