Pansenazidose
PTiermedizin & Gesundheit > Krankheiten & Symptome – weitere
Definition & Überblick
Die Pansenazidose – auch als Pansenübersäuerung oder ruminale Azidose bezeichnet – ist eine Stoffwechselerkrankung bei Wiederkäuern, bei der der pH-Wert im Pansen (Rumen) unter den physiologischen Normbereich absinkt. Betroffen sind vor allem Rinder, aber auch Schafe und Ziegen können erkranken. Der normale pH-Wert im Pansen liegt zwischen 6,2 und 7,0. Bei einer Pansenazidose fällt dieser Wert teils drastisch ab, was schwerwiegende Folgen für die gesamte Pansenflora und den Organismus des Tieres hat.
Man unterscheidet zwei Verlaufsformen: die akute Pansenazidose (pH-Wert unter 5,0) und die subakute Pansenazidose (SARA – Subacute Ruminal Acidosis, pH-Wert zwischen 5,0 und 5,8). Während die akute Form einen veterinärmedizinischen Notfall darstellt, der innerhalb weniger Stunden zum Tod führen kann, verläuft die subakute Form schleichend und bleibt oft über Wochen oder Monate unentdeckt. Gerade die subakute Pansenazidose gilt in der modernen Milchvieh- und Mastrindhaltung als eine der wirtschaftlich bedeutsamsten Erkrankungen überhaupt.
Ursachen & Risikofaktoren
Die zentrale Ursache der Pansenazidose ist eine übermäßige Aufnahme leicht fermentierbarer Kohlenhydrate – insbesondere Stärke und Zucker – bei gleichzeitig unzureichender Versorgung mit strukturwirksamer Rohfaser. Im Pansen werden diese Kohlenhydrate von Mikroorganismen rasch zu kurzkettigen Fettsäuren (vor allem Milchsäure, Laktat) abgebaut. Übersteigt die Säureproduktion die Pufferkapazität des Pansens, sinkt der pH-Wert ab.
Typische Auslöser und Risikofaktoren sind:
- Plötzlicher Futterwechsel – etwa von raufaserreicher Winterfütterung auf kraftfutterreiche Rationen ohne ausreichende Adaptationsphase
- Zu hohe Kraftfuttergaben – insbesondere Getreide (Weizen, Gerste) mit hohem Stärkegehalt
- Mangel an Strukturfutter – zu wenig Heu, Stroh oder ausreichend langer Grassilage, was die Wiederkauaktivität und damit die Speichelproduktion (natürlicher Puffer) vermindert
- Unzureichende Futterstruktur – zu fein geschnittene Mischration (TMR), bei der Tiere keine selektive Futteraufnahme betreiben können
- Unkontrollierter Zugang zu Kraftfutter – beispielsweise bei Ausbruch aus der Weide in Getreidelager
- Transitphase bei Milchkühen – die Umstellung von der Trockenstehperiode auf die Laktationsration stellt eine besonders kritische Phase dar
Auch Hitzestress, Rangordnungskämpfe am Futtertisch und ungleichmäßige Fütterungszeiten können das Risiko erhöhen, da sie das Fressverhalten und die Wiederkauaktivität negativ beeinflussen.
Symptome & Erkennung
Die Symptomatik unterscheidet sich erheblich zwischen akuter und subakuter Verlaufsform.
Akute Pansenazidose:
- Plötzliche Futterverweigerung (Anorexie)
- Apathie und zunehmende Schwäche bis hin zum Festliegen
- Aufgeblähter Bauch (Pansentympanie)
- Dünnflüssiger, übelriechender, oft schaumiger Durchfall
- Erhöhte Herzfrequenz (Tachykardie) und beschleunigte Atmung (Tachypnoe)
- Dehydratation mit eingesunkenen Augen und vermindertem Hautturgor
- Untertemperatur in fortgeschrittenen Stadien
- Pansenstillstand – keine hörbaren Pansenkontraktionen bei der Auskultation
Subakute Pansenazidose (SARA):
- Wechselnde Futteraufnahme und verminderte Wiederkauaktivität
- Milchfettabfall bei Milchkühen (Milchfettdepression) – oft das erste erkennbare Warnsignal
- Wiederkehrende, milde Durchfallepisoden mit wechselnder Kotkonsistenz
- Klauenrehe (Laminitis) als Folgeerkrankung – erkennbar an Lahmheit, Trachtenfußung und Rillenbildung am Klauenhorn
- Verminderte Körperkondition trotz ausreichender Energieversorgung
- Leberabszesse als Spätkomplikation
Diagnose
Die Diagnose der akuten Pansenazidose ergibt sich häufig aus der Kombination von Anamnese und klinischem Bild. Der Tierarzt erfragt die Fütterungshistorie und führt eine klinische Allgemeinuntersuchung durch, einschließlich Auskultation der Pansenmotorik und Beurteilung des Allgemeinzustandes.
Die Pansensaftentnahme mittels Pansensonde (Schlundsonde) oder Rumenozentese (Punktion des Pansens durch die linke Hungergrube) ist das wichtigste diagnostische Verfahren. Der gewonnene Pansensaft wird auf pH-Wert, Farbe, Geruch, Konsistenz und Protozoenzahl untersucht. Ein pH-Wert unter 5,5 gilt als pathologisch, unter 5,0 als hochgradig azidotisch. Gesunder Pansensaft ist olivgrün bis bräunlich und riecht aromatisch; bei Azidose ist er oft grau-milchig und riecht säuerlich.
Ergänzend werden Blutuntersuchungen durchgeführt: Blutgasanalyse zum Nachweis einer metabolischen Azidose, Bestimmung von Laktatwerten im Serum sowie Hämatokrit als Maß für die Dehydratation. Bei Herdenproblematik mit Verdacht auf SARA kann die Auswertung der Milchleistungsprüfung (Fett-Eiweiß-Quotient unter 1,0) wertvolle Hinweise liefern.