Wolle
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Definition und Überblick
Wolle bezeichnet die weichen, gekräuselten Fasern des Haarkleides bestimmter Tierarten, die durch Schur, Auskämmen oder Sammeln gewonnen und zu textilen Zwecken verarbeitet werden. Im engeren Sinne meint der Begriff das Vlies des Hausschafs (Ovis aries), das seit Jahrtausenden als eines der wichtigsten Tierprodukte der Menschheitsgeschichte gilt. Im weiteren Sinne werden auch Fasern von Ziegen, Kaninchen, Kamelen und anderen Tieren als Wolle bezeichnet, wobei diese häufig eigene Handelsnamen tragen. Als nachwachsender Rohstoff vereint Wolle Eigenschaften, die von keiner Kunstfaser vollständig nachgeahmt werden können: Thermoregulation, Feuchtigkeitsmanagement, Elastizität und natürliche Schwerentflammbarkeit.
Herkunft und Geschichte
Die Nutzung von Wolle reicht bis in die Jungsteinzeit zurück. Archäologische Funde belegen, dass bereits um 6000 v. Chr. im Vorderen Orient Schafe nicht mehr nur wegen Fleisch und Milch, sondern gezielt wegen ihres Vlieses gehalten wurden. Frühe Wildschafe besaßen ein doppeltes Haarkleid aus grobem Deckhaar und feiner Unterwolle. Durch gezielte Zucht über Jahrtausende hinweg entstand das dichte, gleichmäßige Wollvlies moderner Schafrassen. Im Mittelalter war der Wollhandel ein zentraler Wirtschaftsfaktor in Europa – englische Merinowolle und flämische Tuchmacherei prägten ganze Regionen. Mit der Einführung von Merinoschafen in Australien und Neuseeland im 18. und 19. Jahrhundert verlagerte sich die Wollproduktion auf die Südhalbkugel, wo sie bis heute dominiert.
Wollliefernde Tierarten
Obwohl das Hausschaf die mit Abstand bedeutendste Wollquelle darstellt, liefern auch andere Tierarten geschätzte Fasern:
- Merinoschaf: Liefert besonders feine Wolle mit einem Faserdurchmesser von 15–24 Mikrometern. Australien ist der weltweit größte Produzent von Merinowolle.
- Kaschmirziege: Ihre feine Unterwolle, das Kaschmir, zählt zu den edelsten Naturfasern und wird vor allem in der Mongolei, China und dem Iran gewonnen.
- Angoraziege: Produziert Mohair, eine glänzende, strapazierfähige Faser. Haupterzeugerländer sind Südafrika und die Türkei.
- Angorakaninchen: Liefert Angorawolle, eine extrem leichte und wärmende Faser, die durch Auskämmen oder Schur gewonnen wird.
- Alpaka und Lama: Südamerikanische Kameliden mit seidig-weicher Faser, die kein Lanolin enthält und daher für Allergiker oft besser verträglich ist.
- Kamel (Trampeltier): Die feine Unterwolle des Baktrischen Kamels wird während des natürlichen Fellwechsels gesammelt.
- Yak: Die dichte Unterwolle des Hochlandrindes wird in Zentralasien traditionell zu Textilien verarbeitet.
Aufbau und Eigenschaften der Wollfaser
Wollfasern bestehen aus dem Protein Keratin, dem gleichen Stoff, der auch Hörner, Hufe und Krallen bildet. Jede einzelne Faser weist einen charakteristischen Aufbau auf: Die äußere Schuppenschicht (Cuticula) umgibt eine faserige Rindenschicht (Cortex), die für Festigkeit und Elastizität sorgt. Bei gröberen Fasern findet sich im Kern zusätzlich ein Mark (Medulla).
Die Kräuselung der Wollfaser entsteht durch eine asymmetrische Anordnung zweier unterschiedlicher Zelltypen im Cortex. Diese natürliche Wellenform verleiht dem Textil sein Volumen und seine Fähigkeit, Luft einzuschließen – die Grundlage für die hervorragende Wärmeisolation. Eine einzelne Merinofaser kann bis zu 30 Prozent ihres Eigengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich nass anzufühlen. Dabei wird sogar Wärme freigesetzt, ein Phänomen, das als Absorptionswärme bezeichnet wird.
Weitere Eigenschaften im Überblick:
- Elastizität: Wolle lässt sich um bis zu 30 Prozent ihrer Länge dehnen und kehrt in die Ausgangsform zurück.
- Selbstreinigung: Die Schuppenschicht weist Schmutz ab und reduziert Geruchsbildung.
- Schwerentflammbarkeit: Wolle entzündet sich erst bei etwa 560 °C und erlischt ohne externe Flamme von selbst.
- UV-Schutz: Wollfasern absorbieren einen erheblichen Teil der ultravioletten Strahlung.
Gewinnung und Verarbeitung
Die Schafschur findet in den meisten Regionen einmal jährlich im Frühjahr statt. Ein geübter Scherer bearbeitet ein Schaf in wenigen Minuten und gewinnt dabei das Vlies möglichst in einem Stück. Das frisch geschorene Rohvlies, auch Schweißwolle genannt, enthält neben der eigentlichen Faser etwa 10–25 Prozent Wollfett (Lanolin), Schweiß, Schmutz und pflanzliche Verunreinigungen.
In der anschließenden Aufbereitung wird die Rohwolle sortiert, gewaschen und vom Lanolin befreit – ein Vorgang, der als Entschweißen oder Wollwäsche bezeichnet wird. Das gewonnene Lanolin findet in der Kosmetik- und Pharmaindustrie Verwendung. Nach dem Trocknen folgen Kardieren (Krempeln) oder Kämmen, um die Fasern parallel auszurichten. Je nach Verfahren entstehen Streichgarn (aus kürzeren, ungeordneten Fasern) oder Kammgarn (aus langen, parallelen Fasern), die sich in Textur und Verwendungszweck deutlich unterscheiden.
Wirtschaftliche Bedeutung und Tierschutz
Die weltweite Wollproduktion beträgt rund 1,1 Millionen Tonnen Schurwolle pro Jahr. Australien, China, Neuseeland und die Türkei sind die führenden Erzeugerländer. Trotz der Konkurrenz durch Synthetikmaterialien behauptet sich Wolle in Marktsegmenten, in denen Tragekomfort, Nachhaltigkeit