Europäischer Nerz
ETierart – Säugetiere > Raubtiere – Marder
Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Mustela lutreola
- Ordnung: Raubtiere (Carnivora)
- Familie: Marder (Mustelidae)
- Gattung: Mustela
- Lebensraum: Gewässernahe Lebensräume wie Flussauen, Bachläufe, Sümpfe und Moorgebiete
- Größe: Kopf-Rumpf-Länge 30–43 cm, Schwanzlänge 12–19 cm
- Gewicht: 400–800 g (Männchen schwerer als Weibchen)
- Lebenserwartung: 6–8 Jahre in freier Wildbahn, bis zu 12 Jahre in Gefangenschaft
Aussehen & Merkmale
Der Europäische Nerz ist ein kleines, schlankes Raubtier mit dem für Marder typischen langgestreckten Körperbau und kurzen Beinen. Das Fell ist gleichmäßig dunkelbraun bis schokoladenbraun gefärbt und besitzt eine dichte, wasserabweisende Unterwolle. Diese doppelschichtige Fellstruktur schützt das Tier bei seinen häufigen Aufenthalten im Wasser vor Auskühlung. Ein charakteristisches Erkennungsmerkmal ist der weiße Fleck an Ober- und Unterlippe, der den Europäischen Nerz deutlich vom Amerikanischen Nerz (Neogale vison) unterscheidet – bei diesem ist nur die Unterlippe weiß gezeichnet.
Die Ohren sind klein und abgerundet, die Augen dunkel. Zwischen den Zehen befinden sich kleine Schwimmhäute, die zwar weniger ausgeprägt sind als beim Fischotter, dem Europäischen Nerz aber dennoch eine gute Schwimmfähigkeit verleihen. Der Schwanz ist buschig behaart und macht etwa ein Drittel der Kopf-Rumpf-Länge aus. Männchen sind in der Regel deutlich größer und schwerer als Weibchen – ein Geschlechtsdimorphismus, der bei vielen Vertretern der Familie Mustelidae vorkommt.
Lebensraum & Verbreitung
Das historische Verbreitungsgebiet des Europäischen Nerzes erstreckte sich einst über weite Teile Europas – von Frankreich und Spanien im Westen bis zum Ural im Osten. Heute ist dieses Areal auf wenige, stark fragmentierte Restvorkommen zusammengeschrumpft. Stabile Populationen existieren nur noch in Teilen Spaniens, Südwestfrankreichs, Rumäniens, der Ukraine und in einigen Regionen Russlands. In Estland wurde die Art trotz früherer Vorkommen als ausgestorben eingestuft, allerdings laufen dort Wiederansiedlungsprojekte auf der Insel Hiiumaa.
Als Habitat bevorzugt der Europäische Nerz gewässernahe Biotope mit dichter Ufervegetation. Typische Lebensräume sind naturbelassene Bachläufe, Flussauen, Sumpfgebiete und Moorlandschaften. Die Nähe zu fließenden oder stehenden Gewässern ist für diese Art obligatorisch. Die Tiere meiden offene, vegetationsarme Gewässerabschnitte und sind auf strukturreiche Uferbereiche mit Totholz, Wurzelwerk und dichtem Bewuchs angewiesen.
Ernährung
Der Europäische Nerz ist ein opportunistischer Jäger mit einem breiten Nahrungsspektrum. Die Hauptnahrung besteht aus kleinen Fischen, Fröschen, Krebstieren und Wasserinsekten. Ergänzend stehen Kleinsäuger wie Wühlmäuse, Vögel und deren Eier sowie Schnecken und andere Wirbellose auf dem Speiseplan. Die Nahrungszusammensetzung variiert saisonabhängig: Im Frühjahr und Sommer überwiegen Amphibien und Krebstiere, im Herbst und Winter gewinnen Fische und Kleinsäuger an Bedeutung.
Die Jagd erfolgt sowohl an Land als auch im Wasser. Der Nerz taucht geschickt nach Beute und kann dabei bis zu 20 Sekunden unter Wasser bleiben. Am Ufer sucht er systematisch Höhlen, Spalten und dichtes Unterholz nach Nahrung ab.
Verhalten & Lebensweise
Europäische Nerze leben einzelgängerisch und sind vorwiegend dämmerungs- und nachtaktiv. Jedes Tier bewohnt ein festes Revier, das sich entlang eines Gewässerabschnitts erstreckt. Die Reviergrößen variieren erheblich: Männchen beanspruchen Uferstrecken von 7 bis 20 Kilometern Länge, Weibchen deutlich kleinere Abschnitte von 2 bis 8 Kilometern. Die Reviere der Männchen überlappen sich häufig mit denen mehrerer Weibchen, während gleichgeschlechtliche Artgenossen in der Regel auf Distanz gehalten werden.
Als Tagesverstecke dienen verlassene Baue anderer Tiere, Hohlräume unter Baumwurzeln, Steinhaufen oder selbst gegrabene Erdbaue in Ufernähe. Ein Tier nutzt in seinem Revier mehrere solcher Unterschlupfe abwechselnd. Der Europäische Nerz ist ein hervorragender Schwimmer und verbringt einen erheblichen Teil seiner Aktivitätszeit im oder am Wasser.
Fortpflanzung & Aufzucht
Die Paarungszeit (Ranz) liegt zwischen Februar und April. Anders als beim Amerikanischen Nerz gibt es beim Europäischen Nerz keine verzögerte Einnistung der befruchteten Eizellen. Die Tragzeit beträgt daher nur etwa 35 bis 72 Tage – die Spanne ergibt sich durch eine variable Phase vor der eigentlichen Embryonalentwicklung. Ein Wurf umfasst in der Regel 2 bis 7 Jungtiere, die blind und nackt zur Welt kommen.
Die Jungtiere öffnen die Augen nach etwa vier Wochen und werden rund zehn Wochen gesäugt. Ab einem Alter von etwa acht Wochen beginnen sie, das Muttertier auf Jagdausflügen zu begleiten. Im Herbst lösen sich die Jungtiere vom Muttertier und suchen ein eigenes Revier. Die Geschlechtsreife wird mit etwa einem Jahr erreicht. Die Aufzucht obliegt allein dem Weibchen – das Männchen beteiligt sich nicht an der Jungenaufzucht.
Bedrohung & Schutzstatus
Der Europäische Nerz zählt zu den am stärksten bedrohten Säugetieren Europas. Die IUCN stuft die Art als vom Aussterben bedroht (Critically