Schreiadler
STierart – Vögel > Greifvögel
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Clanga pomarina (früher Aquila pomarina)
- Ordnung: Greifvögel (Accipitriformes)
- Familie: Habichtartige (Accipitridae)
- Gattung: Clanga
- Lebensraum: Feuchte Laub- und Mischwälder mit angrenzenden Offenlandflächen
- Größe: 59–67 cm Körperlänge, Flügelspannweite 145–170 cm
- Gewicht: 1,2–2,2 kg (Weibchen schwerer als Männchen)
- Lebenserwartung: Bis zu 25 Jahre in freier Wildbahn
Aussehen & Merkmale
Der Schreiadler ist der kleinste in Europa brütende Vertreter der Adler. Sein Gefieder ist überwiegend dunkelbraun gefärbt, wobei die Unterseite meist etwas heller erscheint als die Oberseite. Jungvögel tragen charakteristische helle Tropfenflecken auf den Oberflügeldecken und einen auffälligen hellen Nackenfleck. Im Flug zeigt der Schreiadler einen vergleichsweise kurzen, leicht gerundeten Schwanz und relativ breite Flügel mit deutlich abgespreizten Handschwingen. Die Handschwingenfedern sind von unten betrachtet dunkler als die Armschwingenfelder, was ein nützliches Bestimmungsmerkmal darstellt.
Von der nah verwandten Schwesterart, dem Schelladler (Clanga clanga), unterscheidet sich der Schreiadler durch seine geringere Körpergröße, das insgesamt hellere Braun des Gefieders und die proportional kürzeren Flügel. Hybride zwischen beiden Arten kommen in den Überlappungsgebieten der Verbreitungsareale vor und erschweren die Bestimmung erheblich. Der Schnabel ist relativ kurz und kräftig, die Fänge sind im Verhältnis zur Körpergröße weniger massiv als bei größeren Adlerarten. Die Wachshaut an der Schnabelbasis ist gelb, die Iris dunkelbraun.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet des Schreiadlers erstreckt sich als schmales Band von Nordostdeutschland über Polen, das Baltikum, Weißrussland und die Ukraine bis zum Kaukasus und nach Kleinasien. Deutschland bildet die westliche Arealgrenze. Hier brütet die Art ausschließlich in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg mit einem Bestand von nur noch rund 130 Brutpaaren (Stand 2023).
Als Habitat bevorzugt der Schreiadler eine enge Verzahnung von geschlossenen Waldbeständen und extensiv genutztem Offenland. Die Brutreviere liegen typischerweise in feuchten Laub- und Mischwäldern, oft in der Nähe von Mooren, Feuchtwiesen oder Bachauen. Für die Nahrungssuche benötigt er kurzrasige Grünlandflächen, Brachen und Feuchtgebiete im Umkreis von wenigen Kilometern um den Horstplatz. Diese spezifischen Biotopansprüche machen ihn zu einer ausgesprochenen Zeigerart für naturnahe, strukturreiche Kulturlandschaften.
Als Langstreckenzieher verlässt der Schreiadler sein Brutgebiet im September und überwintert in Ost- und Südostafrika, vorwiegend südlich des Äquators. Der Zugweg führt über den Bosporus und die Levante. Im April kehren die Vögel in ihre Brutgebiete zurück, wobei sie ausgeprägte Reviertreue zeigen.
Ernährung
Die Nahrung des Schreiadlers ist vielseitig und besteht überwiegend aus kleinen Wirbeltieren. Wühlmäuse, Frösche und junge Schlangen bilden die Hauptbeute. Ergänzt wird das Nahrungsspektrum durch Eidechsen, Jungvögel aus Bodennestern, größere Insekten und Regenwürmer. Anders als viele Adlerarten jagt der Schreiadler häufig zu Fuß. Er läuft dabei über gemähte Wiesen oder frisch gepflügte Äcker und erbeutet aufgescheuchte Kleintiere. Daneben jagt er vom Ansitz aus oder im niedrigen Suchflug über dem Offenland. Die Abhängigkeit von Feuchtgrünland erklärt sich aus dem hohen Amphibienanteil in der Nahrung – insbesondere während der Jungenaufzucht sind Frösche eine entscheidende Nahrungsquelle.
Verhalten & Lebensweise
Schreiadler sind tagaktive Greifvögel, die außerhalb der Brutzeit einzelgängerisch leben. Während des Zuges können sich jedoch größere Ansammlungen bilden, insbesondere an Zugengstellen wie dem Bosporus, wo im Herbst zehntausende Schreiadler innerhalb weniger Tage durchziehen. Der namensgebende Ruf ist ein durchdringend pfeifendes „tjück-tjück", das vor allem während der Balz und bei Revierkonflikten zu hören ist.
Die Balz beginnt kurz nach der Ankunft im Brutgebiet. Dabei zeigt das Männchen auffällige Girlandenflüge über dem Revier: Es steigt steil auf, lässt sich dann mit angelegten Flügeln sturzflugartig fallen und fängt den Flug in einer Aufwärtsbewegung wieder ab. Diese wellenförmigen Flugmanöver werden oft mehrfach hintereinander wiederholt und von Rufen begleitet. Beide Partner sind stark ortstreu und nutzen dasselbe Revier oft über viele Jahre. Die Reviergröße schwankt je nach Habitatqualität zwischen 15 und 50 Quadratkilometern.
Fortpflanzung & Aufzucht
Der Horst wird auf älteren Laubbäumen, bevorzugt auf Buchen oder Eichen, in einer Höhe von 10 bis 20 Metern errichtet. Bestehende Horste werden über Jahre hinweg wiederverwendet und erreichen dabei beträchtliche Ausmaße. Das Gelege besteht fast immer aus zwei Eiern, die im Abstand von mehreren Tagen gelegt werden. Die Brutdauer beträgt rund 38 bis 41 Tage, wobei überwiegend das Weibchen brütet und vom Männchen mit Nahrung versorgt wird.
Bei der Jungenaufzucht zeigt der Schreiadler ein Phänomen, das als obligater Kainismus bekannt ist. Das zuerst geschlüpfte Küken, der sogenannte Abel-Vogel, wird vom älteren Geschwister, dem Kain-Vogel, innerhalb der ersten Lebenstage durch anhalt