Schurwolle
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Definition und Überblick
Schurwolle bezeichnet Wolle, die direkt vom lebenden Schaf durch Scheren gewonnen wird. Der Begriff grenzt dieses Produkt klar von sogenannter Reißwolle oder Recyclingwolle ab, die aus bereits verarbeiteten Textilien zurückgewonnen wird. Ebenso unterscheidet sich Schurwolle von Gerberwolle, die als Nebenprodukt bei der Lederherstellung von Häuten toter Tiere stammt. Die Kennzeichnung „Schurwolle" – international als Virgin Wool oder New Wool bekannt – garantiert dem Verbraucher, dass es sich um erstmals verarbeitete, frisch geschorene Naturfaser handelt. Sie gilt als hochwertigste Form der Schafwolle und wird weltweit in großem Umfang für Bekleidung, Heimtextilien und technische Anwendungen genutzt.
Herkunft und Schafrassen
Nicht jede Schafrasse liefert Wolle in gleicher Qualität und Menge. Die mit Abstand bedeutendste Wollrasse ist das Merinoschaf, dessen extrem feine Fasern einen Durchmesser von nur 15 bis 25 Mikrometer aufweisen. Australien, das über rund 70 Millionen Schafe verfügt, ist der weltweit größte Produzent von Merinowolle. Weitere bedeutende Erzeugerländer sind Neuseeland, Südafrika, Argentinien, Uruguay und China. In Europa spielen Großbritannien und Spanien eine traditionelle Rolle in der Schafzucht.
Neben dem Merinoschaf liefern zahlreiche weitere Rassen Schurwolle mit unterschiedlichen Eigenschaften. Cheviot-Schafe erzeugen eine robuste, eher grobe Faser, die sich besonders für Teppiche und strapazierfähige Oberbekleidung eignet. Bergschafe und Heidschnucken produzieren eine mischfaserige Wolle mit deutlichem Anteil an Grannenhaaren. Die Rasse bestimmt somit maßgeblich den Verwendungszweck und den Marktwert der gewonnenen Schurwolle.
Gewinnung durch Schafschur
Die Schur erfolgt in der Regel einmal jährlich, meist im Frühjahr vor Beginn der warmen Monate. In Ländern mit mildem Klima wird teilweise auch zweimal pro Jahr geschoren. Professionelle Scherer verwenden elektrische Schermaschinen und können ein erfahrenes Tier in wenigen Minuten vollständig von seinem Vlies befreien. Ein einzelnes Merinoschaf liefert dabei zwischen 4 und 10 Kilogramm Rohwolle pro Schur, wobei das Gewicht je nach Rasse, Haltung und Futterbedingungen schwankt.
Das abgenommene Vlies wird nach der Schur zunächst grob sortiert. Verschiedene Körperpartien des Schafes liefern Wolle unterschiedlicher Qualität: Die feinste und sauberste Faser stammt von den Schultern und Flanken, während Bauchwolle und Beinwolle gröber und stärker verschmutzt sind. Diese Vliesklassierung ist ein entscheidender Schritt für die spätere Verarbeitung und Preisbildung.
Eigenschaften der Faser
Schurwolle besitzt eine Reihe natürlicher Eigenschaften, die sie von synthetischen Fasern und anderen Naturfasern unterscheidet:
- Thermoregulation: Die gekräuselte Faserstruktur schließt Luft ein und wirkt sowohl wärmeisolierend als auch temperaturausgleichend. Schurwolle wärmt bei Kälte und kühlt bei moderater Hitze.
- Feuchtigkeitsmanagement: Wollfasern können bis zu 33 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Diese Eigenschaft wird durch die hygroskopische Struktur des Keratins ermöglicht.
- Elastizität: Einzelne Fasern lassen sich um bis zu 30 Prozent ihrer Länge dehnen und kehren anschließend in ihre Ausgangsform zurück. Das verleiht Wollgeweben eine natürliche Knitterbeständigkeit.
- Selbstreinigung: Die schuppige Oberfläche der Wollfaser und das natürlich enthaltene Wollfett (Lanolin) sorgen dafür, dass Schmutz und Gerüche weniger stark haften als bei vielen anderen Textilien.
- Schwer entflammbar: Wolle entzündet sich erst bei Temperaturen über 560 °C und erlischt bei Entfernung der Flamme von selbst, ohne zu schmelzen oder zu tropfen.
Verarbeitung von der Rohwolle zum Garn
Die frisch geschorene Rohwolle – auch Schweißwolle genannt – enthält neben der eigentlichen Faser erhebliche Mengen an Wollfett, Schweiß, Sand und pflanzlichen Rückständen. Der Anteil dieser Verunreinigungen kann bis zu 50 Prozent des Rohgewichts ausmachen. Im ersten Verarbeitungsschritt wird die Wolle gewaschen, ein Vorgang, der als Wollwäsche bezeichnet wird. Das dabei gewonnene Lanolin findet als Rohstoff in der Kosmetik- und Pharmaindustrie Verwendung.
Nach dem Waschen folgen das Kardieren oder Kämmen der Fasern, um sie parallel auszurichten und Kurzfasern zu entfernen. Gekämmte Wolle ergibt das feine Kammgarn, das für glatte, leichte Stoffe verwendet wird. Kardierte Wolle wird zu Streichgarn verarbeitet, das voluminöser und wärmer ist. Anschließend werden die vorbereiteten Faserbänder zu Garn versponnen, gefärbt und zu Stoffen verwebt oder verstrickt.
Qualitätskennzeichnung und Handel
Das Woolmark-Zeichen, vergeben durch die internationale Organisation The Woolmark Company, ist das bekannteste Gütesiegel für reine Schurwolle. Es garantiert einen Schurwollanteil von mindestens 99,7 Prozent. Daneben existieren die Zeichen Woolmark Blend (mindestens 50 Prozent Schurwolle) und Wool Blend (mindestens 30 Prozent). Die Feinheit der Wolle wird in Mikron angegeben und bestimmt den Preis: Superfeine Merinowolle unter 16,5 Mikrometer erzielt auf dem Weltmarkt Spitzenpreise, während gröbere Qualitäten über 30 Mikrometer deutlich günstiger gehandelt werden.
Der globale Handel mit Rohwolle wird maßgeblich über Auktionen in Sydney,