Geweih
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Definition & Überblick
Das Geweih ist ein knöchernes, periodisch abgeworfenes und erneut gebildetes Stirnorgan, das bei den meisten Vertretern der Familie der Hirsche (Cervidae) vorkommt. Im Gegensatz zum dauerhaften Horn der Bovidae besteht das Geweih aus kompakter Knochensubstanz (Os cornu) ohne Hornscheide und stellt das am schnellsten wachsende Knochengewebe im gesamten Tierreich dar. Beim überwiegenden Teil der Cerviden tragen ausschließlich die männlichen Tiere ein Geweih; eine bemerkenswerte Ausnahme bildet das Ren (Rangifer tarandus), bei dem auch die weiblichen Tiere ein – wenngleich kleineres – Geweih ausbilden.
Das Geweih dient primär als sekundäres Geschlechtsmerkmal und Waffe im intramaskulinen Rivalenkampf während der Brunft. Sein jährlicher Zyklus aus Wachstum, Verknöcherung, Abwurf und Regeneration wird maßgeblich durch den Testosteronspiegel und die Photoperiode gesteuert und stellt ein einzigartiges Modell vollständiger Organregeneration bei Säugetieren dar.
Aufbau & Struktur
Das Geweih sitzt auf dem Rosenstock (Pediculus), einem permanenten, zapfenförmigen Knochenfortsatz des Stirnbeins (Os frontale). Am Übergang zwischen Rosenstock und eigentlicher Geweihstange befindet sich die Rose – ein wulstartig verdickter, perliger Knochenring, der die Abwurfstelle markiert.
Der anatomische Aufbau gliedert sich in folgende Abschnitte:
- Stange (Hauptstange): Der zentrale, aufsteigende Schaft des Geweihs, von dem die Seitensprossen abzweigen.
- Sprossen (Enden): Seitlich oder terminal abgehende Verzweigungen, deren Anzahl art- und altersabhängig variiert. Beim Rothirsch (Cervus elaphus) unterscheidet man unter anderem Augsprosse, Eissprosse, Mittelsprosse und Krone.
- Krone: Die terminale Aufgabelung am Ende der Stange, besonders ausgeprägt beim Rothirsch.
Histologisch besteht das fertig ausgebildete Geweih aus kompaktem Lamellenknochen (Substantia compacta) im äußeren Bereich und spongiösem Knochen (Substantia spongiosa) im Inneren. Während der Wachstumsphase wird das Geweih von einer stark vaskularisierten, behaarten Haut überzogen – dem sogenannten Bast (Velvet). Dieser Bast enthält ein dichtes Netz aus Blutgefäßen, Nervenfasern und mesenchymalen Stammzellen, die das rasche enchondrale und intramembranöse Knochenwachstum ermöglichen. Wachstumsraten von bis zu zwei Zentimetern pro Tag sind bei Wapiti und Elch dokumentiert.
Nach abgeschlossener Ossifikation unterbricht der ansteigende Testosteronspiegel die Blutzufuhr zum Bast. Dieser trocknet ein und wird vom Tier durch Fegen an Bäumen und Sträuchern entfernt, wobei die typische blanke, elfenbeinfarbene bis braune Knochenoberfläche freigelegt wird.
Funktion
Das Geweih erfüllt mehrere biologische Funktionen:
- Intraspezifischer Kampf: Während der Brunft dient es als Waffe bei Kommentkämpfen zwischen rivalisierenden Hirschen. Die Stangen werden ineinander verhakt, und die Kontrahenten messen ihre Kraft durch Schieben und Drücken.
- Sexuelle Selektion: Größe, Symmetrie und Sprossenzahl des Geweihs signalisieren den Weibchen die genetische Fitness, den Ernährungszustand und die Dominanz eines Hirsches.
- Rangdokumentation: Bereits vor dem eigentlichen Kampf ermöglicht das optische Imponieren durch das Geweih eine hierarchische Einordnung, die energiekostspieligen Auseinandersetzungen vorbeugt.
- Verteidigung: In seltenen Fällen wird das Geweih gegen Prädatoren eingesetzt.
Unterschiede zwischen Tierarten
Die Geweihform variiert innerhalb der Cervidae erheblich und ist ein wichtiges taxonomisches Merkmal:
- Rothirsch (Cervus elaphus): Vielendiges, stark verzweigtes Stangengeweih mit ausgeprägter Kronenbildung. Alte Hirsche können 20 und mehr Enden tragen.
- Rehwild (Capreolus capreolus): Vergleichsweise kleines Geweih mit üblicherweise sechs Enden (Sechser-Gehörn). Die Stangen sind kurz, aufrecht und wenig verzweigt; an der Basis zeigen sich typische Perlungen.
- Damhirsch (Dama dama): Charakteristisches Schaufelgeweih mit flächig verbreiterten distalen Abschnitten (Palma), aus deren Rand kurze Sprossen hervortreten.
- Elch (Alces alces): Das größte Geweih aller rezenten Cerviden, ebenfalls als Schaufelgeweih ausgebildet. Spannweiten von bis zu zwei Metern und Gewichte über 35 Kilogramm sind dokumentiert.
- Rentier (Rangifer tarandus): Beide Geschlechter geweihttragend. Die Stangen sind lang, gebogen und teilweise schaufelartig verbreitert, mit einer auffälligen Augschaufel.
- Muntjak (Muntiacus spp.): Sehr kleines, einfaches Geweih auf auffällig langen Rosenstöcken; selten länger als 15 Zentimeter.
Besonderheiten
Das Geweih ist das einzige Organ eines Säugetieres, das regelmäßig vollständig regeneriert wird. Die Abwurfstelle am Rosenstock bildet eine Abscisionszone, in der Osteoklasten den Knochen gezielt resorbieren, bis die Stange abfällt. Innerhalb weniger Tage bedeckt eine Wundhaut die Bruchstelle,