Seide
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Definition und Überblick
Seide ist eine natürliche Proteinfaser tierischen Ursprungs, die von bestimmten Insektenlarven – vor allem vom Maulbeerspinner (Bombyx mori) – zur Bildung ihres Kokons erzeugt wird. Das daraus gewonnene Textilmaterial zählt zu den ältesten und wertvollsten Tiererzeugnissen der Menschheitsgeschichte. Chemisch betrachtet besteht Seide hauptsächlich aus dem Strukturprotein Fibroin, das von einer Schicht aus Sericin (Seidenleim) umhüllt wird. Die besondere Kombination aus Festigkeit, Elastizität, Glanz und Geschmeidigkeit macht Seide seit Jahrtausenden zu einem begehrten Rohstoff für hochwertige Textilien.
Biologische Grundlagen der Seidenproduktion
Der Maulbeerspinner durchläuft als holometaboles Insekt eine vollständige Metamorphose: Ei, Larve (Raupe), Puppe und Falter. Die Seidenproduktion ist an das Larvenstadium gebunden. Die Seidenraupe besitzt ein Paar modifizierter Speicheldrüsen, die sogenannten Spinndrüsen (Sericterien), die sich über die gesamte Körperlänge erstrecken und in einer gemeinsamen Spinnwarze am Kopf münden.
Gegen Ende des fünften Larvenstadiums beginnt die Raupe, ihren Kokon zu spinnen. Sie bewegt dabei ihren Kopf in einer charakteristischen Achterbewegung und legt einen einzigen, ununterbrochenen Faden von bis zu 3.000 Metern Länge in zahlreichen Schichten um sich herum ab. Der frisch gesponnene Faden besteht aus zwei Fibroin-Filamenten (Brins), die durch Sericin miteinander verklebt sind und zusammen das sogenannte Bave bilden. Die Einzelfaser hat einen Durchmesser von etwa 10 bis 15 Mikrometern.
Neben Bombyx mori produzieren auch andere Insektenarten Seide. Dazu gehören verschiedene Arten der Gattung Antheraea (Eichenseidenspinner), deren Produkt als Tussahseide oder Wildseide bezeichnet wird. Auch Spinnen erzeugen Seidenfäden, deren Eigenschaften in der Materialforschung intensiv untersucht werden – eine kommerzielle Nutzung für Textilien ist jedoch bislang nicht wirtschaftlich umsetzbar.
Seidengewinnung und Verarbeitung
Die planmäßige Zucht des Maulbeerspinners wird als Serikultur (Seidenbau) bezeichnet. Sie hat ihren Ursprung im alten China, wo sie bereits vor über 5.000 Jahren betrieben wurde. Bombyx mori ist heute ein vollständig domestiziertes Insekt, das in freier Natur nicht mehr überlebensfähig ist. Die Raupen werden ausschließlich mit Blättern des Weißen Maulbeerbaums (Morus alba) gefüttert.
Die Verarbeitung der Rohseide erfolgt in mehreren Schritten:
- Abtöten der Puppen: Um zu verhindern, dass der schlüpfende Falter den Kokon durchbricht und den Endlosfaden zerstört, werden die Kokons etwa zehn Tage nach Abschluss des Spinnvorgangs durch Hitze (Heißluft, Dampf oder Trocknung) abgetötet.
- Abhaspeln (Filieren): Die Kokons werden in warmem Wasser eingeweicht, um das Sericin aufzulösen und den Fadenanfang freizulegen. Anschließend werden die Fäden mehrerer Kokons (meist fünf bis zehn) gleichzeitig abgewickelt und zu einem Rohseidenfaden (Grège) zusammengeführt.
- Entbasten (Degummieren): Durch Kochen in Seifenlauge wird das restliche Sericin entfernt. Dabei verliert die Seide etwa 20 bis 30 Prozent ihres Gewichts, gewinnt jedoch ihren charakteristischen Glanz und ihre weiche Griffigkeit.
- Zwirnen und Weben: Die entbasteten Fäden werden je nach gewünschter Qualität gezwirnt (verdreht) und zu verschiedenen Geweben verarbeitet.
Für die Herstellung von einem Kilogramm Rohseide werden etwa 5.000 bis 10.000 Kokons benötigt. Nicht abhaspelbare Kokonreste und beschädigte Kokons werden als Schappe (Florettseide) verarbeitet – ein Kurzfaserprodukt mit weniger Glanz, aber ähnlichen Trageeigenschaften.
Eigenschaften und Verwendung
Seide vereint eine Reihe von Materialeigenschaften, die sie von anderen Naturfasern unterscheiden. Sie besitzt eine Zugfestigkeit, die mit der von Stahldraht gleichen Durchmessers vergleichbar ist, lässt sich aber gleichzeitig um bis zu 20 Prozent ihrer Länge dehnen. Ihre Fähigkeit, bis zu einem Drittel ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufzunehmen, ohne sich nass anzufühlen, macht sie besonders angenehm auf der Haut. Der sogenannte Seidenglanz entsteht durch die prismatische Struktur des Fibroins, die einfallendes Licht bricht und reflektiert.
Traditionelle Einsatzbereiche umfassen Bekleidung, Bettwäsche, Schals, Krawatten und Dekorationsstoffe. In der Medizin dient Seidenfaden seit Langem als chirurgisches Nahtmaterial. In der modernen Forschung werden Seidenproteine für biomedizinische Anwendungen wie Gewebezüchtung und kontrollierte Wirkstofffreisetzung untersucht.
Wirtschaftliche Bedeutung und Hauptproduktionsländer
Die globale Rohseidenproduktion beträgt jährlich rund 150.000 bis 200.000 Tonnen. China dominiert den Weltmarkt mit einem Anteil von über 70 Prozent, gefolgt von Indien als zweitgrößtem Produzenten. Weitere Erzeugerländer sind Usbekistan, Thailand, Brasilien und Vietnam. In Europa spielte die Seidenproduktion historisch eine bedeutende Rolle – insbesondere in Italien, Frankreich und Spanien –, ist dort heute jedoch nahezu vollständig eingestellt.
Tierschutz und ethische Aspekte
Da bei der konventionellen Sei