Hirschkäfer
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Steckbrief
- Wissenschaftlicher Name: Lucanus cervus
- Ordnung: Käfer (Coleoptera)
- Familie: Schröter (Lucanidae)
- Gattung: Lucanus
- Lebensraum: Laubwälder, Eichenwälder, Parks und alte Obstgärten mit Totholzbestand
- Größe: Männchen 25–75 mm (mit Mandibeln bis 90 mm), Weibchen 25–45 mm
- Gewicht: 2–9 g
- Lebenserwartung: 3–8 Jahre (Gesamtentwicklung); Imagines leben nur wenige Wochen
Aussehen & Merkmale
Der Hirschkäfer ist der größte einheimische Käfer Mitteleuropas und gleichzeitig einer der auffälligsten Vertreter der Ordnung Coleoptera auf dem europäischen Kontinent. Der ausgeprägte Geschlechtsdimorphismus macht die Art unverwechselbar: Die Männchen tragen stark vergrößerte, geweihförmig verzweigte Oberkiefer (Mandibeln), die an das Geweih eines Hirschs erinnern und dem Tier seinen deutschen Namen eingebracht haben. Diese Mandibeln können nahezu die Hälfte der gesamten Körperlänge ausmachen. Bei den Weibchen sind die Oberkiefer deutlich kürzer, dafür aber kräftiger und funktionaler – ein Biss des Weibchens ist erheblich schmerzhafter als der des Männchens.
Die Deckflügel (Elytren) sind dunkelbraun bis schwarzbraun gefärbt und glatt glänzend. Kopf und Halsschild der Männchen erscheinen oft schwarz, während die vergrößerten Mandibeln eine rötlichbraune Tönung aufweisen können. Die Körperunterseite ist schwarz. Die Fühler sind gekniet und enden in einer kleinen, fächerförmigen Keule aus Lamellen, wie es für die Familie der Schröter typisch ist. Die sechs Beine sind kräftig gebaut und mit Klauen versehen, die dem Tier sicheren Halt an Baumrinde geben.
Lebensraum & Verbreitung
Das Verbreitungsgebiet von Lucanus cervus erstreckt sich über weite Teile Europas – von der Iberischen Halbinsel im Westen bis nach Kleinasien im Osten, von Südengland und Südschweden im Norden bis zum Mittelmeerraum im Süden. In Deutschland kommt die Art vor allem in den wärmebegünstigten Regionen der Tiefebenen und Mittelgebirge vor, mit Schwerpunkten in Hessen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern.
Das bevorzugte Habitat sind alte, lichte Laubwälder mit hohem Eichenanteil. Eichenwälder bieten das entscheidende Substrat: morsches, von Weißfäule zersetztes Totholz im Wurzelbereich alter oder abgestorbener Bäume. Daneben besiedelt der Hirschkäfer auch Streuobstwiesen, alte Parkanlagen, Friedhöfe und Alleen – überall dort, wo alte Laubbäume mit ausreichend Totholz vorhanden sind. Dieses Biotop muss zusätzlich ein warm-trockenes Mikroklima aufweisen, da die Art wärmeliebend ist.
Ernährung
Die adulten Hirschkäfer (Imagines) nehmen nur flüssige Nahrung zu sich. Sie lecken mit ihrer bürstenartigen Unterlippe austretende Baumsäfte auf, bevorzugt an verletzten Stellen von Eichen, seltener auch an Buchen, Linden oder Obstbäumen. Diese Saftstellen, die durch Gärung einen süßlich-alkoholischen Geruch verströmen, ziehen oft mehrere Individuen gleichzeitig an und werden zu regelrechten Treffpunkten.
Die Larven hingegen ernähren sich von morschem, durch Pilze zersetztem Totholz. Sie bevorzugen dabei Holz, das bereits von Weißfäulepilzen durchdrungen ist, da diese das Lignin abbauen und die Zellulose für die Larven verwertbar machen. Die Larven fressen sich über mehrere Jahre durch das unterirdische Wurzelholz und tragen so zur Humusbildung und zum Nährstoffkreislauf im Waldboden bei.
Verhalten & Lebensweise
Hirschkäfer sind vorwiegend dämmerungs- und nachtaktiv. Die Flugzeit der Imagines erstreckt sich in Mitteleuropa von Ende Mai bis Anfang August, mit einem Höhepunkt im Juni. An warmen Sommerabenden lassen sich die Männchen beim charakteristischen, etwas schwerfälligen Flug beobachten, bei dem sie den Körper nahezu senkrecht halten. Der Flug dient der Suche nach Weibchen und geeigneten Saftstellen.
An den Saftstellen kommt es regelmäßig zu Rivalenkämpfen zwischen Männchen. Dabei versuchen die Kontrahenten, sich gegenseitig mit den geweihartigen Mandibeln vom Ast zu hebeln – ein Verhalten, das an die Kommentkämpfe von Hirschen erinnert und ebenfalls zur Namensgebung beigetragen hat. Diese Auseinandersetzungen verlaufen selten tödlich; der unterlegene Käfer wird meist einfach abgeworfen. Trotz ihrer eindrucksvollen Größe können die Mandibeln der Männchen aufgrund der ungünstigen Hebelwirkung kaum Kraft aufbauen und dienen nicht der Nahrungsaufnahme.
Fortpflanzung & Aufzucht
Nach der Paarung, die oft am Stamm eines Baumes in der Nähe einer Saftstelle stattfindet, sucht das Weibchen geeignete Eiablagestellen auf. Es gräbt sich dazu in den Boden in der Nähe von morschem Wurzelholz ein und legt dort etwa 15 bis 30 Eier einzeln oder in kleinen Gruppen ab.
Die Larven schlüpfen nach wenigen Wochen und beginnen sofort mit der Nahrungsaufnahme im morschen Holz. Die Larvalentwicklung dauert je nach Nahrungsangebot und Temperatur zwischen drei und fünf Jahren, in ungünstigen Fällen bis zu acht Jahre. Die Engerlinge erreichen im letzten Larvenstadium eine Länge von bis zu 10 cm und gehören damit zu den größten Insektenlarven Europas. Gegen Ende der Larvenzeit baut die Larve einen faustgroßen Kokon aus Erde und Holzfasern, in dem sie sich verpuppt. Die Metamorphose zum fertigen Käfer erfolgt im Herbst, doch das Imago verbleibt bis zum folgenden Frühsommer in der Puppenwiege.