Merinowolle
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Definition und Überblick
Merinowolle ist eine besonders feine und hochwertige Naturfaser, die vom Merinoschaf gewonnen wird. Sie zählt zu den edelsten Wollsorten weltweit und unterscheidet sich von gewöhnlicher Schafwolle durch ihren geringen Faserdurchmesser, ihre außergewöhnliche Weichheit und ihre vielseitigen Funktionseigenschaften. Die Fasern erreichen eine Feinheit von 15 bis 25 Mikrometer – zum Vergleich: ein menschliches Haar misst etwa 50 bis 100 Mikrometer. Diese Feinheit macht Merinowolle zu einem begehrten Rohstoff in der Textil-, Outdoor- und Modeindustrie.
Herkunft und Geschichte
Die Ursprünge des Merinoschafes liegen in Nordafrika und dem westlichen Mittelmeerraum. Ab dem 12. Jahrhundert entwickelte sich Spanien zum Zentrum der Merinozucht, wo die Rasse unter königlichem Schutz stand. Der Export von Merinoschafen war über Jahrhunderte hinweg bei Todesstrafe verboten, da Spanien sein Wollmonopol schützen wollte. Erst im 18. Jahrhundert gelangten Merinoschafe nach Sachsen, Frankreich, Südafrika und schließlich nach Australien.
Australien ist heute mit Abstand der größte Produzent von Merinowolle. Rund 80 Prozent der weltweiten Erzeugung stammen von dort. Weitere bedeutende Herkunftsländer sind Neuseeland, Südafrika, Argentinien und Uruguay. Die Zucht wurde über Jahrhunderte gezielt auf Wollqualität, Faserfeinheit und hohen Wollertrag ausgerichtet.
Gewinnung und Verarbeitung
Merinoschafe werden in der Regel einmal jährlich geschoren, meist im Frühjahr. Ein einzelnes Tier liefert dabei zwischen 5 und 15 Kilogramm Rohwolle pro Schur, abhängig von Rasse, Haltung und Klima. Die frisch geschorene Wolle – auch Schweißwolle genannt – enthält neben der eigentlichen Faser noch Wollfett (Lanolin), Schweiß, Schmutz und pflanzliche Rückstände.
Die Verarbeitung der Rohwolle erfolgt in mehreren Schritten:
- Sortierung: Die Wolle wird nach Feinheit, Stapellänge, Farbe und Reinheit klassifiziert.
- Wäsche: Beim Waschen wird das Lanolin entfernt, das als Nebenprodukt in der Kosmetik- und Pharmaindustrie Verwendung findet.
- Kardieren und Kämmen: Die gewaschenen Fasern werden mechanisch ausgerichtet und zu einem gleichmäßigen Vlies verarbeitet.
- Spinnen: Aus dem Vlies entsteht durch Verdrehen das fertige Garn, das anschließend zu Stoffen verwebt oder verstrickt wird.
Die Qualität der Merinowolle wird international nach dem System der Mikronzahl klassifiziert. Superfeine Merinowolle mit weniger als 18,5 Mikrometer gilt als besonders wertvoll und erzielt auf Auktionen, etwa in Sydney oder Melbourne, Spitzenpreise.
Eigenschaften der Faser
Merinowolle besitzt eine Reihe physikalischer und chemischer Eigenschaften, die sie von anderen Textilfasern – sowohl natürlichen als auch synthetischen – abhebt:
- Thermoregulation: Merinofasern können Feuchtigkeit in Form von Wasserdampf aufnehmen und dabei Wärme freisetzen. Gleichzeitig wirken sie bei Hitze kühlend, da Feuchtigkeit von der Haut abtransportiert und an die Umgebung abgegeben wird.
- Feuchtigkeitsmanagement: Die Faser kann bis zu 35 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Diese hygroskopische Eigenschaft übertrifft die meisten Kunstfasern deutlich.
- Geruchshemmung: Durch die schuppige Oberfläche der Keratinfaser und die natürliche Feuchtigkeitsregulation bietet Merinowolle Bakterien weniger Nährboden. Kleidungsstücke aus Merinowolle können daher mehrere Tage getragen werden, bevor eine Wäsche nötig wird.
- Elastizität: Merinofasern lassen sich um bis zu 30 Prozent ihrer Länge dehnen und kehren anschließend in ihre Ausgangsform zurück. Das macht Gewebe aus Merinowolle formstabil und knitterarm.
- UV-Schutz: Die Faser absorbiert einen erheblichen Teil der ultravioletten Strahlung und bietet damit einen natürlichen Sonnenschutz.
- Brandverhalten: Merinowolle ist schwer entflammbar und erlischt ohne externe Flamme von selbst, was sie gegenüber vielen Synthetikfasern sicherheitstechnisch überlegen macht.
Verwendung
Die Einsatzgebiete von Merinowolle sind vielfältig. In der Bekleidungsindustrie wird sie für Unterwäsche, Socken, Sportbekleidung, Anzugstoffe und Strickwaren verwendet. Besonders im Outdoor- und Sportbereich hat sich Merinowolle als funktionelle Basisschicht (Baselayer) etabliert, da sie Schweiß effizient reguliert und auch bei Nässe wärmt.
Darüber hinaus findet Merinowolle Verwendung in der Herstellung von Heimtextilien wie Decken, Teppichen und Bettwaren. In der Medizin und Babypflege wird sie wegen ihrer hautfreundlichen Eigenschaften geschätzt. Anders als gröbere Wollsorten verursacht Merinowolle in der Regel kein Kratzen auf der Haut, da die feinen Fasern sich bei Hautkontakt biegen, statt zu stechen.
Tierschutz und ethische Aspekte
Die Produktion von Merinowolle steht teilweise in der Kritik. In Australien wurde traditionell das Verfahren des Mulesing angewandt, bei dem Hautfalten um den Schwanzbereich der Lämmer ohne Betäubung entfernt werden, um einen Befall mit Fliegenmaden (Myiasis) zu verhindern. Diese Praxis wird von Tierschutzorganisationen als grausam eingestuft. Inzwischen gibt es Bestrebungen, Mulesing durch züchterische Maßnahmen, Schmerzmanagement oder alternative Methoden zu ersetzen. Einige Anbieter zertifizieren ihre Wolle als „mulesing-f