T Tierlexikon.net
← Lexikon

Hundertfüßer

H

Tierart – weltweit > Insekten & Wirbellose – weltweit (weitere)

Steckbrief

  • Wissenschaftlicher Name: Chilopoda
  • Überklasse: Tausendfüßer (Myriapoda)
  • Klasse: Chilopoda (mit vier Ordnungen: Scutigeromorpha, Lithobiomorpha, Scolopendromorpha, Geophilomorpha)
  • Stamm: Gliederfüßer (Arthropoda)
  • Lebensraum: Laubstreu, Totholz, Erdreich, Felsspalten, Höhlen – weltweit in gemäßigten bis tropischen Zonen
  • Größe: 5 mm bis über 30 cm (je nach Art)
  • Gewicht: wenige Milligramm bis etwa 30 g
  • Lebenserwartung: 3–6 Jahre, einzelne Arten bis zu 10 Jahre
  • Anzahl bekannter Arten: ca. 3.300

Aussehen & Merkmale

Hundertfüßer gehören trotz ihres Namens nicht zu den Insekten, sondern bilden innerhalb der Gliederfüßer eine eigene Klasse (Chilopoda). Der langgestreckte, dorsoventral abgeflachte Körper besteht aus einem Kopfsegment und einer variablen Zahl von Rumpfsegmenten, die jeweils ein einziges Beinpaar tragen. Diese Beinzahl ist stets ungerade – typisch sind 15, 21, 23 oder mehr Beinpaare, niemals jedoch exakt 50 Paare, also 100 Beine. Der deutsche Trivialname ist somit irreführend.

Das Exoskelett besteht aus Chitin und ist bei vielen Arten rötlich-braun, gelblich oder dunkel gefärbt. Am Kopf sitzen ein Paar gegliederte Antennen, die als Tast- und Geruchsorgane dienen. Seitlich befinden sich je nach Ordnung Punktaugen (Ocellen) oder – wie bei den Erdläufern (Geophilomorpha) – gar keine Augen. Ein entscheidendes Merkmal ist das erste Rumpfbeinpaar, das zu kräftigen Giftklauen (Maxillipeden oder Forcipulae) umgebildet ist. Mit ihnen packen und vergiften Hundertfüßer ihre Beute.

Die Beine nehmen bei vielen Arten vom Kopf zum Hinterleib hin an Länge zu, was ihnen eine schnelle, wellenförmige Fortbewegung ermöglicht. Spinnenläufer (Scutigera) besitzen besonders lange, fragile Beine und können hohe Laufgeschwindigkeiten erreichen.

Lebensraum & Verbreitung

Das Verbreitungsgebiet der Hundertfüßer erstreckt sich über alle Kontinente mit Ausnahme der Antarktis. Die höchste Artendichte findet sich in tropischen und subtropischen Regionen. In Mitteleuropa sind rund 60 Arten nachgewiesen, darunter häufige Vertreter wie der Steinläufer (Lithobius forficatus) und der Erdläufer (Geophilus flavus).

Typische Habitate sind feuchte, dunkle Mikrolebensräume: Laubstreu, morsches Totholz, Hohlräume unter Steinen und Baumrinde, Komposthaufen sowie tiefere Bodenschichten. Die Bindung an feuchte Biotope ergibt sich daraus, dass das Exoskelett der Hundertfüßer im Vergleich zu dem vieler Insekten nur eine schwach ausgeprägte Wachsschicht besitzt und daher wenig Schutz gegen Austrocknung bietet. Einige Arten – insbesondere Spinnenläufer – dringen regelmäßig in Gebäude ein, wo sie in Kellern und Badezimmern geeignete Bedingungen vorfinden.

Die tropischen Riesenhundertfüßer der Gattung Scolopendra besiedeln Regenwälder, Savannen und Halbwüsten. Scolopendra gigantea aus Südamerika gilt mit bis zu 30 cm Körperlänge als größte rezente Art.

Ernährung

Hundertfüßer sind ausnahmslos räuberisch (zoophag). Ihr Beutespektrum umfasst Insekten, Spinnen, Asseln, Regenwürmer, Schnecken und andere Wirbellose. Große tropische Arten der Ordnung Scolopendromorpha überwältigen gelegentlich auch kleine Wirbeltiere wie Frösche, Eidechsen, Mäuse und sogar Fledermäuse.

Die Jagd erfolgt überwiegend nachts. Der Hundertfüßer lokalisiert seine Beute durch Berührungs- und chemische Reize über die Antennen, packt sie mit den Maxillipeden und injiziert ein Giftgemisch aus Serotonin, Histamin und verschiedenen Proteinen. Das Gift wirkt schnell lähmend auf wirbellose Beutetiere. Für den Menschen ist der Biss der meisten europäischen Arten ungefährlich; tropische Riesenhundertfüßer können jedoch schmerzhafte, bisweilen medizinisch relevante Vergiftungen verursachen.

Verhalten & Lebensweise

Hundertfüßer sind vorwiegend nachtaktiv und einzelgängerisch. Tagsüber ruhen sie in ihren Verstecken und meiden Licht. Bei Störung reagieren viele Arten mit schneller Flucht; einige Scolopendra-Arten nehmen dagegen eine Verteidigungshaltung ein und setzen aktiv ihre Giftklauen ein.

Die Fortbewegung ist artspezifisch unterschiedlich: Steinläufer (Lithobiomorpha) sind wendige, schnelle Jäger an der Bodenoberfläche, Erdläufer (Geophilomorpha) graben sich mit wellenförmigen Körperbewegungen durch lockeres Erdreich, und Spinnenläufer (Scutigeromorpha) jagen auf offenen Flächen mit auffallend hoher Geschwindigkeit. Geophilomorpha können über 170 Beinpaare besitzen und sind damit die segmentreichsten aller Hundertfüßer.

Bei niedrigen Temperaturen verfallen viele Arten in eine Kältestarre und überwintern in frostfreien Bodenschichten oder unter Baumrinden.

Fortpflanzung & Aufzucht

Die Fortpflanzung der Hundertfüßer erfolgt über indirekte Spermienübertragung: Das Männchen legt ein Spermienpaket (Spermatophore) auf dem Boden ab, das vom Weibchen aufgenommen wird. Bei manchen Arten gibt es ein kurzes Paarungsritual, bei dem das Männchen das Weibchen mit den Anten