Schafwolle
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Definition und Überblick
Schafwolle bezeichnet das Haarkleid des Hausschafs (Ovis aries), das durch Schur gewonnen und zu textilen Zwecken sowie für zahlreiche weitere Anwendungen verarbeitet wird. Im engeren Sinn meint der Begriff ausschließlich die feinen, gekräuselten Fasern des Untervlieses, die sich von den gröberen Deckhaaren (Grannenhaaren) unterscheiden. Wolle zählt zu den ältesten vom Menschen genutzten Tierhaaren – archäologische Funde belegen eine gezielte Wollnutzung seit etwa 6.000 vor Christus im Vorderen Orient. Heute werden weltweit rund 1,1 Millionen Tonnen Rohwolle pro Jahr erzeugt, wobei Australien, China und Neuseeland die größten Produzenten sind.
Aufbau und Eigenschaften der Wollfaser
Schafwolle besteht aus dem Faserprotein Keratin, dem gleichen Struktureiweiß, das auch Hufe, Hörner und menschliche Haare bildet. Jede einzelne Wollfaser setzt sich aus drei Schichten zusammen:
- Cuticula (Schuppenschicht): Die äußerste Hülle besteht aus dachziegelartig übereinander liegenden Schuppen. Diese Struktur ist verantwortlich für die Filzfähigkeit der Wolle, da sich die Schuppen unter Feuchtigkeit und mechanischer Bewegung ineinander verhaken.
- Cortex (Faserstamm): Der Hauptteil der Faser besteht aus spindelförmigen Zellen, die in eine schwefelhaltige Eiweißmatrix eingebettet sind. Die asymmetrische Anordnung zweier Zelltypen (Ortho- und Paracortex) erzeugt die charakteristische Kräuselung.
- Medulla (Mark): Ein innerer Hohlkanal, der bei Feinwolle oft fehlt und bei gröberen Fasern stärker ausgeprägt ist.
Aus diesem Aufbau ergeben sich die besonderen Eigenschaften von Schafwolle: Sie kann bis zu 35 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Die natürliche Kräuselung sorgt für ein hohes Wärmeisolationsvermögen, da zwischen den Fasern Luftpolster eingeschlossen werden. Wolle ist schwer entflammbar, elastisch und bis zu einem gewissen Grad selbstreinigend, da Schmutzpartikel an der Schuppenschicht wenig Halt finden. Zudem besitzt Rohwolle durch das enthaltene Wollfett (Lanolin) einen natürlichen Witterungsschutz.
Schafrassen und Wollqualitäten
Die Qualität der Schafwolle variiert erheblich je nach Rasse, Haltungsbedingungen und Körperregion des Tieres. Die Feinheit der Faser – gemessen in Mikrometer (µm) – gilt als wichtigstes Qualitätskriterium. Man unterscheidet grob:
- Feinwolle (unter 24 µm): Das Merinoschaf, ursprünglich aus Spanien stammend und heute vor allem in Australien gezüchtet, liefert die feinste und kommerziell wertvollste Wolle. Faserdurchmesser von 15 bis 23 µm sind üblich, besonders feine Partien erreichen unter 15 µm (Superfine- und Ultrafine-Merino).
- Mittelwolle (24–31 µm): Rassen wie das Corriedale, Hampshire oder Suffolk erzeugen Fasern mittlerer Stärke, die häufig für Strickgarne und robustere Textilien eingesetzt werden.
- Grobwolle (über 31 µm): Rassen wie das Schottische Schwarzkopfschaf, das Heidschnuckenschaf oder das Bergschaf produzieren grobe, strapazierfähige Wolle, die sich für Teppiche, Dämmstoffe und technische Textilien eignet.
Neben dem Faserdurchmesser spielen Stapellänge, Kräuselungsfrequenz, Reißfestigkeit, Farbe und Verunreinigungsgrad eine Rolle bei der Bewertung. Das sogenannte Vliesgewicht – also die Wollmenge pro Tier und Schur – liegt beim Merinoschaf bei durchschnittlich vier bis sechs Kilogramm Rohwolle, kann aber bei Hochleistungszuchten über zehn Kilogramm betragen.
Gewinnung und Verarbeitung
Die Wollgewinnung erfolgt in der Regel einmal jährlich durch maschinelle Schur, meist im Frühjahr vor Beginn der warmen Monate. Professionelle Schafscherer verwenden elektrische Schermaschinen und folgen standardisierten Techniken, die eine möglichst vollständige Abnahme des Vlieses in einem Stück ermöglichen. Die Schur ist für die Tiere schmerzfrei und bei wolltragenden Rassen aus gesundheitlichen Gründen zwingend notwendig, da unkontrolliert wachsendes Vlies zu Überhitzung, Parasitenbefall und Bewegungseinschränkungen führt.
Die frisch geschorene Rohwolle enthält neben der eigentlichen Faser etwa 10 bis 25 Prozent Wollwachs (Lanolin), Schweiß, Sand und pflanzliche Rückstände. Die Verarbeitung durchläuft mehrere Stufen:
- Sortierung und Klassierung: Das Vlies wird nach Feinheit, Länge und Reinheitsgrad sortiert.
- Wäsche: In der Wollwäscherei werden Fett, Schmutz und Suint (Schweißsalze) entfernt. Das dabei gewonnene Lanolin findet Verwendung in der Kosmetik- und Pharmaindustrie.
- Kardieren oder Kämmen: Die gewaschenen Fasern werden durch mechanische Verfahren parallelisiert und zu Bändern geformt. Beim Kammgarnverfahren entstehen glatte, feste Garne; beim Streichgarnverfahren voluminösere, weichere Produkte.
- Spinnen, Färben und Ausrüstung: Die Faserbänder werden zu Garnen versponnen, gegebenenfalls gefärbt und durch verschiedene Veredelungsverfahren auf ihren Verwendungszweck vorbereitet.
Verwendung und wirtschaftliche Bedeutung
Das Spektrum der Wollanwendungen reicht weit über Bekleidung hinaus. Feinwolle dient als Rohstoff für hochwertige Anzugstoffe, Unterwäsche, Sportfunktionskleidung und Strickwaren. Gröbere Qualitäten kommen in der Teppichherstellung, als Polstermaterial und in