Blutwurm
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Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Glycera dibranchiata (häufigste Art); Gattung Glycera
- Stamm: Ringelwürmer (Annelida)
- Klasse: Vielborster (Polychaeta)
- Ordnung: Phyllodocida
- Familie: Glyceridae
- Lebensraum: Marine Weichböden, Wattflächen, Küstensedimente
- Größe: 10–37 cm, je nach Art
- Gewicht: Wenige Gramm (selten über 5 g)
- Lebenserwartung: 3–5 Jahre
Begriffsklärung
Der deutsche Trivialname „Blutwurm" wird für verschiedene Organismen verwendet. Am häufigsten bezeichnet er die marinen Vielborster der Gattung Glycera, insbesondere Glycera dibranchiata und Glycera alba. Daneben wird der Begriff gelegentlich für die roten Larven der Zuckmücken (Chironomidae) gebraucht, die in Süßgewässern leben und als Fischfutter bekannt sind. Dieser Artikel behandelt ausschließlich die marinen Blutwürmer der Familie Glyceridae.
Aussehen & Merkmale
Blutwürmer besitzen einen langgestreckten, zylindrischen Körper, der in zahlreiche gleichartige Segmente (Metamere) gegliedert ist. Ihre Färbung reicht von blassrosa bis intensiv blutrot – eine Eigenschaft, die ihnen den deutschen Namen eingetragen hat. Die auffällige Rotfärbung geht auf das Hämoglobin in der Körperflüssigkeit (Coelomflüssigkeit) zurück. Anders als bei vielen anderen Ringelwürmern liegt das Hämoglobin bei Glycera nicht in Blutgefäßen, sondern frei gelöst in der Leibeshöhle vor, da ein geschlossenes Blutgefäßsystem fehlt.
Jedes Segment trägt seitlich kleine Parapodien (Stummelfüßchen) mit feinen Borsten (Chaetae), die der Fortbewegung im Sediment dienen. Am Vorderende sitzt ein kegelförmiges Prostomium mit vier kleinen Antennen. Das auffälligste anatomische Merkmal ist der ausstülpbare Pharynx (Rüssel), der mit vier kräftigen, hakenförmigen Kiefern aus chitinösem Material bewehrt ist. Diese schwarzen Kiefer enthalten – einzigartig im Tierreich – das Kupfermineral Atacamit, das ihnen besondere Härte verleiht. Zudem verfügen die Kieferbasis und zugehörige Giftdrüsen über ein Sekret, das beim Beutefang und zur Verteidigung eingesetzt wird. Ein Biss kann auch beim Menschen eine schmerzhafte, mit einem Bienenstich vergleichbare Reaktion auslösen.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet der Gattung Glycera erstreckt sich über weite Teile der gemäßigten und subtropischen Küstengewässer. Glycera dibranchiata kommt vor allem an der nordamerikanischen Atlantikküste vor, von der kanadischen Provinz Nova Scotia bis hinunter nach North Carolina. Glycera alba und Glycera tridactyla besiedeln die europäischen Küsten, einschließlich der Nordsee, des Ärmelkanals und des Mittelmeers.
Das bevorzugte Habitat sind sandige und schlickige Weichböden im Gezeitenbereich (Eulitoral) sowie flache Sublitoralzonen bis in Tiefen von etwa 40 Metern. Blutwürmer graben sich in das Sediment ein und legen darin U-förmige oder verzweigte Gänge an. In Wattflächen und Flussmündungsgebieten (Ästuaren) können sie hohe Populationsdichten erreichen. Sie tolerieren mäßige Schwankungen des Salzgehalts, bevorzugen jedoch vollmarine Bedingungen.
Ernährung
Blutwürmer sind räuberische Organismen. Sie ernähren sich von kleinen wirbellosen Tieren, darunter andere Polychaeten, Oligochaeten, Nematoden und winzige Krebstiere, die sie im Sediment aufspüren. Der ausstülpbare Pharynx wird blitzartig vorgeschnellt, um die Beute zu packen. Die vier Kiefer durchbohren das Opfer, während das Giftsekret eine lähmende Wirkung entfaltet. Zusätzlich nehmen Blutwürmer organische Partikel und Detritus auf, die sich in ihren Wohnröhren ansammeln. Die Ernährungsweise lässt sich daher als omnivor mit deutlich räuberischem Schwerpunkt beschreiben.
Verhalten & Lebensweise
Blutwürmer leben einzelgängerisch und sind überwiegend nachtaktiv. Tagsüber verbleiben sie in ihren Sedimentgängen, in der Dunkelheit werden sie aktiver und bewegen sich durch das Substrat. Die Fortbewegung erfolgt durch peristaltische Kontraktionen des Hautmuskelschlauchs in Kombination mit dem Einsatz der Parapodien. Trotz ihrer grabenden Lebensweise können Blutwürmer bei Störung auch kurze Strecken schwimmen, indem sie den Körper schlängelnd durch das freie Wasser bewegen.
Bei Bedrohung stülpen sie den mit Kiefern besetzten Pharynx aus und können damit empfindlich zubeißen. Fischer, die Glycera als Köder für den Meeresangelsport sammeln, kennen diese Abwehrreaktion und handhaben die Würmer entsprechend vorsichtig. Insbesondere in Maine (USA) stellt das gewerbliche Sammeln von Blutwürmern eine wirtschaftlich relevante Tätigkeit dar; die Tiere werden als hochwertige Angelköder weltweit exportiert.
Fortpflanzung & Aufzucht
Die Fortpflanzung der Blutwürmer erfolgt geschlechtlich. Die meisten Arten sind getrenntgeschlechtlich (gonochoristisch). Eizellen und Spermien reifen in der Leibeshöhle heran und werden während synchronisierter Massenlaichereignisse ins freie Wasser abgegeben. Diese Laichvorgänge finden typischerweise im Frühjahr oder Frühsommer statt und werden vermutlich durch Wassertemperatur, Mondphasen und chemische Signalstoffe ausgelöst.
Die Befruchtung findet extern in der Wassersäule statt. Aus den befruchteten